Auf Achse mit den Black Caps
Capital FM: Berner Rock 1966
Capital FM: Berner Rock 1966
«Ich sagte zu meinen Kollegen: ‹Das wars›. Unsere Profiambitionen waren gescheitert. Es lag nicht daran, dass wir nichts konnten, aber wir hatten alles ‹verlauert›. Ich hatte mir vorgenommen: Wenn bis 25 nichts eingefädelt ist, höre ich auf. Am Montag ging ich zum Coiffeur und liess mir die Haare schneiden. Am Dienstag war ich zurück in Bern.» Es war das sang- und klanglose Ende der Berner Beatpioniere The Black Caps.
Dabei hatte alles viel versprechend begonnen. Spitze Zungen behaupten, René Stoll habe im Gambrinuskeller triumphierend seine Stöcke in die Luft geworfen und «Nie meh schaffe!» gejubelt, als er von einer bevorstehenden Algerien-Tournee seiner Band erfuhr. Stoll dementiert: «Ich bin ja nicht dumm!» Dafür lief auf besagtem Auslandreisli einiges dumm. Es begann damit, dass die Tonanlage nach Algier geflogen wurde, das Engagement aber in Oran stattfand. Auch die ohne Pardon vollzogene Pockenimpfung, der sich die Band vor dem Abflug ins Profiabenteuer unterziehen musste, war dem allgemeinen Wohlbefinden nicht zuträglich. Dafür war der Empfang in Oran, das sich gerade aus der kolonialen Umarmung Frankreichs befreit hatte, eine Offenbarung. «Der Flughafen war voller Leute, es herrschte ein unglaubliches Geschrei», erzählt Rhythmusgitarrist René Balsiger, «dann folgte eine Pressekonferenz mit allem drum und dran.» Stoll weiss, warum: «Die Algerier hielten uns in unseren vermotteten Fräcken für die leibhaftigen Beatles.»
Das Engagement im neureichen Dancing Belvédère auf einem Hügel über der Stadt war weniger ruhmreich. Für das jugendliche Zielpublikum war der Eintrittspreis unerschwinglich, und der Geldadel vor Ort zeigte sich nicht angetan vom harten Sound, der durch ein paar angemietete Radiogeräte nicht eben glaubhaft verstärkt wurde. «Abends sassen da vielleicht sieben Grossmuftis, die vornehm dinierten», erinnert sich Balsiger. «Der Blickfang mitten im Dancing war eine Tiefkühltruhe, weil das damals gerade der letzte Schrei war. Wir waren die Tafelmusiker und mussten den verfaulten Fisch essen, wenn die Kühlung ausfiel.» Über den Rest der «Tournee», die einen Konkurs, einen Hotelrausschmiss und einen erschossenen Wirt mitbeinhaltet, breiten die Black Caps den Mantel des Vergessens.
Doch schon winkte das nächste Auslandengagement: René Balsigers Vater pflegte in Norditalien geschäftliche und andere Beziehungen und versprach seinen Schützlingen einen «dicken Auftritt» in Varallo. Die Plakate kündeten den «complesso internazionale» an und jubelten: «Applauditi successi in Europa e in Africa». Original-Sänger Paul Anderegg hatte genug vom freien Personenverkehr und nahm frei. Als Ersatz wurde der Aargauer Peter «Burki» Burkart angeheuert, der praktischerweise eine neue Tonanlage mitbrachte. Nach dem Silvestergig, über dessen Erfolg man sich streitet (Balsiger: «Der Saal war voll!», Burki: «Der Saal war leer!»), blieben die fünf Profis über ein halbes Jahr in Norditalien hängen. «Das war die musikalisch stärkste Version der Black Caps», glaubt Stoll, und Burki weiss, warum: «Wir haben geübt wie die Schweine – sonst ist nichts gelaufen.» Ein paar Auftritte vor Ort und das eine oder andere Festival waren die Ausnahme, ansonsten räkelte man sich an der italienischen Sonne und verdiente sich mit Stanzarbeiten in Vater Balsigers Manufaktur etwas «Gilet-Münz». Der Grandezza der «Beretti Neri» tat dies keinen Abbruch: «Die Einheimischen glaubten, wir hätten das Zeug zum MusicStar, und haben uns umschwärmt», schmunzelt Burki.
Ausgerechnet als ein Engagement in der nahen Metropole Milano winkte, verknackste sich Drummer Stoll nach einer alkoholgetränkten Visite bei einem Berghirten den Fuss und musste per Esel zu Tal transportiert werden. Linderung in der Not brachte ein Naturheiler, der dem Patienten ein Stück Holz zwischen die Zähne schob und die Extremitäten wieder zurechtbog. Rechtsfüsser Stoll konnte die Pauke zwar nur links spielen, als man sich beim Impresario Leo Wachter meldete, der ein Jahr vorher die Beatles nach Italien geholt hatte. Trotzdem erhielten die neu getauften «Topers» ein Engagement im angesagten Piper Club und durften in Adriano Celentanos Studio, einer alten Kirche, eine (nie veröffentlichte) Single einspielen.
Die Arbeitsbedingungen blieben hart: Man hauste zu fünft in einem Hinterhofzimmer und verhinderte nur mit Not einen Zimmerbrand, der auf das Konto des mit Zigarette eingenickten Bandleaders Fräne Lüdi ging. Für etwas Aufheiterung sorgten einzig die Transvestiten im Nebenzimmer. Die Stimmung verdüsterte sich rasant, als der Schallplattenvertrag platzte: Vater Balsiger hatte eine Konkurrenzofferte eingeholt und damit die Exklusivitätsklausel von Manager Wachter verletzt. Dieser forderte prompt eine Konventionalstrafe von 21 Millionen italienischen Lire, die in einem schmerzlichen Missverhältnis zur abendlichen Musikergage von je 3000 Lire stand. «Wir waren ‹stier›», bekennt Stoll. «Bei einem Aufritt stritt ich mich mit einem italienischen Musiker um ein letztes Paar zusammengeflickte Schlagzeugstöcke.» Burki ging als Erster, packte die Anlage in zwei Topolino-Taxis und ward nicht mehr gesehen. Der Ausstieg von Stoll, der so etwas wie der Bandmotor gewesen war, bedeutete das endgültige Aus.
Mit dem Ende der Black Caps schienen die Profiambitionen der Berner Beatszene begraben. Doch Balsiger und Lüdi wollten es schon zwei Jahre später mit Polo Hofer und den Pop Tales wieder wissen. Burki ist seit Jahren als Alleinunterhalter unterwegs, Stoll war Taktgeber in verschiedenen Bands. «Als Jugendliche haben wir damit kokettiert, später gemeinsam eine Rentnerband zu gründen», sagt er heute. «Das richtige Alter haben wir jetzt.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 24.11.2009, 14:58 Uhr
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