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Das Ausland im Visier

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 24.11.2009

«Langsam werde ich zur alten Dame», kokettiert Jaël Krebs. «Zuerst war ich das verschüchterte Mädchen, dann die unnahbare Fee. Jetzt bin ich 30, und die Phase, in der ich in Sneakers auf die Bühne schlurfen konnte, ist wohl vorbei.

Zielstrebig: Jaël Krebs, blutjung ins Musikgeschäft eingestiegen, gibt bei Lunik inzwischen den Ton an.

Zielstrebig: Jaël Krebs, blutjung ins Musikgeschäft eingestiegen, gibt bei Lunik inzwischen den Ton an. (Bild: Steve Double/zvg)

Capital FM: Berner Rock 2003

Ich muss mich selber neu erfinden. Denn anders, als das in den USA vielleicht der Fall wäre, stehen mir hier nicht sieben Stilberater zur Seite.» Ungewohnte Worte einer jungen Schweizer Pophoffnung – vor allem wenn sie aus Bern kommt. Denn in der hiesigen Musikszene spielen Kleiderstil und andere Äusserlichkeiten eine untergeordnete Rolle, wohl auch, weil der Berner Rock traditionell ein «Gieleding» ist. Berner Rockmusiker decken sich mit Billigkleidern von der Stange ein, und das höchste aller Gefühle ist ein wunderhübsches Paar spanischer Stiefel, wie es einst Rumpelstilz anpriesen – am besten kombiniert mit einem T-Shirt aus dem eigenen Merchandising-angebot. Dagegen stehen Jaël und ihre Band Lunik nicht nur für eine neue Berner Musikgeneration, sondern auch für einen Professionalismus, der schon fast irritiert. «Jeder von uns erledigt neben der Musik einen 60-Prozent-Bürojob für die Band», erklärt die Sängerin. «Zu Hause sitzen und darauf warten, entdeckt zu werden, genügt nicht.» So sind Lunik auf allen wichtigen Internetforen präsent – stets effektvoll ins richtige Licht gerückt, bereit für den Ruf des Auslands.

«Von den Verkaufszahlen her spielen wir in der Schweiz bereits in der obersten Liga», schätzt Jaël, «aber noch nicht dort, wo zum Beispiel Bands wie Plüsch oder Gotthard sich bewegen. Wollten wir mit unserem englischen Pop in der Schweiz mehr verkaufen, müssten wir uns vermehrt an Orten zeigen, die wir bisher mieden, und an Veranstaltungen auftreten, die wir immer abgesagt haben. Wir haben uns unseren Stolz erhalten. Stattdessen versuchen wir, in verschiedenen ausländischen Märkten Fuss zu fassen.»

Als Lunik 1994 langsam Gestalt anzunehmen begannen, war eine Popkarriere kein Thema. Die Gründer setzten auf moderne Sounds und elektronische Tüfteleien. Bei Lunik waren junge, ernste Männer mit einem leisen Hang zur Schwermut am Werk. Trip-Hop nach dem Vorbild von Björk und Massive Attack galt als Sound der Stunde, und um diesen Planeten kreiste die musikalische Raumsonde Lunik. Jaël Krebs hatte in dieser Zeit Auftritte mit diversen anderen Bands. «Kraut und Rüben» sei ihr damaliger Musikstil gewesen, sagt die Sängerin lachend. Als Teenager schwärmte sie zum Beispiel für die Stimme von Mariah Carey – nur von Trip-Hop hatte sie noch nie gehört. Das änderte sich schlagartig, als die junge Seminaristin als «Gastsängerin» in die Lunik’sche Übungsgruft in Bern-Spiegel hinunterstieg. Die Begegnung war ein Glücksfall: Das Männerkollektiv hatte nun eine zauberhafte Mädchenstimme, Jaël konnte sich nach Jahren zwischen röhrendem Funk und Hip-Hop auf einen zurückhaltenderen, «überirdischen» Gesangsstil konzentrieren, der ihr entgegenkam. Schon schwieriger war die Vertretung der Band gegen aussen: Jaël – damals kaum dem Teenageralter entwachsen – wurde von ihren lichtscheuen Kollegen an den Bühnenrand und die Medienfront geschickt, sie war das Gesicht einer Band, zu der sie musikalisch noch nicht allzu viel beitrug. «Ich war ein Frischling, ein Meitschi aus Bern West, das plötzlich vom Schweizer Fernsehen zum Interview eingeladen wurde», erinnert sie sich. «Klar, dass ich an meine Grenzen stiess. Doch dann begann sich das Ganze zu verselbstständigen. Weil man mich am Anfang nach vorn schob, nahm ich mir vor, auch diesen Teil der Sängerinnenrolle zu lernen. Die Aufmerksamkeit wurde immer grösser, was gleichzeitig meine Position in der Band stärkte. Schliesslich war ich es, die rausmusste, um das Ganze zu verkaufen. Auch musikalisch gewann ich an Einfluss: Ich brachte eine poppigere Attitüde in die Band, begann mit Gitarrist Luk Zimmermann Songs zu schreiben und steuerte immer mehr eigene Lieder bei.»

Der Trend zum Pop blieb nicht ohne Konsequenzen: Das Personalkarussell bei Lunik begann sich zu drehen. Von der sechsköpfigen Urbesetzung sind heute nur noch Jaël und ihr musikalischer Partner Luk Zimmermann übrig geblieben. Schuld daran war nicht zuletzt ein Lied: «2003 lieferten wir die Musik zu einer Globi-Verfilmung, und den ‹Most Beautiful Song› schüttelten wir an einem Nachmittag aus dem Ärmel», erzählt Jaël. «Zu diesem wortlosen Nä-nä-nä-Refrain sollte es eigentlich noch einen Text geben, doch dann gefiel er Luk und mir so, wie er war – schliesslich ging es ja um einen Kinderfilm. Als die Plattenfirma das Lied als Single auskoppelte und diese losging wie eine Rakete, war das dennoch wie ein Schock für uns.» In ihren ersten Jahren hatten sich Lunik als Szeneband definiert und sich darin gefallen, ein Insidertipp zu sein. Für Jaël war der Globi-Song denn auch ein «geglückter Unfall»: «Es ging um einen Persönlichkeitswechsel: Wir wären gern Underground gewesen, fragten uns aber, ob uns das noch entspricht. Dank ‹The Most Beautiful Song› realisierten wir, dass wir Pop spielen können, der uns und den Leuten gefällt.»

Mit ihrem international ausgerichteten, jugendlichen Pop stehen Lunik seit einigen Jahren auf der Watchlist der Major-Firmen. Zweimal schon standen die Berner kurz vor dem Durchbruch, zweimal schon zerschlugen sich die Hoffnungen wegen Problemen, die mehr mit der akuten Krise der Musikindustrie als mit der Band zu tun hatten. Lunik reagierten trotzig auf die Turbulenzen: Sie gründeten ihren eigenen Verlag, arbeiteten im Management und lancierten zusammen mit ihrem Musikerfreund Tobias Jundt alias Signorino TJ das Label Sophie, auf dem auch die eigenen CDs erscheinen. «Wir haben zehn Jahre daran gearbeitet, alle Aktivitäten bei uns zu bündeln. Kontrolle ist unser Ding, wir haben immer schon wahnsinnig viel geplant», sagt Jaël. Mittlerweile hat man allerdings wieder einen Exklusivvertrag unterschrieben, beim kleinen, aber effizient gemanagten FOD-Label. Die Sache lässt sich gut an. In Italien landeten gleich drei Lunik-Singles in den Top Ten, in England gehören Lunik auf BBC zu den meistgespielten Newcomern.

«Es braucht einen langen Atem, um im Musikgeschäft bestehen zu können», weiss Jaël heute, «und ich bin den Männern der Band dankbar, dass sie mich immer wieder überredet haben, dranzubleiben, wenn ich den Bettel hinschmeissen wollte.» Jetzt sind Lunik im Studio, um mit dem Produzenten Bob Rose eine Platte in altmodischer Analogtechnik und mit viel Gitarren aufzunehmen. Die elektronischen Spielereien der Gründerjahre scheinen Galaxien entfernt. «Wir machen jetzt unser Ding, nehmen die nächste Platte auf und schauen, wie es kommt», sagt Jaël – nicht ganz ohne Skepsis. Die Sängerin weiss, dass viel von der Lunik-Faszination mit ihrer immer noch sehr jugendlichen Ausstrahlung zu tun hat. «Als Tina Turner kann ich mich definitiv noch nicht vorstellen», lacht sie, doch noch nicht ganz alte Dame. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.11.2009, 14:40 Uhr


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