2001

Der Voodoo Rhythm des Reverend Beat-Man

2001«Ich will eine Botschaft rüberbringen», schmunzelt Beat Zeller alias Reverend Beat-Man. «Reverend kommt von referieren.

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Das ist meine Idee, auch wenn die Leute vielleicht die Texte nicht verstehen. Die Botschaft heisst Liebe. Und die hat viele Facetten.» Aufgepasst: Die Kirche, welcher der «Primitive Rock’n’ Roll Preacher» vorsteht, ist gar nicht sündenfrei. Satan spielt eine wichtige Rolle in seinen Messen, und sämtliche Verlockungen des Rock’n’Roll kennt der Reverend aus der Praxis. Beat-Man weiss aber auch, was Liebe heisst. «Ich liebe Bern», sagt der Weitgereiste. «Ich bin kein Schweiz-Fan, aber Bern ist mein Herz und mein Blut. Hier habe ich den Blues gefunden.» Dass er von «seiner» Stadt einen Kulturpreis erhalten hat, bedeutet Beat-Man etwas. Da sind aber noch stärkere Leidenschaften: «Ich liebe Musik über alles», sagt der 42-Jährige, in dessen Wohnung sich Berge von Schallplatten stapeln. Beat-Man ist ein Sammler und Vermittler, der schon Tausende von Konzerten gesehen und fast ebenso viele gegeben hat. Nicht immer als Prediger, aber stets mit trashiger, kompromissloser Rock-’n’-Roll-Inbrunst.

Seinen Hang zum Harten entdeckte Beat-Man schon als Teenager. Nach einer kurzen Phase mit den Bay City Rollers machte er einen abrupten Schwenker zu Status Quo. «Im ‹Bravo› las ich, das sei die härteste Band der Welt. Es ging weiter mit Motörhead, von denen es hiess, härter gehe es nun wirklich nicht mehr. Schliesslich landete ich bei Death Metal und Industrial – Bands wie Venom und Einstürzende Neubauten waren mein Heiliger Gral. Diese Musik war so brachial und unmelodiös, die konnte man gar nicht gut finden, das war einfach nur noch ‹dagegen›.» Dann entdeckte der Novize ungeahnte Zusammenhänge. «Bei Venom erfasste ich, dass Death Metal eigentlich aus den repetitiven Grooves des Blues herauskommt. Bald darauf kaufte ich meine erste Lightning-Hopkins-Platte.» Die Begegnung mit dem Folk-Blues-Pionier war nachhaltig: Wer Reverend Beat-Man heute live erlebt, fühlt sich vom schorfigen, rohen Sound ins Chicago der 1950er-Jahre zurückversetzt, wo Typen wie Howlin’ Wolf und Muddy Waters das Sagen hatten.

1986 gründete Beat-Man seine Band The Monsters, die bis heute aktiv ist. Zuvor hatte der Gitarrist dank des Berner Plattenladens Record Junkie und der Lektüre von diversen Fanzines die Wurzeln des Rock’n’ Roll freigelegt und sich vom dröhnenden Sound der Garagenbands aus den Sixties antörnen lassen. «Die Musik, die die Monsters spielten, mussten wir erst erfinden. Hier Psychobilly, dort Garage Punk: Das waren zwei Musikstile, die von Weissen gespielt wurden, sich aber vor allem an schwarzer Musik orientierten, das war der Blues des weissen Mannes. Und wir versuchten, diese beiden Stile zusammenzubringen.» Nicht ohne Erfolg: «Wir mussten nie Gigs suchen, die Leute haben uns immer angefragt. Das ist auch heute noch so. Wir spielen querbeet.» Anders als die klassischen Berner Bands mit ihrem auf lokale Märkte zugeschnittenen Mundartrock ist die Schweiz zu klein für Nischenprodukte wie die Monsters. So expandierte Beat-Man ins Ausland. Nach jahrelanger Aufbauarbeit als Fahrer, Roadie und Vorprogramm von internationalen Bands hat er sich eine weltweite Fangemeinde erspielt. Eben erst predigte der Reverend auf einer USA-Tournee, achtzehn Shows in zwanzig Tagen, von Seattle bis Denver, Colorado. Er ist viel in Europa unterwegs, vom Nordkap bis ganz in den Süden hinunter, er war in Japan und Südamerika. «Es muss die Energie sein, die die Leute fasziniert», glaubt Beat-Man. «Die Musik ist ja nicht extrem gut gemacht, für unsere Platten stehen wir nicht sechs Wochen im Studio, sondern im Schnitt nur drei Tage. Wir wollen die Energie kompromisslos rüberbringen. Du lässt es einfach raus, aber was du bewirkst, weisst du nicht.» Wenn Beat-Man mit den Monsters loslegt, geht das Trommelfell in Deckung. Die beiden Drummer sitzen sich gegenüber und kicken von zwei Seiten auf die gleiche Basstrommel, der Sound des Bassisten ist verzerrt bis zur Unkenntlichkeit. Beat-Mans Markenzeichen sind eine Stimme mit der Schneidkraft einer Motorsäge und der scheppernde Sound seiner Altbaugitarren.

Anfang der 1990er begann Beat-Man auch solo aufzutreten, um der Banddemokratie zu entfliehen und seine Ideen schneller umsetzen zu können. Er trat als Wrestler mit Maske auf und nannte sich zu Ehren seines ersten Blueshelden Lightning Beat-Man. «Ich hatte fünf Songs im Repertoire und spielte zwölf, da waren also sieben Songs spontaner Freestyle. Jedes Konzert war anders. Mein Auftritt wurde mit grossem Brimborium inszeniert. Und dann das: eine total verstimmte Gitarre, pure Energie, aber extrem mies gespielt. Das war auch die Idee dahinter: Etwas supergenial verkaufen, aber das, was du verkaufst, ist unter jeder Sau. Einige Leute haben den Witz sogar verstanden.» Nachdem er sich während einer seiner kämpferisch-ironischen Shows eine Rückenverletzung zugezogen hatte und die Stimme verlor, beherzigte Beat-Man einen Rat der Schauspielerin Meret Matter: «Sie sagte zu mir: ‹Am meisten Energie hast du, wenn du etwas Leises machst und mit der Dynamik arbeitest.›» So zog Lightning Beat-Man die Maske aus und wurde als Reverend wiedergeboren. Wirklich leise ist er nicht geworden. «Jesus Christ Twist», eine seiner Paradenummern, ist aufs Maximum reduzierter Rhythm’n’Blues. «Du nimmst einen Beat, die Stimmlage aber hat überhaupt nichts mit diesem Beat zu tun. Am Schluss wird der Song schneller und die Stimme langsamer», lacht Beat-Man. «Die Idee war auch: Wie viel kann man aus dem einen Ton rausholen, aus dem der Song besteht?»

Beat-Man’s internationale Vernetzung hat viel mit seinem Label Voodoo Rhythm Records zu tun, das er 1992 als Selbsthilfeprojekt gründete. Heute sind zwanzig Bands aus dem In- und Ausland bei ihm unter Vertrag, 56 Platten wurden veröffentlicht, von Mama Rosìns Swamp Sound über den Totengräbertango der Dead Brothers bis hin zum fiebrigen Psychedelic Blues von Roy and the Devil’s Motorcycle. «Ich sehe mich als Wegbereiter für diese Bands, bis sie auf ihren eigenen Beinen stehen können», sagt Beat-Man. Zur Identität des weltweit vertriebenen Labels gehört ein starker optischer Auftritt. «Wenns auch etwas scheppriger tönt als bei den anderen, sollen die Hüllen Hingucker sein», meint Beat-Man, der die Gestaltung meist selber übernimmt.

Ein Streit mit der schweizerischen Urheberrechtsgesellschaft Suisa hat das kleine Label an den Rand des Abgrunds gebracht und das Geschäftsmodell eines unkomplizierten «Deals» mit den Bands in Frage gestellt. Dank den Einnahmen aus rund dreissig weltweiten Benefizkonzerten kann Voodoo Rhythm trotz offener Suisa-Rechnungen weiterbestehen. «Von ganz schrägen Sachen werde ich in Zukunft aber die Finger lassen müssen», bedauert Beat-Man, dessen eigene ausufernde Diskografie mittlerweile rund vierzig Titel umfasst. «Was wir machen, ist Outsidermusik und bestimmt nicht das, was die Massen hören wollen. Die Schweiz war ja ursprünglich auch ein kleines Land von Aussenseitern. Anno dazumal mussten wir Bergler kämpfen, hatten keine grosse Wirtschaft. Ich frage mich, was aus diesem Kämpfervolk geworden ist. Bei mir ist dieser Geist noch da: Ich werde mich durchkämpfen und weiter mein eigenes Ding durchziehen.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.11.2009, 09:52 Uhr

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