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Berner Hip-Hop: Die Chlyklass-Story (Part 1)

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 26.10.2009

«Wir sind nie richtig auf den Hip-Hop-Zug aufgesprungen», behauptet Baze, den man als stilistisch offensten Chlyklass-Rapper bezeichnen kann.

Die Chlyklass formiert sich, 1999: Vorn, von links: Diens, Baldy, Greis, Tiersch, Link; zweite Reihe, von links: Serej, Phantwo, DJ Skoob; oben auf der Leiter und auf dem Balkon: Krust, Thomes, Baze, Poul Prügu.

Die Chlyklass formiert sich, 1999: Vorn, von links: Diens, Baldy, Greis, Tiersch, Link; zweite Reihe, von links: Serej, Phantwo, DJ Skoob; oben auf der Leiter und auf dem Balkon: Krust, Thomes, Baze, Poul Prügu. (Bild: Simon Spalinger)

Capital FM: Berner Rock 1997

An der Luftlinie gemessen, liegen Breitenrain und Obstberg nicht weit auseinander. Das Berner Nordquartier war ursprünglich den Kleinbürgern und Werktätigen zugewiesen, heute macht sich dort der kinderreiche Mittelstand mit Staatsangestellten und Akademikern breit – jene Schicht, die den Obstberg längst okkupiert hält. Doch trotz geografischer und neu auch sozialer «Nähe» gab es eine Rivalität zwischen Breitenrain und Obstberg: In beiden Quartieren waren in den frühen Neunzigerjahren erste Zellen am Werk, die sich von der amerikanischen Hip-Hop-Kultur hatten anstecken lassen. Hier wie dort streiften jugendliche «Homeboys» in den frühen Morgenstunden mit der Spraydose um die Häuserblocks, um ihr Revier mittels Graffiti und entsprechenden Tags zu markieren. Als PVP aus dem «Breitsch» und Wurzel 3 aus dem Obstberg voneinander Wind bekamen, machte sich so etwas wie eine spontane Feindschaft bemerkbar. «Es gab eine Ur-Rivalität der Hip-Hopper in der Disziplin Sprayen, die sich in der Illegalität abspielt», sagt Grégoire Vuilleumier alias Greis. Er muss es wissen: Greis ist in der Hip-Hop-Geschichte gut beschlagen, auch wenn er mit Jahrgang 1978 nicht ganz von Anfang an dabei war, als Hip-Hop auch Bern infiltrierte. «Der kompetitive Gedanke in diesem Mikrokosmos namens Hip-Hop war enorm wichtig», schiebt er nach.

Mit seinen Kollegen Poul Prügu, Phantwo und Krust bildete Greis PVP, die sich 1997 zum ersten Mal als MCs versuchten, um gegen das damals heiss umstrittene Polizeigesetz anzurappen. Auf der Rückreise von einem «Jam» (wie man in der Hip-Hop-Kultur das spontane Zusammentreffen der vier Disziplinen Rap, Breakdance, Graffiti und DJing nennt) brachten die jungen Männer ein paar Raps zu Papier, die sie anschliessend in einem Wichtracher Studio aufnahmen. Hinter den Reglern stand Beat-Lieferant Marius von G-Punkt, einer der Formationen der «ersten» Berner Hip-Hop-Generation, zu denen man auch die Three Tree Posse (aus dem Ostring), Freedom of Speech aus Burgdorf oder die Revolting Allschwil Posse zählen kann. Letztere rappte zwar baseldeutsch und nannte als «Homebase» Allschwil BL. Allerdings verbargen sich hinter dieser Posse ein Berner (Bubi Rufener) und ein Zürcher (Boni Koller) mit komödiantischem Talent. Greis erinnert sich: «Wir sahen die Allschwil Posse in einer Katakombe von Bern, wo sie mit Security auftrat. Wir glaubten, das sei ‹for real›. Als das Gerücht die Runde machte, die beiden seien gar nicht aus Allschwil, fanden wir das skandalös: Es konnte doch nicht sein, dass die uns dermassen vorführten!»

Weiter östlich, genauer im Laubeggschulhaus, sah man das mit dem Hip-Hop nicht so eng. Ein Freundeskreis aus jungen Männern war eine Zeit lang eher unmotiviert mit der Spraydose unterwegs gewesen, wandte sich aber bald den Raps zu. «Mit Serej und Diens gründete ich Wurzel 3 und versuchte mich als DJ», erinnert sich Balduin «Baldy» Minder, «doch ich kämpfte mit mangelndem Taktgefühl. Als wir aus einer anderen Formation den Rapper Tiersch und DJ Link beizogen und zu Wurzel 5 wurden, wechselte ich die Rolle. Ich kannte schon viele Leute, hatte eine grosse Klappe, konnte kommunizieren. Also war ich fortan der Manager. Die Organisation war das, was wir den anderen Berner Hip-Hoppern voraus hatten. Vor allem aber hatten wir einen eigenen Bandraum.» Der war teuer und so beschloss man 1999, das Kriegsbeil zwischen Breitenrain und Obstberg zu begraben und Synergien zu nutzen. Man teilte fortan die Kosten und gründete eine «Crew», die sich den Namen Chlyklass gab und es auf die Grösse einer Fussballmannschaft brachte. Neben PVP, Wurzel 5, DJ Skoob und Thomes war der etwas jüngere Rapper Basil Anliker alias Baze mit an Bord, der zunächst seine Freunde von Wurzel 5 als Gastrapper angeheizt hatte, weil die noch über kein abendfüllendes Repertoire verfügten. «Es gab dieses Credo, dass wir keinen mehr aufnehmen und dass keiner mehr rausgeht», sagt Baze. Und tatsächlich: Auch zehn Jahre nach ihrer Gründung ist die Chlyklass in unveränderter Zusammensetzung intakt.

«Wir sind nie richtig auf den Hip-Hop-Zug aufgesprungen», behauptet Baze, den man als stilistisch offensten Chlyklass-Rapper bezeichnen kann. «Wir hatten mehr einen ironischen Zugang und fanden nicht im Ernst, wir seien hart oder ‹krass›. Uns war bewusst, dass wir Mittelstandskids sind, die Musik machen. So gesehen haben wir auch nie etwas vorgegeben, das wir nicht sind. Für mich heisst Hip-Hop gerade nicht, dass man irgendwelche Regeln befolgen soll. Das wäre ja das Gegenteil dessen, was ich eigentlich will. Ich fühle mich nicht verpflichtet, die ganze Geschichte des Hip-Hop zu kennen. Es ist lächerlich, wenn man Leute hört, die aus Mittelstandsquartieren kommen und erzählen, wie hart ihr Alltag sei.»

«Wir liefen auch nie in breiten Hosen rum», insistiert Serej von Wurzel 5, «wir wollten uns explizit von dieser Szene abgrenzen.» Trotzdem verbindet die Chlyklässler einiges mit der internationalen Hip-Hop-Kultur. «Punkrock sagte: ‹Fuck the System, No Future!›», skandiert Greis. «Wir sagen: Was für ein System? Was für eine Zukunft? Wir haben unser eigenes System: Wir messen uns miteinander. Das, was du verpönst, den Imperialismus und so, lebst du in dieser Welt. Im Rap macht man sich kaputt – mit Worten, nicht mit Gewalt.» Baldy Minder stimmt zu: «In der Hip-Hop-Szene musst du etwas bewegen, sonst darfst du dich gar nicht in die Stadt wagen.» «Hip-Hop war von Anfang an ein Männerding», meint Serej. «Es gab nur ganz wenige ‹Flygirls›, meistens blieben wir ‹Giele› unter uns.»

Auch wenn der Männerbund namens Chlyklass gegen aussen nie gewalttätig auftrat und sich als Einheit gegen «das System» und «den Kommerz» stellte: Innerhalb der Gruppe schenkte man sich nichts. «In unserem Freundeskreis hat man sich nie Komplimente gemacht», erinnert sich Baze. Das lief alles nur über Sticheleien, jede Sympathiebekundung wurde böse formuliert. Was zählte, war, wer den noch besseren Spruch zum Abschluss hatte, was zählte, war der verbale Schlagabtausch.»

Auch sonst ging es mit der Chlyklass Schlag auf Schlag voran. Nach einigen Versuchen auf Samplers und Maxisingles – man erinnert sich zum Beispiel an den «Rapresent»-Sampler von 1998 oder die Wurzel-5-Maxi «Schiissträcks» (2000) – begannen sich die Mitglieder der Chlyklass als wichtige Player in der schweizerischen Hip-Hop-Szene zu etablieren. Ihre CDs landeten in der Hitparade, die Rapper Baze und Greis machten sich auch als Solokünstler einen Namen. Mehr dazu in Folge 2 der «Chlyklass-Story», am Montag, 7.12., an dieser Stelle.

Baze und Greis am Konzertevent zur Serie: «Best of 50 Jahre Berner Rock», 27. und 28.November live im Bierhübeli. Jetzt im Vorverkauf bei www.starticket.ch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.10.2009, 08:01 Uhr

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