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Den Blues im Blut

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 30.11.2009

«Den Blues kann man nicht lernen», sagt Philipp Fankhauser. «Diese Musik hat mit einer Entwicklung zu tun, mit einem Bewusstsein. Sie ist untrennbar mit einer Person verbunden und mit der Zeit, in der sie entsteht.»

Blues-Bub aus Trub: Philipp Fankhauser weiss nach langen Jahren «on the road» in den USA, wer er ist und spielt seinen Blues glaubwürdiger denn je.

Carmen Weder

Capital FM: Berner Rock 2004

Weise Worte eines weissen Bluesmanns, der seine Jugend in Thun und im Tessin verbrachte und schon früh dem Blues verfiel. Fankhauser sammelte jeden Ton, jeden Zeitungsfetzen, erforschte die historischen und gesellschaftlichen Ursprünge des archaischen Musikstils und vernachlässigte alles andere. «Ich war 16, als ich den schwarzen Gitarristen Louisiana Red angesprochen habe. Wenn du als junger Schnösel auf solche Legenden losgehst, getrauen die sich kaum, dich wegzuschicken», erinnert sich Fankhauser schmunzelnd. «Etwas später gastierte der Pianist Memphis Slim im Jaylin’s, dem Jazz- und Bluesclub, der damals zum Hotel Schweizerhof in Bern gehörte. Ihn ‹testete› ich jeden Abend. Ich war aufdringlich, aber man liess mich gewähren, wohl auch weil ich meine Mission mit dem gebührenden Respekt anging. Ich musste einfach wissen, was diese Leute bewegt, wie sie ticken. Mich interessierten nicht die Gitarrensoli. Mich interessierten die Geschichten, die diese Menschen erzählen.»

Bald stand Philipp Fankhauser selber mit seinen Idolen auf der Bühne. Er wollte dem Blues nicht nur als Theoretiker auf die Spur kommen, er wollte ihn singen. 1987 gründete er in Thun zusammen mit dem Bassisten Michele Porto die Checkerboard Blues Band. Mit dieser jungen Formation, bei der sich einige von Berns ausgewiesensten Bluesgitarristen die Klinke in die Hand drückten, war Fankhauser bald profimässig unterwegs. Dank Kontakten zur US-Sängerin Margie Evans entstand mit «Blues for the Lady» ein gemeinsames Album, das sich am Chicago Blues orientierte und den Thunern nicht zuletzt wegen Evans’ klassischer Blues-«Röhre» die Tore zu den internationalen Festivals öffnete. Man spielte in Amsterdam, San Remo und Verona – die internationale Presse zeigte sich überrascht ob des authentisch-en Schweizer Bluessounds.

Der Kontakt zum texanischen Gitarristen Johnny Copeland, einem weiteren schwarzen Gaststar, den die Band begleitete, sollte sich für Fankhauser als besonders wichtig erweisen. «Johnny ermunterte mich, ihn auf einer USA-Tournee zu begleiten», erzählt Fankhauser. «Nach einem Monat wusste ich: Hier muss ich bleiben. Ich kam zurück in die Schweiz, verkaufte meine Habseligkeiten und verabschiedete mich 1994 definitiv in die USA, wo ich als Bluesmusiker leben wollte. Das ging ein Jahr lang gut, bis sich Copelands Gesundheitsprobleme häuften. Als er 1997 starb, zog mir das den Boden unter den Füssen weg. Ich versuchte, mich mit einem Motorradbusiness über Wasser zu halten, produzierte ein Album, das niemanden interessierte, gründete eine neue Checkerboard Blues Band in New York, dann eine in San Diego. Aber passiert ist nichts.» Zu Johnnys Ehren tourte Fankhauser mit Copelands Musikern und dessen Tochter Shemekia durch Europa und die USA, doch auch dies bescherte ihm nicht den erhofften Durchbruch. Ende 2000 kehrte er definitiv in die Schweiz zurück.

«Der Aufenthalt in den USA hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin, er hat mich musikalisch und menschlich geformt», glaubt Fankhauser. «In den letzten acht Jahren habe ich diese Erfahrungen verarbeitet und bin daran gewachsen.» Neben den politischen und gesellschaftlichen Realitäten hatte der Schweizer Bluesmann auch Bekanntschaft mit dem ernüchternden Alltag in der Heimat des Showbusiness gemacht. «Meine Herkunft interessierte im Einwanderungsland USA niemanden, ich wurde schnell akzeptiert», meint er. «Mitte der Neunzigerjahre war die Affäre um die nachrichtenlosen Vermögen aktuell, da traute ich mich kaum noch, auf meine Schweizer Wurzeln hinzuweisen. Aber das war nicht der Grund, warum mir der Schnauf ausging. In jeder US-Stadt gibt es Hunderte von Bluesbands, auf mich hatte definitiv niemand gewartet. Ob du gut warst oder nicht, spielte eine untergeordnete Rolle. Einige Barbesitzer liessen mich gegen Umsatzbeteiligung spielen. Der Ticketpreis betrug 2,50 Dollar – und fünfzig Leute kamen. Ich hatte eine Band zu bezahlen. Auf die Dauer konnte sich das einfach nicht rechnen.»

Fankhauser, dessen Verhältnis zum Blues bisweilen «sektiererische Züge» trug, wie er eingesteht, erlebte im Tross von Johnny Copeland auch die archaische Hackordnung des Blues. «Widerspruch wurde nicht geduldet. Johnnys Credo war: ‹It’s my way or the highway.› Es herrschte das pure Patriarchat. Jeder andere Schweizer Musiker hätte Copeland den Bettel vor die Füsse geschmissen. Aber die US-Musiker konnten sich einen Ausstieg nicht leisten. Aus finanziellen Gründen – aber eben auch wegen der Liebe zur Musik und aus Loyalität zu ihrem Boss.»Im Jahr 2003 veröffentlichte Fankhauser sein erstes «Schweizer» Album seit fast vier Jahren: «Live So Damn Cool» (im Trio mit seinem treuen Drummer Tosho Yakkatokuo und Richard Cousins am Bass). Für Memphis International Records folgten die viel beachteten Alben «Talk to Me» und «Watching from the Safe Side», die auch das Bluesgefühl des Rückkehrers thematisierten, der aus der Warte der heimatlichen Wohlstandsgesellschaft seine alte Liebe weiterpflegt. Kann man den Blues, der immer auch ein Ausdrucksmittel der unterprivilegierten Schichten war, aus dieser sicheren Distanz überhaupt glaubwürdig singen? «Nur wenn man die Texte der veränderten Situation anpasst», meint Fankhauser. «Man kann nicht über das soziale Elend singen und dazu eine Armani-Schale tragen. Das hat mit Authentizität zu tun. Darum jammere ich in meinen aktuellen Songs auch nicht, wie schlecht es mir geht.»

Grund dazu hat Fankhauser ohnehin nicht: Auf der Bühne ist er ein gefragter Entertainer, sein aktuelles Album «Love Man Riding» schaffte es in die Top Ten der Schweizer Hitparade, seine Band spielt tight. Heute, mit 45, kann Philipp Fankhauser nicht nur für, sondern auch vom Blues leben. Für ihn hat das mit seiner eigenen Entwicklung zu tun. «Wenn ich als Zuhörer an ein Konzert gehe und mir dort jemand eine Geschichte erzählen will, die ich ihm nicht abnehmen kann, muss ich ganz schnell raus. Auch ich war Anfang der Neunziger einer zum Davonrennen», erzählt Fankhauser grüblerisch. «Damals wollte ich den Leuten weismachen, ich sei ein cooler Bluesmann aus Südmississippi. Es sollte ja niemand erfahren, dass mein Heimatort Trub im Emmental ist. Heute ist mir das nur noch peinlich. Erst seit es auch für mich klar ist, wer ich bin, ‹stimmt› mein Blues. Und seither zeigt meine Erfolgskurve nach oben.»

Das Buch: «50 Jahre Berner Rock». Zyt-glogge, 240 Seiten. Die Doppel-CD: «50 Jahre Berner Rock». Zytglogge, 46 Songs. (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.11.2009, 09:17 Uhr


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