Der Überflieger im Unterleibchen
«Als Schriftsteller hört man privat bestimmt nicht Gölä, und wenn man bei einer Zeitung arbeitet und so Brichtli macht, dann schreibt man nicht so gut über mich wie über Patent Ochsner oder Züri West, die man geil findet, weil die chly intellektuelle Musik machen. Das muss ich hääggle, mit dem muss ich leben. Auch damit, dass es Schreiberlinge gibt, die das eine oder andere Liedli von mir gut finden, aber nicht dazu stehen können.»
Die Geschichte von Marco Pfeuti alias Gölä ist auch ein Stück Schweizer Mediengeschichte. Als der singende Familienvater aus dem Niemandsland zwischen Bern und Thun mit seinem CD-Einstand «Uf u dervo» ohne nennenswerte Promo die Hitparadenleiter erklomm, ignorierten ihn die «Qualitäts»-Medien von DRS3 bis NZZ, die sich einen selbst definierten «Kulturauftrag» auf die Fahne geschrieben haben – bis auch sie sich das nicht mehr leisten konnten. Zur Erinnerung: 300000 CDs hat Gölä von seinem Debüt bis heute verkauft, mehr als jeder andere Berner Rocker. Viel mehr, um etwas genauer zu sein. Nur der «Blick» liess es sich nicht nehmen, den kleinen, kompakten, damals noch dezent tätowierten Typen mit den blonden Fäden zu porträtieren. «Berner Bauarbeiter stürmt die Hitparade», titelte das Blatt im August 1998, heftete sich fortan an Göläs Fersen und instrumentalisierte ihn für seine Zwecke.
Oder war es umgekehrt? «Wer mir am meisten bringt, dem liefere ich am meisten, da denke ich wie ein Selbstständiger», meint Gölä. Wie auch immer: «Blick» war dabei, als die junge Familie Pfeuti am jähen Erfolg zerbrach, wenn es Lämpe mit dem aufbrausenden Temperament von Gölä gab und wenn – wie 1999 zum ersten Mal geschehen – wieder mal ein ‹endgültiger› Abschied vermeldet werden konnte: keine Interviews mehr, keine berndeutschen Songs mehr, keine Konzerte mehr, kein Gölä mehr. Doch was kümmert Gölä sein Gerede von gestern. Er ist längst wieder auferstanden, und er singt auch wieder berndeutsch. Basta. Die auch etwas hilflose Ignoranz der Medien gegenüber dem bislang grössten Schweizer Rockphänomen ist längst einer professionellen Skepsis gewichen, die der einstige Autolackierer und Bauarbeiter als kommunikative Höchstleistung verbuchen darf: Wem man misstraut, den nimmt man ernst – gerade im Musikjournalismus ist das keine Selbstverständlichkeit. Ist Gölä ein bauernschlauer Fuchs, der instinktiv erfasst hat, wie man auf der Tastatur der Medien spielt? «Ich nahm in der Musik nicht den geraden Weg», dementiert er. «Ich ging nach dem Ranze. Und der sagt einmal dies, einmal das. Ich bin ein Mensch wie jeder andere auch und muss keine Fassade aufrechterhalten. Das ist praktisch: Ich kann so sein, wie ich sonst auch bin.» Wie immer, wenn Gölä einen seiner kernigen Sätze platziert, tönt er irgendwie zu einfach, um wahr zu sein.
Seine musikalischen Vorbilder kämen – mit Ausnahme von Polo Hofer – allesamt aus Amerika, erzählt Gölä. Es sei sein Ehrgeiz, auch so spannende Geschichten zu erzählen wie eine Dolly Parton. «Die hat Texte», raunt er. «Da fällst du um. Sie singt von einer Jugend in Flickenkleidern und davon, dass man sich zu Hause keinen Arzt leisten konnte. Heute bringen die Rapper ähnliche Storys in ihren Ghettoliedli. Ein guter Song gibt den Leuten das Gefühl, er sei aus dem Leben gegriffen. Ich wurde zwar ab und zu enttäuscht, wenn ich herausfand, dass einer meiner Lieblingstexte gar nichts mit dem Leben meines Helden zu tun hatte. Aber bei mir gibts das ja auch. Manch ein Fan wäre enttäuscht, wenn er wüsste, wie es sich mit einigen meiner Liedli in Wirklichkeit verhält. Der ‹Schwan› ist, glaube ich, nie schön geworden», sagt Gölä in Anspielung auf seinen grössten Ohrwurm. Und prustet los.
Erste musikalische Versuche machte Teenager Marco, der in der elterlichen Beiz in Oppligen früh anpacken musste («Das hat nicht geschadet, so lernte man wärche»), auf einem selbst gebastelten Schlagzeug. Er trommelte in diversen Bands, beschallte die Pubs, haute auf den Putz. Als er realisierte, dass man Songs einfacher vorn an der Bühne als hinten am Schlagzeug singt, kaufte er sich eine Gitarre, die er im Gegensatz zum Drum-Set auch an die geliebte Aare mitnehmen konnte. «In meinen Bands sang ich englisch», erzählt Gölä. «Das passt einfach besser zum Bluesen und Rocken. Ab und zu ist dann auch mal ein Mundart-Brünzli-Liedli gekommen, das ich irgendwo an einem Füürli geträllert habe. Und mit der Zeit hat sich so einiges angesammelt. Für ‹Uf u dervo› und ‹Wildi Ross› hats gereicht, dann war das Pulver vorerst verschossen. Das meiste, was ich schreibe, ist Ghüder.»
Ausgerechnet als Gölä nach seiner Familiengründung mit der Musik aufhören und noch ein «Erinnerungsalbum» einspielen wollte, schlugen seine Liedli ein. Rolf Widmer vom Berner Indie-Vertrieb Sound Service nahm Gölä 1998 unter Vertrag. «Mich haben die Songs angesprochen und der Typ – weil der aus einer ganz anderen Ecke kam. Irgendwie hat Gölä etwas, das er überall aufstempeln kann. Vielleicht ist es seine kompromisslose Art», meint Widmer. Bisher war es undenkbar gewesen, dass ein Sänger Sympathien für Christoph Blocher kundtut und die Überhudle zum Businessmodell erhebt. «Ha geng e chly Dräck uf dr Lunge, chly Stoub uf dr Zunge – wül i e Büezer bi», sang Gölä auf seiner ersten CD, deren Produktion etwas mehr als 10000 Franken gekostet und Millionen einspielt hat. Spätestens als er in einer Woche 60000 Exemplare von Göläs zweiter CD «Wildi Ross» verschicken musste, wusste Rolf Widmer, dass er sich nicht getäuscht hatte. Doch bald merkte er auch, dass er sich einen eigensinnigen Geschäftspartner ausgesucht hatte. «Gölä ist ein schwieriger Typ», sagt Widmer, der keinen Kontakt mehr zum Sänger hat, den er entdeckt hat. «Er sagt heute dies und morgen etwas anderes. Man könnte fast meinen, mit Konzept.»
Gölä selber hat sich mit seiner turbulenten Vergangenheit versöhnt. Die «Abschiedskonzerte» im ausverkauften Hallenstadion (2002) sind längst passé, seine Comebackshows an gleicher Stelle auch. Eben erst hat Gölä seine «100% Mundart»-Tournee erfolgreich hinter sich gebracht. «Jetzt will ich nur noch meine Ruhe», behauptet er. «Es zieht mich auf die Baustelle. Wenn ich dort genug lange mit den Kollegen zusammen bin, kommts mir vor, als sei ich gar nicht der Gölä, als sei ich in einem stinknormalen Alltag drin. Mein Père brachte mal einen guten Spruch von Bern unten nach Hause. Er meinte, er hasse diese Sprayereien, aber es sei da mygottseel etwas Gutes gestanden: ‹Wer nur von Musik etwas versteht, versteht auch von der nichts›.»
Doch ganz von der Musik lassen kann und will Gölä nicht, das mit dem grossen Abschied hat er mittlerweile hinter sich, so wie das Abhauen, das er früher in seinen Songs zelebrierte. «Viele davon stammen aus der Zeit, als ich am Wärche war und keinen roten Rappen besass», rechtfertigt sich Gölä. So einfach ist das. Und was kommt nach der kreativen Pause in der Konstruktionsbranche? Auf Gölä kann nur Gölä folgen. Ab und zu dürfte ihm wieder etwas Berndeutsches einfallen, so wie beim letzten Mal, als sich das Mundartcomeback «Z’ Läbe fägt» wieder 100000 Mal verkaufte. Vorerst soll es bei Gölä und Band aber englisch weitergehen. «Ich habe mein ganzes Leben in beiden Sprachen gesungen», sagt Gölä. Ist er enttäuscht, wenn die Fans seine Mundartalben zu Hunderttausenden kaufen, seine englischen CDs aber Ladenhüter bleiben? «Das ist doch logisch, die Leute wollen keine Experimente», knurrt der Sänger. «Wenn die Eagles ein Album auf Französisch herausgeben, kaufe ich mir das ja auch nicht.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 19.10.2009, 22:47 Uhr
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