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Auf der Jagd nach dem Zeitgeist

Von Adrian Zurbriggen. Aktualisiert am 04.01.2009

Der Rockjournalist und -chronist Samuel Mumenthaler rollt ab nächsten Montag in einer 50-teiligen Serie in dieser Zeitung die 50-jährige Geschichte des Berner Rock auf. Im Interview erklärt er, wie er an dieses Grossprojekt heranging.

Kein Schreibtischtäter: Samuel Mumenthaler  ist für seine Recherchen viel unterwegs, trifft sich mit Zeitzeugen oder spürt Originalschauplätze auf.

Kein Schreibtischtäter: Samuel Mumenthaler ist für seine Recherchen viel unterwegs, trifft sich mit Zeitzeugen oder spürt Originalschauplätze auf. (Bild: Urs Baumann)

Auf Recherche: Autor Mumenthaler (rechts) mit den Beat-Pionieren Black Caps.

Auf Recherche: Autor Mumenthaler (rechts) mit den Beat-Pionieren Black Caps. (Bild: zvg)

Initialzündung:  Zum Abschluss des grossen «Be-Rock-Reports» 1985 in der BZ gabs ein Festival im Splendid, wo Züri West ihre erste Platte auf nahmen.

Initialzündung: Zum Abschluss des grossen «Be-Rock-Reports» 1985 in der BZ gabs ein Festival im Splendid, wo Züri West ihre erste Platte auf nahmen. (Bild: zvg)

Ex-Züri-Westler als Rockchronist

Samuel Mumenthaler arbeitet regelmässig als Musikjournalist für diese Zeitung. Der 47-Jährige publizierte auch zwei Bücher: 2001 verfasste er mit «Beat, Pop, Protest» ein Standardwerk über die Schweizer Musikszene der Sixties; 2005 veröffentlichte er die Polo-Hofer-Biografie «Polo: Eine Oral History». Mumenthaler ist selbst Musiker: Er war 1984/85 der erste Schlagzeuger von Züri West, danach spielte er jahrelang bei Phon Roll. Heute tritt er etwa an der Seite von Housi Wittlin und Span-Bassist Christoph Kohli bei den Repeatles auf und arbeitet mit Bubi Rufener und Boob an einer neuen CD. azu

Interview Capital FM

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Samuel Mumenthaler, wie ist die Idee für eine Serie von solchem Ausmass entstanden?

Samuel Mumenthaler: Die Rockmusik ist die prägende Kulturform der letzten fünfzig Jahre. Trotzdem ist ihre Geschichte auch hier in Bern erst lückenhaft dokumentiert. Diese Lücke möchte ich füllen helfen.

Warum gerade durch eine Zeitungsserie?

Die Form einer Serie in der Berner Zeitung hat auch eine historische Bedeutung: 1985 erschien der gross aufgemachte «BE-Rock-Report» in dieser Zeitung. Nicht zuletzt dank dieser Serie startete in den Berner Medien eine ernsthafte und vertiefte Auseinandersetzung mit der einheimischen Rockmusik. In den ersten 35 Jahren des Berner Rocks wurde diese Kultur kaum abgebildet, und wenn, meist belächelt. Der ab Mitte der Achtziger Jahre einsetzende schweizweite Siegeszug des Berner Mundartrock hängt nicht zuletzt mit der engen Begleitung durch die lokalen Print- und Radio-Medien zusammen.

Und woher kommt das persönliche Interesse für die «Archäologie» der Berner Rockmusik?

Ein Schlüsselerlebnis war das legendäre zweitägige Splendid-Festival 1985, welches zum Abschluss des «BE-Rock-Reports» organisiert wurde. Wir haben dort mit Züri West die erste Maxi-Single aufgenommen. Neben uns traten The Oldies auf, eine Formation bekannter Berner Sixties-Musiker wie etwa Wale Stettler und Ischi Aschi. Als Band mussten wir neidlos eingestehen: The Oldies waren an diesem Abend die Abräumer. Für mich wars eine spannende Erkenntnis: Aha, Sixties-Rock gabs auch in Bern. Da hat mein «Gwunder» für die Berner Pioniere angefangen. Etwas später leisteten die CD-Dokumentationen von Roland Berger wichtige Pionier-Arbeit, die ich mit Texten ergänzt habe.

Über die Anfänge des Berner Rock ist kaum etwas bekannt. Wie geht man da vor?

Im Zentrum meiner Arbeit stand und steht stets der O-Ton. Ich habe darum versucht, an möglichst viele Musiker oder Zeitzeugen heranzukommen. Da ich selber Musik mache und schon für zwei Bücher recherchiert habe, kenne ich viele Leute, Da tun sich natürlich Türen auf.

Wie fallen die Reaktionen dieser Leute aus?

Die meisten sind sehr interessiert. Da ich die Serie fortwährend recherchiere und schreibe, bin ich momentan erst bei der Gründergeneration. Viele ihrer Exponenten stehen in einem Lebensabschnitt, wo sie gerne zurückschauen. Ich kann mit vorstellen, dass jene, welche heute «am Drücker» sind, zurückhaltender reagieren.

Das Erzählen mit O-Tönen von Zeitzeugen, die sogenannte «Oral History», hat auch Tücken…

Durchaus. Die reine Wahrheit wird nie resultieren, das nehme ich auch nicht in Anspruch. Zeitzeugen geben zwangsläufig ihre subjektive Wahrnehmung wieder. Doch ich will nicht primär erklären, sondern Geschichten erzählen, die sich am Ende zu einem Bild verdichten. Die Serie soll keine vollständige Chronik werden. Ich möchte stattdessen den jeweiligen Zeitgeist einfangen. Denn das ist ja gerade das Spannende an der Popmusik: Sie ist als unmittelbare Kulturform untrennbar mit der Zeit ihrer Entstehung verbunden.

Wie geht man denn mit der Gefahr um, dass ein Zeitzeuge die eigene Vergangenheit allzu heftig glorifiziert?

Einerseits kann man seine Aussagen anderen Aussagen gegenüber stellen. Andererseits funktioniert das Foto- und Dokumentationsmaterial, welches ich seit Jahren gesammelt habe, als Korrektiv. So erzählen etwa alle, dass die Leute am ersten Berner Beat-Konzert im ausverkauften Casino 1965 total durchgedreht seien. Doch die Fotos zeigen ein gesittet dasitzendes Publikum. Auch sonst sind Bilder wichtig: Die Erinnerungen kommen meistens mit dem Betrachten des Bilds. Das ist bei Ferienfotos nicht anders.

Gibt der Berner Rock genug her für eine fünfzigteilige Serie?

Ganz klar. Ich werde sogar ziemlich selektiv sein müssen. Natürlich sollen all die Stars wie Gölä, Polo, Züri West, Patent Ochsner oder Plüsch eine Plattform erhalten. Aber eben nicht nur die: Ich will auch in Vergessenheit geratene Akteure vorstellen wie etwa Tommy Fortmann aus Gerzensee. Der schrieb 1972 als 16-Jähriger seinen ersten Song «Israel» – und der schaffte es gleich auf Platz 3 der US-Charts mit 4,5 Millionen verkauften Platten! Weder von ihm noch seiner Band Demon Thor hat man später wieder gehört. Wichtig sind mir zudem für die Szene inspirierende Figuren wie Housi Wittlin, Chlöisu Friedli oder Sandra Goldner, welche kein breites Publikum erreicht haben.

Gibt es aus den seit etwa einem halben Jahr dauernden Recherchen bereits Folgerungen?

Wenn man «Berner Rock» hört, denkt man an Mundartrock. Doch das greift zu kurz: International am erfolgreichsten waren nicht Mundartmusiker, sondern die alten Bandleader wie Hazy Osterwald oder Stephan Eichers erste Band Grauzone mit ihrem Hit «Eisbär» von 1980.

Die Berner Szene feiert sich auch gerne wegen ihrer Pionierrolle. Wenn man an die Chansonniers, den Mundartrock oder jüngst an die Hip-Hopper denkt, war man mit dem Einschweizern sicher führend. Doch Bern ist nicht unbedingt eine Trendsetter-Stadt. Dafür spürt man hier recht schnell, was läuft und kanns dann in eine Form bringen, die viele anspricht. Die Geschichte des Berner Rock ist sicher auch eine Erfolgsgeschichte. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.01.2009, 11:45 Uhr

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