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Der Mamboking singt Songs der Liebe

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 02.11.2009

«I«Ich bin kein wirklich schräger Vogel», sagt Schmidi Schmidhauser. Aber Mainstream bin ich auch nicht. Es gibt im Pop Sachen, von denen man weiss, dass sie sofort funktionieren.

Zum Latino berufen: Schmidi Schmidhauser, Musiker mit Flair für federnde Beats, Bandleader von Stop The Shoppers und Chica Torpedo.

Zum Latino berufen: Schmidi Schmidhauser, Musiker mit Flair für federnde Beats, Bandleader von Stop The Shoppers und Chica Torpedo. (Bild: Thomas Wütherich )

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Capital FM: Berner Rock 2000

Ein lang gezogener Refrain wie bei ‹Louenesee› zum Beispiel. Darauf lasse ich mich nicht ein, daran verbrenne ich mir nicht die Finger.» Den grossen Erfolg hat Schmidi stets umspielt. Viele sagten seiner Band Stop The Shoppers, die 1986 mit Batterieverstärkern und Leiterwägeli aus dem unterirdischen Luftschutzkeller hinaus auf die Strasse ging, den Durchbruch voraus. Von einem «unheimlichen Talent» wurde schwärmerisch berichtet, von einem «untrüglichen Gefühl für bewegte Bilder», von «Bichsel in Rock» gar. Nur etwas kam in der Wahrnehmung der Band zu kurz: der Rhythmus. Dabei war der stets das bestimmende Element der Schmidhauser-Musik.

«Das einfach gestrickte rhythmische Muster der Rockmusik hing mir schon früh zum Hals heraus. Ich wollte vertracktes Zeug machen, und funky sollte es auch sein», sagt Schmidi. «Ich steigerte mich in eine Aversion gegen dieses rockige Bumm-Tschack mit verzerrter Gitarre. Das war nichts für mich, ich hasse Beats, die nicht federn. Man hört es auch den alten Shoppers-Aufnahmen an: Wir bauten möglichst viele Siebner ein, quere Rhythmen, wilde Breaks.» Bald galt die Band als musikalisches Sprachrohr des Berner Untergrunds, das für den Boykott der Volkszählung eintrat und gegen die innere Enge des Systems ansang. «Ornig im Land» hiess das erste Album, das mit seiner Gassenpoesie und seinem «riskanten Rock» nicht wirklich mehrheitsfähig war.

Dass er nach dem internationalen Slang des Strassenmusikers nun in seiner eigenen Sprache sang, war für Schmidi Schmidhauser selbstverständlich: «Ich will von zu Hause erzählen, von dort, wo ich lebe. Es liegt mir nicht, so zu tun, als sei ich ein anderer. Eine Muttersprache bleibt eine Muttersprache. Inhaltlich bin ich allerdings etwas schludrig. Nach Texten suche ich im Gegensatz zur Musik nicht lang, ich schreibe sie auf, und dann ists so.» So oszillieren Schmidis surreal sinnliche Songs zwischen dada, gaga und avant, zwischen «Näbeli», «Wädeli» und einem «Chätschgummi, wo sech sälber chätscht», zwischen dem Coiffeur mit Namen Kurt und dem Herrn Bundesrat, der «es Gsicht macht wie ne Eiwägfläsche im Denner».

«Ich stosse die Leute vor den Kopf», wundert sich Schmidi über die Reaktion auf seine heutige Musik. «Sie sagen: ‹Schmidi spielt jetzt Salsa› und fragen mich: ‹Warum machst du das?› Dabei ist meine Musik nicht weiter weg als Amerika, wo der Rock herkommt.» Wirklich neu ist der Latingroove mit berndeutschen Texten im Übrigen auch nicht. Die Shoppers hatten schon auf ihren Frühwerken mit Latin experimentiert, dazu kamen der Blues, aber auch der fiebrige Hip-Hop auf «So wi die Grosse». «Ich rastete beim Latinsound ein, weil ich mich sofort angesprochen fühlte – aber auch, weil ich mit Ami-zeugs generell Mühe habe», sagt Schmidi. «Eigentlich stehe ich auf Hip-Hop und diesen Sprechgesang, der so rhythmisch ist wie ein Drumsolo. Aber ich muss mich mit dem identifizieren können, was ich mache. Das ging bei Hip-Hop und Amifunk nicht. Bei Latin steht man sofort besser da, ist politisch nicht einzuordnen. Mit dieser Musik kann man ehrwürdig altern. Sie steht über allem.»

Bei Stop The Shoppers waren unterdessen einige Abgänge zu verzeichnen. Es war, als diene die Band als Ersatzteillager der Berner Rockszene. Keyboarder Chrigu Brantschen und Drummer Andi Hug wechselten zu Patent Ochsner, bald darauf erhielt Schmidis Bruder Jüre das Angebot, als Bassist bei Züri West einzusteigen. «Als Sänger stand ich nun zwar ein bisschen allein da, doch bei einer anderen Band mitzumachen wäre nicht mein Ding. Ich bin einfach der ‹Tätschmeister›, der, der vorn hinsteht und seine Songs spielt.» Die zahlreichen Nebenbeschäftigungen seiner heutigen Musiker nimmt Schmidi dennoch nicht persönlich. «Ich bin ja auch stolz: Ich kann nirgendwohin, ohne einen von uns auf einer Bühne anzutreffen.»

Wohl auch als Reaktion auf die personellen Turbulenzen konzentriert sich Schmidi heute voll auf seine eigene Musik. Auf dem aktuellen Album «Unger mire Hut» hört man ihn so direkt und ungefiltert wie noch nie in seiner 25-jährigen Musikerkarriere. «Ich wünschte mir immer eine Besetzung mit drei Saiteninstrumenten, drei Perkussionisten und drei Bläsern», schwärmt Schmidi. «Chica Torpedo sind das Orchester, mit dem ich diese Vorstellungen verwirkliche. Hier liegt der Unterschied zu den Shoppers – nicht beim musikalischen Stil oder den Songs. Die Shoppers gingen in den Übungsraum und ‹stürmten› dort nächtelang. Das werden wir auch wieder tun, wenn wir die nächste CD aufnehmen. Bei einer Grossformation wie Chica Torpedo machen solche Diskussionen aber keinen Sinn.»

Schmidi, der heute eine kubanische Tres statt eine konventionelle Gitarre spielt, ist stolz auf seine Version der Salsa. «Lange Zeit hatte ich unheimlichen Respekt vor dieser extrem schwierigen Musik. Heute habe ich meinen eigenen Zugang gefunden. Viele Latinos kommen zu mir und finden das, was ich mache, ziemlich ‹tschent›. Wenn ich einfach ihrer Salsa hinterherplätschern würde, wäre ich bei ihnen durchgefallen.» Schmidi Schmidhauser hat viel überlegt, hinterfragt, mit sich gerungen. «Der Stil, den ich heute habe, diese Verbindung von Salsa mit meiner Sprache, ist extrem ausgefeilt. So wie ich phrasiere, so wie ich harmonisiere, so wie ich rhythmisiere: Das macht niemand anders. Das bin ich.»

Konzertevent zur Serie: «Best of 50 Jahre Berner Rock», 27./28.November live im Bierhübeli. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.11.2009, 11:57 Uhr


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