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Der Blitzerfolg des Donnergotts

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 15.04.2009

Die frühen Siebziger waren keine einfache Zeit für den Berner Rock. Der Enthusiasmus der Gründerjahre war verflogen, die Szene hatte sich gesplittet: Die einen setzten auf Hardrock mit bluesigem Einschlag, die anderen auf Kunstrock mit Klassik- und Jazz-Einflüssen.

Ein Bild mit Seltenheitswert: Tommy Fortmann auf der Bühne, irgendwann in den 1970er-Jahren.

Ein Bild mit Seltenheitswert: Tommy Fortmann auf der Bühne, irgendwann in den 1970er-Jahren.

Allegorie auf die Republik Bern: Umschlag der international veröffentlichten Demon-Thor-LP.

Allegorie auf die Republik Bern: Umschlag der international veröffentlichten Demon-Thor-LP.

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Die Soli und die Bärte der Musiker wurden immer länger, das Publikum immer kleiner. Die Auflösung der Beatles und die Drogentoten von Brian Jones bis Jim Morrison sorgten für Verunsicherung. Kopieren war out, dafür war jetzt Experimentiergeist gefragt.

Tommy Fortmann bekam wenig von diesen Turbulenzen mit. Der aus gutem Haus stammende Jüngling und Golf-Champion war keiner, der in der Szene verkehrte. Er ging in die Stadt zur Schule und besuchte das Konservatorium, ansonsten lebte er im ländlichen Gerzensee und tüftelte an seinen Kompositionen. Eines seiner Heim-Demos landete auf dem Pult des deutschen Produzenten Gerd Augustin. Der lieh sich den Titel «Israel» für seine Casting-Truppe Love Generation, die sich dicht an die Fersen des damals angesagten Schlager-Chors Les Humphries Singers geheftet hatte. «Israel» war ein Ohrwurm, der laut Fortmanns Schätzungen über vier Millionen Exemplare verkauft hat. Das scheint hoch gegriffen, aber immerhin: Dass ein junger Berner Musiker gleich seinen ersten Song in den Charts platzieren konnte, grenzte an ein Wunder. Dass man in Bern davon nichts erfuhr, eigentlich auch. Aber eben: Fortmann bastelte mit befreundeten Musikern und den Sängerinnen Madeleine Bach, Corinne Fortmann und Lislot Frei am liebsten im Stillen an seiner Musik, die er unter dem Namen Demon Thor (nach dem germanischen Gott des Donners) veröffentlichen wollte.

Die starke Vertretung des weiblichen Geschlechts war untypisch für den Berner Rock: Bisher hatten die Männer zwar wie Frauen ausgesehen. Aber Musikerinnen traf man kaum – die Ausnahmen mit Marianne Chammartin und Margrit Pfister von den Cabanes, Sue Schell von Peter, Sue & Marc und der Popcorn-Sängerin Gloria Niemann bestätigen die Regel. Auch sonst verstanden sich Demon Thor als Sonderfall. «Wir komponieren Musik für Schallplatten», verkündete Fortmann. «Aus diesem Grund haben wir auch noch nie ein Konzert bestritten. Gruppen, die live auftreten, müssen Hitparaden-Songs in ihr Programm einbauen, die das Publikum kennt. Solche Kopiermusik lehnen wir strikt ab.»

Mit ihrem Debut setzten Demon Thor Massstäbe. Es war eine der ersten Berner LPs überhaupt, und die erste, die bei einer ausländischen «Major»-Plattenfirma veröffentlicht wurde. Stilistisch lieferte Fortmann einen Mix von hochgestochenem Kunstrock und eingängigen Pop-Refrains. Inzwischen hatte er sich von Bern verabschiedet, golfte mit seinesgleichen in Ascona und tat sich für die Produktion seiner zweiten LP «Written In The Sky» mit der Zürcher Szene-Band Krokodil zusammen. «Die Plattenbosse fanden, Krokodil hätten zu wenig starke Kompositionen, dafür seien sie spielerisch stark. Bei mir sei das genau umgekehrt. So hat man uns von München aus fusioniert.» Nach den behüteten Sessions im Berner Landhaus mit Kollegen und Freundinnen wirkte die Begegnung mit den weitgereisten Progressivrockern nachhaltig. «Der Probekeller war mit Haschischwolken zugenebelt – ich verstand die Welt nicht mehr», schmunzelt Fortmann. Mit der neuen Platte, die noch viel stärker durchkomponiert war als das Berner Debut, wagte sich Fortmann auf die Bühne. Sein erster Live-Auftritt überhaupt fand im Münchner Circus Krone statt, wo schon die Beatles und die Stones gastiert hatten. Die verwöhnten bayrischen Fans reagierten durchaus wohlwollend, aber Fortmann realisierte schnell, dass er nicht zum Livemusiker geboren war. «Zwischen mir und dem Publikum war eine Mauer. Eine Zeitung meinte, wir seien eine der besten kontinentalen Gruppen, aber meine Arroganz sei unausstehlich. Dabei hatte ich einfach Schiss.» Kurz darauf war Demon Thor am Ende. Fortmann verlegte sich aufs Schreiben von kommerziellen Pop- und Disco-Hits und verschanzte sich hinter Studiowänden. 1977 folgte ein nächster Meilenstein: Der Journalist Beat Hirt plante eine Rock-Musical zum «Tell»-Mythos und engagierte Fortmann als Melodienlieferant. «Tommy Fortmann war als neues Talent in der Szene bekannt», sagt der Pop-Insider. Der stürzte sich mit Haut und Haar ins Projekt und schrieb zum Musical die Melodien, die von Stars wie Udo Lindenberg und Alexis Korner, dem Paten des britischen R&B, gesungen wurden. Die Bühnenfassung – finanziert von einigen Zürcher Impresarios – startete im Sommer 1977. Doch die Presse schnödete und der Zuschaueraufmarsch liess zu wünschen übrig. Kam dazu, dass das Ableben von Elvis Presley die rockige Auferstehung des schweizerischen Nationalhelden aus den Schlagzeilen verdrängte. «Die Leute wussten nichts mit der Idee unseres «Tell!»-Musicals anzufangen», glaubt Beat Hirt.

«Irgendeinmal hatte ich genug vom Pop», sagt Tommy Fortmann. «Dass diese Phase vorüber gehen würde, war mir immer klar. Ich war halt 20, die Beatles gefielen mir und so machte ich Pop-Musik.» Fortmanns Ex-Geschäftspartner bedauert den Rückzug. «Er hatte ein gutes Feeling für Melodien», glaubt Beat Hirt. «Doch Tommy meinte, alles gehe mit links. Für eine wirkliche Pop-Karriere hätte er mehr an sich arbeiten müssen.» Fortmann zog es zur klassischen Komposition, der er sich im Selbststudium annäherte. «Als Autodidakt darf man kritisch fragen und immer auch die Gegenseite hören», meint er, «man muss keiner Schule folgen. Statt mit der Freundin ins Kino zu gehen, widmete ich mich dem Kontrafagott. Es war,als ob ich auf einem anderen Planeten landete.» Lange Zeit war Fortmanns Beziehung zum Pop gestört, inzwischen hat er sich mit seiner Vergangenheit versöhnt. Auf der CD «Strictly Off Limits» (2006) werden seine neoklassischen Kompositionen dem Werk von Frank Zappas gegenüber gestellt. «Ich habe Zappa in den Siebzigerjahren persönlich getroffen», erzählt Fortmann. «Er interessierte sich für meine Art, zu komponieren und wir entdeckten Gemeinsamkeiten.» Doch das Verhältnis von «E»- und «U»-Musik bleibt angespannt. «Der Wert der Rockmusik liegt nicht im Musizieren», behauptet Fortmann, der heute in der Toskana lebt. «Aber Popmusik kann etwas, was der modernen Klassik und dem Jazz verwehrt bleibt: Sie vermittelt den Puls des modernen Lebens.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.04.2009, 14:14 Uhr


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