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Der Rumpel-Reggae stürmt die Schweizer Charts

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 11.05.2009

«Wenn ich mit Rumpelstilz spielte, war ich auch der Fahrer», erzählt Andreas «Res» Hassenstein, der die Berner Szene als Plattenverkäufer, Radiomann, DJ und gelegentlicher Rumpelstilz-Perkussionist bereicherte.

Fünf «Erotikpopper» bei der Zigarettenpause: Rumpelstilz mit Sämi Jungen, Polo Hofer, Küre Güdel, Schifer Schafer und Hanery Amman (von links).

Archiv S.M.

Capital FM: Berner Rock 1976

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«Ich war damals der Einzige, der sich ein Auto leisten konnte. Dort drin waren die Stilz wohl oder übel dem Reggae-Sound ausgeliefert, der über meine Anlage lief.» Hotelierssohn Hassenstein stammte wie die Stilze aus Interlaken und war wie sie ein offener Geist. Er war allerdings weniger den Drogentrips und mehr dem richtigen Reisen zugeneigt – das ergab sich schon von Berufes wegen, denn Res war für eine Hotelkarriere vorgesehen. In London hatte er Ska und Blue Beat, die frühen Formen des Reggae, kennen gelernt. Als 1973 das bahnbrechende «Catch a Fire»-Album von Bob Marley and the Wailers veröffentlicht wurde, schwärmte Res längt vom Reggae-Sound, der Calypso, Blue Beat, Soul und R’n’B auf einen neuen Nenner brachte. «Mich faszinierten diese eingängigen Melodien, der spartanische Groove.»

Hassensteins Dauerbeschallung verfehlte ihr Ziel nicht. Besonders Polo Hofer und Gitarrist Schifer Schafer wollten den Reggae ins Rumpelstilz-Repertoire überführen. Nur der explosiv drummen-de Jazzschool-Absolvent Küre Güdel mochte sich mit dem aufs Maximum reduzierten, listig synkopierten Rhythmus zunächst nicht anfreunden. Wer Reggae spielen wollte, musste sich disziplinieren. Schliesslich fand man die passende Nummer: Songschreiber Hanery Amman lieferte die Akkorde, Schifer Schafer das Feeling. Und Polo Hofer erhob dazu nicht wie in alten Stilz-Tagen den gesellschaftskritischen Zeigefinger, sondern widmete sich ausgiebig «bumsfidelen» Vergnügungen, französischen «Müntschi» und dem Kamasutra. Das Publikum reagierte erstaunlich freimütig auf diese Sexoffensive und hievte die «Teddybär»-Single in die Top Ten der Schweizer Hitparade. Die selbst erklärten «Vögel» mit dem Motto «Music for Stoned People» waren plötzlich mehrheitsfähig. Leicht verunsichert strahlten sie nun als «Erotikpopper» von den «Familie und Freizeit»-Seiten der Illustrierten. «Reggae hörte man damals noch kaum», sagt Res Hassenstein. «Da hatten Rumpelstilz sicher eine Pilotfunktion. Dass ein Song im Reggae-Rhythmus zum Hit wurde, war aussergewöhnlich.»

Noch dicker kam es mit der nächsten Single, die erneut als Reggae daherkam, diesen aber mit dem Second-Line-Funk aus New Orleans mischte und dazu mit einer urchigen Handorgel für etwas «Swissness» sorgte. Eigentlich wäre der «Kiosk» ein Fall für den DNA-Test: Die Vaterschaft wurde nie vollständig geklärt. Polo Hofer will sich erinnern, wie er jedem Musiker seinen Part vorgesungen habe. Andere Rumpelstilze glauben, sie hätten das lässig-schläfrige Arrangement kreiert. Und dann meldete sich auch noch ein Radiomann, der herausgefunden hatte, dass der «Kiosk»-Refrain von der US-Band Little Feat und deren Hit «Dixie Chicken» abgekupfert worden sei. Wie dem auch sei: «Kiosk» traf den Nerv der Zeit, und Polo Hofer verkleidete sich publikumswirksam als Wolf im Schafspelz, der sich über die Freaks auf der Strasse ärgerte, die ihm das Kleingeld aus der Tasche ziehen wollten. Der «Kiosk» war Schweizer Hausmannskost mit karibischen Zutaten und der erste Hit seit den Minstrels («Grüezi wohl, Frau Stirnimaa»), der Schweizer Volksmusik wieder wirklich «hip» tönen liess. Der Musikjournalist Albert Kuhn, der in den frühen 80ern mit seiner Band Frostschutz Aargauer Mundart-Wave spielte, erinnert sich an seine erste Hörprobe: «Da lief erstens ein Rocksong, der quasi geklaut war, aber diesen leicht exotischen Rhythmus hatte und gut klang. Und er hatte zweitens diese Handorgel drin. Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, wie komplett out die Handorgel damals war, sie gehörte einfach den Jodlern, fertig. Der ‹Kiosk› änderte dies, wenigstens schon mal in den Köpfen.»

Warum gingen der Berner Rock und der Reggae so gut zusammen? Mag sein, dass der gemächliche Berner Dialekt gut zu den Schläferbeats aus Jamaica passte. Den Berner Musikern der Siebzigerjahre, die auf die Karte Musik setzten, aber (noch) nicht allzu viel zu tun hatten, kam auch die entspannende Wirkung des karibischen Grooves und der ihn umgebenden Ganja-Schwaden entgegen. Jedenfalls kann dem Reggae eine stimulierende Wirkung nicht ab-gesprochen werden: Rumpelstilz lieferten mit «Rote Wy» eine weitere gelungene Adaption. Die Folk-Rock-Band Ocean um den späteren Könizer Gemeindepräsidenten Henri Huber gab sich im Song «Jamaica» dezent gesellschaftskritisch und platzierte den Reggae wieder auf Radio Beromünster, Slapstick und Ex-Trem Normal lieferten bald neue, erfrischende Spielarten. Heute spielen die Bieler Fusion Square Garden den besten Berner Mundartreggae.

Für Rumpelstilz war der «Kiosk» Segen und Fluch zugleich. Die Single landete auf Platz 2 der Hitparade. Erstmals flossen die Tantiemen, was die vorher stets «stieren» Hippies ins Schlingern brachte. «Ich wusste nicht mehr, wohin mit dem vielen Geld», meint Küre Güdel. Und er ergänzt: «Bei Rumpelstilz herrschte plötzlich Stress.» Die Stilze waren nun auch in Deutschland gefragt (die eingedeutschte «Kiosk»-Version war ein Blödelhit bei unseren Nachbarn, die sich die Stilze als rockende Emils vorstellten), sollten in seltsamen Kostümen auftreten und waren sich nicht mehr einig darüber, wohin die Reise führen sollte: zu mehr Kommerz oder zurück zur «guten» Musik? Eigentlich war eine kreative Pause angesagt, doch Polo Hofer entschied sich 1978 für den Alleingang. Die Rumpelstilz-Trennung hinterliess schwärende Wunden. Hofer verpflichtete die Musiker von Span für sein neues SchmetterDing. Mit dem von Jamaika-Fan Roger Scha-winski bestellten Auftragssong «Radio 24» landete er 1980 nochmals ganz vorn in der Hitparade. «Reggae bringt mir Glück», kommentierte Hofer damals.

Zum Schluss drei Randnotizen.1. Vielleicht waren es gar nicht Rumpelstilz, die den Reggae als erste nach Bern brachten. Der Pianist und «Salty Dog» Chlöisu Friedli habe den eigenwilligen Rhythmus aus Jamaica schon in den frühen Siebzigern in der Mahogany Hall gespielt, erinnert sich ein Mitmusiker.

2. Schon 25 Jahre vor den Stilzen hatte der Berner Bandleader Willy Bestgen einen «Teddybären» zum kleinen Schweizer Hit gemacht – mit einer volkstümlich swingenden Handorgel, aber noch ganz ohne Erotik.

3. Zur echten bernisch-jamaikanischen Zusammenarbeit kam es 1989. Damals produzierte Higi Heilinger für sein «Black Cat»-Label eine Platte mit der Dub-Legende Lee «Scratch» Perry. Weitere Details verloren sich in den mottenden Ganja-Schwaden, die das Studio vernebelten.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 11.05.2009, 15:36 Uhr


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