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Chlöisu Friedlis letzter Blues

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 21.07.2009

«Chlöisus musikalische Heimat war der New Orleans Jazz der 1920er-Jahre, seine Idole hiessen Jimmy Yancey oder Jelly Roll Morton», sagt der Liedermacher Urs Hostettler, ein Freund von Chlöisu, der posthum eine CD und später ein Buch mit Friedlis Texten herausgegeben hat.

Der «Salty Dog» am offenen Klavier: Chlöisu Friedli war Berns bester Boogie-Pianist.

zvg

Im Halbdunkel: Chlöisu Friedli (1949 - 1981)

Im Halbdunkel: Chlöisu Friedli (1949 - 1981) (Bild: Lukas Lehmann)

Capital FM: Berner Rock 1981

Mit den Beatbands, für die seine Kameraden in den Sixties schwärmten, wurde Friedli nicht warm. Und doch hinterliess der gut aussehende «Seebär mit New-Orleans-Einschlag» (Hostettler) auch in Berns Rockszene bleibende Spuren. In den Liedern von Stiller Has und Figuren wie Hene, dem Abwart, leben Chlöisus Talking Blues und seine Aussenseitergeschichten weiter. Rapper Baze spielte auf seinem Solodebüt «Item» zusammen mit Endo Anaconda eine Version von Friedlis «Wo-häre geisch?» ein. 2007 wurde «SünneliBlues», ein Theaterstück über Chlöisus Leben, erfolgreich aufgeführt. Geschrieben hat es der Berner Musiker Dänu Brüggemann, der auch gleich die Hauptrolle übernahm.

In den späten 1960er-Jahren wurde Chlöisu Friedli erstmals als Honky-Tonk-Pianist wahrgenommen. Seine musikalischen Lehrjahre absolvierte er bei den Lorraine Hot Shots: «Unser ‹Leader›, wie man den Leiter einer Jazzband nennt, war immer sehr optimistisch, was die Qualität unserer Musik anbelangte», schrieb Friedli später. «Er erklärte vor jedem Engagement, die Leute würde es ob unseres Spiels von den Stühlen heben. Meistens waren aber bei unseren Konzerten fast keine Leute da.» Es folgten fünf Jahre bei der legendären Longstreet Jazz Band. «Salty Dog» (Chlöisus Adaption einer klassischen Jazzaufnahme aus den 20er-Jahren) war eine seiner Paradenummern. Vornübergebeugt sass er am offenen Klavier, schaute zu, wie die Filzhämmer auf die Saiten schlugen, nahm einen Schluck aus der Bierflasche und sang mit seiner herben, lakonischen Stimme: «I’ve been east, I’ve been west, but I love New Orleans the best.»

Für viele Szenegänger war Friedli der Salty Dog. Sie riefen nach «Salty», weil dieser es mit seinen zeitlosen Boogies und seinen aus dem Leben gegriffenen Storys immer wieder schaffte, sie zu erheitern und ihnen das Herz zu öffnen. Auch der junge Journalist Daniel Leutenegger war oft zugegen und berichtete in der Zeitung, wenn «Salty» in der Mahogany Hall aufspielte – manchmal als «Samichlous» oder im Osterhasenkostüm, wenn er vor den Feiertagen gerade für ein Warenhaus jobbte. «Eines Tages hat mich Chlöisu zur Seite genommen», erinnert sich Leutenegger. «‹Dänu, es ist schön, was du über mich geschrieben hast›, sagte er. ‹Aber ich bin nicht so lustig, wie du meinst.›»

Wann Chlöisu Friedli zum ersten Mal mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte und was mögliche Ursachen dafür waren, ist heute nur schwer zu rekonstruieren. Ein Umzug von der Stadt nach Zimlisberg bei Rapperswil BE und ein frustrierender Job im Keller eines Berner Schreibmaschinenladens waren seinem Wohlbefinden jedenfalls nicht zuträglich. «Auf dem Land fühlte er sich beobachtet», sagt Chita Fricker, Friedlis Freund und langjähriger Mitmusiker. «Die Bauern fragten: ‹Warum schaffet dä nüt rächts, warum steit dä so spät uf?› Chlöisus skurrile Sprüche konnten nun unvermittelt in ‹Schlötterlig› gegen die Polizei, seinen Arbeitgeber oder einen Nachbarn umschlagen.» Mitte der 1970er-Jahre ging Chlöisu Friedli erstmals wegen einer schweren Depression in die Psychiatrische Klinik Waldau, wo man ihm Neuroleptica verschrieb. Als er wieder draussen war, wartete schon der Blues.

«Es gab nie einen besseren Boogie-Pianisten in Bern», glaubt Gitarrist George Steinmann, der mit Friedli ab 1975 bei den Blues Shouters spielte. Die Shouters waren Berns erste voll elektrifizierte, urbane Bluescombo. Adi Tosetto, der den Fender-Bass bei den Shouters spielte, erinnert sich: «Im zweiten Konzertteil hatte Chlöisu sein Set. Er spielte den ‹Typewriter Boogie› und liess noch irgendeinen Spruch über Muggli, seinen damaligen Arbeitgeber, fallen, bei dem er als Magaziner tätig war. Wenn die Leute im Publikum begeistert applaudierten, behauptete er, er kenne das schon. Auch sein Chef klatsche jeweils kurz zweimal in die Hände, wenn er erscheine: ‹Hopp, hopp an die Arbeit!›» Tosetto lacht: «Mit solchen Auftritten berührte Chlöisu die Leute. Verglichen mit dem verbissenen Chicago-Sound, den wir Blues-Taliban zu spielen versuchten, war das quasi das Original. Chlöisu war authentisch.»

Doch auch die Kollegen in Friedlis späten Bands mussten feststellen, dass ihr Pianist noch einen anderen, kaum in Worte oder Musik zu fassenden Blues bei sich hatte. Gleich das erste Konzert der Blues Shouters platzte, weil Chlöisu einen Suizidversuch unternommen hatte. Dass ihn die Pfadfinder im Wald fanden, ärgerte ihn. Er hatte sich die Handgelenke aufgeschnitten, «dabei war er doch Pianist», wie George Steinmann zu bedenken gibt. 1977 kam es zum unschönen Blues-Shouters-Split – ausgerechnet bei der Plattentaufe zum ersten Livealbum, für das Steinmann einen Vertrag beim Platten-Major Bellaphon ausgehandelt hatte. Aus der professionellen Musikkarriere wurde nichts. Chlöisu Friedli gründete mit Adi Tosetto und Sänger/ Saxofonist Max Gugger die Asphalt Blues Company, mit der man ihn auch im Film «E Nacht lang Füürland» sieht. Doch zunehmend war weniger Verlass auf ihn. Immer wieder zwang ihn die Krankheit zu Pausen und Therapieaufenthalten. «Chlöisu war tagelang unansprechbar, lebte in seiner eigenen Welt», sagt Adi Tosetto. «Sobald er aber am Piano sass und keine Zeit zum Grübeln hatte, dann war es gut.» Dass auch der Alkoholkonsum ein Problem war, dementiert Tosetto: «Chlöisu war meist in Begleitung eines Biers, aber das war immer etwa gleich voll. Dass er ein exzessiver Trinker gewesen sein soll, hat man ihm als Blueser angedichtet. Das hätte sich kaum mit den Medikamenten vertragen, die er nehmen musste.»

Chlöisu Friedli füllte ein schwarzes Büchlein mit Texten, erschreckend ehrlichen und märchenhaft verspielten. Er trug es stets in einem umgehängten «Habersack» bei sich. Um eine Veröffentlichung bemühte er sich vergeblich. 1981 investierte er das Honorar, das ihm das Schweizer Fernsehen für seinen «Tscharni-Blues» in einer Sendung über Wohnungsnot gezahlt hatte, in Studioaufnahmen: Zum ersten Mal kombinierte er den alten Blues mit eigenen berndeutschen Texten. Hinter den Aufnahmereglern im Zentrum Kleefeld sass sein alter Kollege Adi Tosetto, der einfach die Bandmaschine laufen liess und Friedlis skurrile Gedankensprünge selten bis nie unterbrach. Der Pianist erzählte zu seinem pulsierenden Spiel die Geschichte vom Sportplatzabwart Jimmy Yancey, aber auch vom Alltag in der Waldau und dem Leben eines IV-Bezügers. Er sang ein surreales Lied über Ampeln und beschrieb nüchtern den real existierenden Blues in den Wohnsilos am Stadtrand.

Es war Chlöisu ein Anliegen, seine Blues-Epigramme festzuhalten. Für die Veröffentlich-ung der Aufnahmen reichte es nicht mehr. Im Sommer 1981 ging Chlöisu Friedli mit dem «Habersack» und seinem schwarzen Büchlein unter den Zug. Ein Jahr später wurden seine berndeutschen Aufnahmen und andere Tondokumente als Erinnerungsalbum veröffentlicht. Sie wirkten. Still, aber nachhaltig. Mehr als fünftausend LPs und CDs wurden bisher verkauft, das 1993 herausgegebene Buch «Das Gesetz des Waldes» mit Texten aus dem Nachlass ist vergriffen. Als die Leute seinen berndeutschen Blues entdeckten, war Chlöisu Friedli schon weg.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 21.07.2009, 12:16 Uhr


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