Der Stille Has und das Ganzkörperkondom
Hasen-Trio: Schifer Schafer, Endo Anaconda und Balts Nill (v.l). (Bild: zvg)
Capital FM: Berner Rock 1996
Er zündet sich eine Zigarette an. «Ich sträube mich gegen die sich breitmachende Diktatur der Netten, die einem vorschreiben, was man noch darf und was man nicht mehr darf. Ihr Ziel ist ein langes, langweiliges, gesundes, ewig begleitetes Leben. Und alle werden immer älter. Mich aber zieht es zu den Jungen, ich ziehe mit den Nachtvögeln, mit den gefallenen Engeln, von denen Polo sang. In einem Club, wo alle Hochprozentiges runterschütten, das Rauchen zu verbieten: Das ist doch einfach gäggelig. Die heutige Zeit suggeriert die Möglichkeit von Genuss ohne Reue. Doch es hat alles seinen Preis. Man kann nicht wirklich lieben, ohne dass Narben zurückbleiben. Ich will nicht in einem Ganzkörperkondom leben. Der Mensch soll sich seinen Lebenswandel selber auswählen. Ich habe etwas dagegen, wenn einem die Leute vorschreiben, wie man leben soll.»
Endo Anacondas Band Stiller Has gehört heute zu den kleinen unter den ganz grossen Schweizer Bands, oder – vom andern Ende her betrachtet – zu den Grössten unter den Kleinen. Die Alben verkaufen sich gut, mehr als hundert Mal im Jahr hoppelt der Has über die Bühne. Und dies mit einer Musik, die sich den revolutionären Sound der Beatjahre und den avantgardistischen Aufbruchsgeist trotz all der Gastspiele von den Solothurner Literaturtagen bis zu den «Grössten Schweizer Hits» bewahrt hat. Mit Themen, über die moderne, urbane Menschen nur ungern reden, geschweige denn singen: Einsamkeit, gesellschaftlicher Druck, ein krankes System, Sucht, Tod. Antizyklisch hat diese Band in der Hochkonjunktur den unseligen Sog der «Chole» gespürt, ist schon Jahre vor dem grossen Wirtschaftscrash über die «Geischterbahn» geschlittert und legt heute, wo alle auf Facebook strahlen, ihren «Zero»-Kalorien-Body ins beste Licht rücken und dazu unaufgefordert das Unidiplom vorzeigen, ein «trauriges, aber orgiastisches» Album mit dem Titel «So verdorbe» hin (Release 23.10.).
Dass das Publikum dem Has die Treue gehalten hat, liegt auch am Sänger. Auf der Bühne gibt Endo alles, er fuchtelt, schwitzt und schreit – seine Songtexte und Ansagen treffen ihr Ziel, ohne Kollateralschäden zu hinterlassen. Anklagen und moralisieren ist nicht der Stil dieses Nachtvogels, das Vertonen von Galgenhumor und existenzialistischen Abgründen («Das hueren All isch überall») schon eher.
Als Stiller Has 1992 ihr erstes reguläres Album «Der Wolf ist los» einspielte (vorher gab es die Kassette «Stiller Has’»), war Endo Anaconda 37. «In diesem Alter hören andere auf. Der späte Einstieg hat mich auch geschützt, ich stecke im Moment erst in einer spätpubertären Phase», meint er nicht ohne Selbstironie. Seine Jugend verbrachte der Sohn eines Schweizer Polizisten und einer Österreicherin in Kärnten und Wien, seine ersten Schritte ins Rampenlicht machte er als wild politisierender «AgitProp»-Schauspieler. Seit den frühen Achtzigerjahren ist er «zurück» in der Schweiz. In Spontibands wie Caduta Massi, die sich im Umfeld des Berner AJZ formierten, traf Endo auf experimentierfreudige Musiker, die ihn bis heute prägen: auf den Multiinstrumentalisten Balts Nill, den Cellisten David Gattiker und den Gitarristen Schifer Schafer, zum Beispiel. Sie alle spielten später bei Stiller Has, Schafer ist heute Endos wichtigste musikalische Bezugsperson.
Mit Balts Nill war Anaconda seit der Gründung von Stiller Has insgesamt 14 Jahre lang unterwegs. Nill ist ein Zen-Trommler mit Hang zu Komik, «eine Art Berner Stan Laurel», wie einst die NZZ schrieb. Sein Sinn für minimale musikalische Arrangements mit maximaler Wirkung ergänzte sich perfekt mit Anacondas lyrischen Texten, in den Anfängen oft hochdeutsch vorgetragen. «Zwischen Balts und mir gab es diese nonverbale Kommunikation», sagt Anaconda, «wir waren wie eine Wundertüte füreinander.» Aus dem «Zweipersonentumult» der frühen Tage, der mehr mit Neuer Musik als mit altem Blues zu tun hatte, wurde mit der Zeit ein subversives Popduo. Anaconda sang jetzt fast ausschliesslich berndeutsch: «Dies ist eine verdichtete Sprache, eine Sprache mit eigenen Codes», schwärmt er. «Das muss kulturgeschichtlich von der Unterdrückung des feudalen Systems herrühren. Berndeutsch ist ein interessanter Dialekt, weil er so musikalisch ist. Die Sprache allein ist schon ein Instrument.» Wers nicht glaubt, höre sich den Hasen-Song «Znüni näh» an. Mit dem Album «Moudi» (1996) schafften Stiller Has den Sprung von der Szeneband zum Rockphänomen: «Moudi» verkaufte sich bis heute über 40000 Mal – nicht zuletzt wegen der Hymne an die «Aare», die allerdings nur vordergründig schön und grün dahinplätscherte – bald störten Drögeler, Hündeler und Gynäkologen die Idylle. Für «Moudi» erweiterte sich Stiller Has erstmals zur veritablen Band: Die Gitarre spielte Frank Gerber (vormals Central Services), das prägende Riff zur «Aare» kam vom Kontrabassisten Mich Gerber. Lange hielt diese Formation der kommerziellen Brandung nicht stand. Er stelle eine gewisse «Erfolgsverweigerungshaltung» bei den Musikern seiner Generation fest, sagt Anaconda. Ihm dagegen sei es nicht peinlich, wenn das Publikum plötzlich seine Lieder mitsinge. «Ich bin nicht so streng mit den Leuten», sagt er, «ich bin ja auch nicht so streng mit mir.»
Seit Balts Nill den Has 2005 verlassen hat, geht die wieder zum Quartett aufgestockte Band zurück zu den Wurzeln. «Ich habe mich mehr in Richtung Songs entwickelt. Die Wurzeln meiner Musik sind schwarz, urban, englisch. Was wir heute machen, ist vom Selbstverständnis her Beatmusik», meint Endo, der sich an seine Jugendjahre im katholischen Internat für Schwererziehbare erinnert, wo der weisse, elektrische Blues seiner frühen Helden The Yardbirds und Eric Burdon and the Animals strikt verboten war. «Früher musste man sich selber organisieren und hatte mit allen Krach wegen des Krachs, den man machte, heute organisieren die Lehrer die Schülerbands. Das ist der einzige Unterschied. Wir sind genau dort, wo wir angefangen haben.»
Auch wenn der Has heute weniger Haken schlägt als auch schon und unter der Ägide des musikalischen Direktors Schifer Schafer einen «straighteren», lasziv groovenden Sound spielt, ist er noch lange keine «gewöhnliche» Berner Band. «Nur in Bern hat der Rock’n’Roll diese heimatduselige, freundliche Sünneli-Ausstrahlung», glaubt Endo. «Dagegen habe ich nichts einzuwenden. Ich aber mache eher Texte wie Lou Reed – einfach auf Berndeutsch. Mit Hochglanzrock konnte ich nie viel anfangen. Die andern hörten ‹Ob-La-Di, Ob-La-Da› und ich Velvet Underground. Ich stand und stehe ziemlich schräg in der Landschaft. Unter den Jugendlichen war ich ein Sonderling, mit meiner Art von Texten, mit meiner Begeisterung für Baudelaire und Edgar Allen Poe, mit meiner Faszination für die Düsternis. Ich war die Mod-Variante eines heutigen Emo.»
Ist der Stille Has, der Endos Band den Namen gab, ein Tier der Unterwelt? «Das ist mein Totemtier, mein Privatmythos – der für das Gleiche steht wie ‹Rosebud› in Orson Welles’ Film ‹Citizen Kane›: Es geht um mythische Urkräfte, um einen Gemütszustand, etwas Hermetisches.» Und warum nennt sich der Sänger Endo Anaconda? «Ich habe eine reptilienmässige Unruhe, wenn ich mich häuten muss», sagt er. «Ich muss die Fesseln sprengen und kann wieder wachsen – oder ich sterbe.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 05.10.2009, 11:38 Uhr
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