Berner Hip-Hop: Die Chlyklass-Story (Part 2)
Hat Bern nach der jahrelangen Dominanz seines Mundartrock nun tatsächlich auch mit berndeutschem Hip-Hop die restschweizerische Konkurrenz verdrängt? «Der Kuchen ist besser verteilt als im Rock», relativiert Baldy Minder, Manager des Chlyklass-Kollektivs, das mit Wurzel 5, PVP und den Rappern Greis und Baze seit zehn Jahren so etwas wie das Monopol in Sachen Berner Hip-Hop besitzt – wenn man vom Freestyle-Reimer und Feuilletonliebling Kutti MC absieht. Rapper Baze verweist auf die Verkaufszahlen von Stress, Sektion Kuchikäschtli oder Gimma, die alle deutlich höher liegen als die der Berner – von Bligg mit seinem aktuellen Album «0816» ganz zu schweigen. Dagegen fällt der bisherige Berner Verkaufsschlager, die 10000 verkauften Exemplare des letzten Wurzel-5-Albums «Teamgeist» (2005), vergleichsweise bescheiden aus. «Wir kratzen das Gold noch nicht an», räumt Baldy Minder ein. «Es ist die Vielfalt, nicht der kommerzielle Erfolg, die Bern als Hip-Hop-Stadt interessant macht.»
Tatsächlich finden allein in der Chlyklass ebenso verschiedene wie eigensinnige Charaktere zusammen: die bodenständigen Wurzel 5 mit ihren «fadegrade» Messages; der zweisprachige Rapper Greis mit seinem Anspruch an technische Perfektion und politisches Engagement; und schliesslich Baze, der verspielteste und vielseitigste im Kollektiv, der auf seiner ersten CD «Item» das Chlöisu-Friedli-Lied «Wohäre geisch?» coverte, auf seinem letzten «Unplugged»-Album mit den Rockmusikern von Secondo zusammenspannte, mit den Tequila Boys das Album «Live im Anker» von Rumpelstilz neu aufführte und mit Rapper Elwont das Duo Boys on Pills betreibt. «Wir sind vielleicht die Nummer eins im Hip-Hop, dafür sind wir sonst im Rückstand. Diese Stadt hat auch einen Einfluss auf das, was wir hier machen. Bern ist eine schöne, aber gemütliche Stadt, die mich im Winter krank macht», meint Baze. «Nein, ich wäre verdammt noch mal nicht lieber in Zürich», reagiert er auf einen Einschub seines Kollegen Serej, der meint, er fühle sich «pudelwohl» unter Berns Lauben.
Dass die Vielfalt von Berns Rapkultur trotz der gemeinsamen «Dachmarke» Chlyklass noch gefördert wurde, hängt mit dem kompetitiven Geist aus früheren Rivalentagen zusammen, den man sich bewahrt hat. «Wir haben uns innerhalb der Chlyklass immer gegenseitig angestachelt», sagt Baldy Minder. «Wenn Wurzel 5 ein Album herausgaben und es damit bis auf Platz fünf der Albumcharts schafften, wollten Baze und PVP dies toppen. Das ist unser Erfolgsrezept – zusammen mit der Kontinuität. Als wir Ende der 1990er-Jahre anfingen, gab es in unserer Generation auch die Rapper von Hobbitz oder die Formation LDeeP mit dem späteren Theatermann Raphael Urweider. Die hörten aber irgendeinmal wieder auf – wir sind immer noch da.» Dabei machte es sich auch die Chlyklass nicht leicht: Einen «Ausverkauf» an die Tonträgerindustrie lehnte man strikt ab, es galt «real» zu bleiben und irgendwelche bindenden Klauseln zu vermeiden. «Entweder wir machen es zu unseren Bedingungen, oder wir machen es gar nicht», formuliert Greis die radikale Geschäftspolitik der Rapper. Bei den Liveaktivitäten waren es nicht die ideologischen Faktoren, die für Startschwierigkeiten sorgten. «Wir waren weniger cool als die anderen Rapper, dafür wilder», murmelt Baze ungewohnt zurückhaltend. Man könnte es auch so sagen: Der berüchtigte Alkoholkonsum der Chlyklass war einem akzeptablen Benehmen nicht wirklich förderlich, wegen einiger Unflätigkeiten und Vandalenakte gab es Auftrittsverbote – etwa am Berner Gurtenfestival, wo man die Wut über einen geplatzten Auftritt backstage am Mobiliar ausliess. Doch das ist Schnee von gestern, das sind «Jugendsündä», wie sie Wurzel 5 schon 2001 auf ihrem Albumdebüt zum Thema machten. «Mittlerweile ist die Chlyklass jedes Jahr auf dem Gurten», grinst Serej.
Musikalisch haben sich die Chlyklass-Rapper weiterentwickelt – so hoffen sie. «Hip-Hop war die einfachste Art, etwas zu machen», erinnert sich Baze an seine ersten Gehversuche als Rapper. «Man musste kein Instrument lernen und konnte es mit ‹dr Schnure› machen.» Ein Problem der Chlyklass-MCs, die heute alle um die 30 sind, ist die Themenwahl. Früher setzten sie oft auf (Selbst-)Ironie und persiflierten die Rhymes aus der internationalen Rapkultur. «Hör dir unsere erste Chlyklass-CD an», stöhnt Baze. «Da ist alles voll von ‹Bitches› und ‹figgen›. Das hatte ja alles überhaupt nichts mit unserer Realität zu tun. Aber in der Schweiz gab es niemanden, der solche Raps machte. Also platzierten wir möglichst viel Bitches in unseren Raps – nur um zu nerven.» Mittlerweile klagt Baze über einen Schreibstau und findet, dass er nur noch rappen wolle, wenn er etwas Relevantes zu sagen habe. Greis, der wie Baze parallel zu den Chlyklass-Aktivitäten eine Solokarriere verfolgt, präsentiert auf seinem neuen Album «3» eine «komponiertere» Version des Rap, die mit Spannungsbögen und Crescendi arbeitet und nicht einfach dem Strophe/Refrain-Dogma folgt. «Früher suchte ich immer den kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen dem, was ich sagen wollte, und dem, was die Leute von mir verlangten. Auf der neuen CD sage ich zum ersten Mal nur noch das, was ich sagen will.»
Bei Wurzel 5 sieht es nochmals anders aus. Die Gruppe veröffentlichte dieses Jahr die CD «Letschti Rundi» und will nach einer ausgedehnten Tournee aufhören. Baldy Minder, als Manager Teil von Wurzel 5, ortet ein Problem: «Wir alle sind älter geworden, aber das Hip-Hop-Publikum bleibt immer gleich jung. An der Plattentaufe tauchen die Älteren vielleicht noch auf, aber an den übrigen 45 Konzerten der Tour ist das Publikum im Schnitt unter 20.» Vieles, was zu rappen war, ist gerappt, es droht die Routine. «Nur wenn man authentisch ist, kommt man rüber», glaubt Serej, der immer gern mit Livemusikern gespielt hätte und mit einer musikalischen Zukunft als «Johnny Cash von Bern» kokettiert. Eine Chlyklass ohne Wurzel 5 können sich Greis und Baze, die als Einzige von der Musik leben, noch nicht vorstellen. «Die hören doch nicht auf, die juckt es doch schon bald wieder», glaubt Baze. Für Nachwuchs ist jedenfalls gesorgt: Greis schwärmt von der technischen Perfektion der jüngsten Generation, die, wenn sie so weitermache, bald in die Chlyklass-Fussstapfen treten werde. «Früher tönten die jungen Rapper wie wir», grinst Baldy Minder, «heute eher nach Lil Wayne.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 28.12.2009, 13:58 Uhr
Kultur
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Grandioses Berg-Erleben.
Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!







