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Alles ist gut, solange du «Ugly» bist

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 23.07.2009

Der Berner Rock sei so gemütlich wie die Stadt, in der er gespielt wird, lautet das Klischee. Aber es gab in Bern immer auch Platz für schräge Musik, für Aussenseiter und Individualisten.

Die wilden Kerle von Ugly Bluz: Joël Kaiser, Therese Allemann, Andi Hug, Christian Brantschen,  Dänu «Sleepy Dan» Boemle, Tinu Schneider und Lukáš Machata (von links).

zvg

Capital FM: Berner Rock 1985

Einer, der das Quere und Unangepasste schweizweit bekannt machte, war Dänu Boemle. Die Schweiz kannte ihn als Radiomoderator, der mit nasaler Bassstimme und frechen Sprüchen das Land weckte. Die ersten Schritte ins Rampenlicht hatte der in Zollikofen aufgewachsene Tausendsassa gemacht, als Bern alles andere als ein ruhiges Pflaster war. 1982 schloss die Polizei die Reithalle, die Alternativkultur wurde in den Untergrund verbannt. Für den Berner Rock war das eine einmalige Chance. Während sich in «befriedeten» Städten wie Zürich trotz zahlreicher Treffpunkte musikalisch nicht (mehr) allzu viel bewegte, spielten in Bern bald an jeder Strassenecke neue Kapellen und ernteten die Früchte des Zorns. Berns bewegte Jugend traf sich an spontanen, unbewilligten «Strafbars» oder im «Zaff», einer besetzten Liegenschaft an der Villettemattstrasse. Solche Partys frequentierte auch Dänu «Sleepy Dan» Boemle – gelegentlich in musikalischer Mission.

«I don’t want to end up as ugly as you» war einer der Slogans, die Sleepy Dan dem Establishment entgegenschleuderte. «Er war eine Mischung aus Freak und Punk», sagt Lukáš Machata, Boemles Mitmusiker und enger Freund. «Autoritäten war er abgeneigt, denn er war anarchistisch veranlagt. Darum haben wir uns von Anfang an gut verstanden.» Die Brüder im Geiste hatten sich kennen gelernt, als Boemle für eine Reportage über Strassenmusik unterwegs war. Auf der Treppe der Heiliggeistkirche sass der Exiltscheche Machata, zarte 17 Jahre alt und erst seit kurzer Zeit in der Schweiz, seine Version des Rolling-Stones-Klassikers «Sympathy for the Devil» schrummend. Was Boemle dabei laut Machata besonders beeindruckte, waren die Mädchen, die den Gitarristen umgarnten und spontan ins teuflische «Ooo-oooh»-Chörlein einstimmten. Mit den Rolling Stones (und mit den Mädchen) kannte sich Boemle aus: Er war Sänger der Band Villa Mad, die sich dem Stones-Rock verschrieben hatte. «Den Jagger hatte er gut drauf», erinnert sich Machata. «Boemle blieb aber Boemle, er hatte seine Art auszuarten und setzte nicht wie andere Kopisten beim Physiognomischen an.» Dass der hyperaktive Sänger ausgerechnet auf den Übernamen Sleepy Dan hörte, erstaunte Aussenstehende. «Dänu hinterliess manchmal durchaus einen schläfrigen Eindruck», bestätigt Machata. «Er konnte irgendwo hinsitzen, plappern, wie er das immer tat und vom einen Moment auf den andern in sich versinken.»

1984 gründeten Boemle und Machata die Ugly Blues Connection, erst als Strassenmusikduo, später mit dem Bassisten Joël Kaiser sowie wechselnden musikalischen Begleiterinnen und Begleitern. Man startete mit Uraltmaterial, von Robert Johnsons «Kind Hearted Woman» bis zu T-Bone Walkers «Stormy Monday Blues». Es blieb nicht lange bei der Wiedergabe von Standards, man wollte das Ganze mit eigenen Ideen würzen. «Wir kümmerten uns nicht gross um Formen, es ging uns mehr um ein Gesamtkonzept», sagt Machata. Dazu gehörte, dass man dem neuen Stammnamen Ugly Bluz nun stets wechselnde Attribute anhängte. Die Band hiess Ugly Bluz Oxtailed, wenn sie im «Ochsen» Zofingen aufspielte, oder Ugly Bluz Entrüstet, wenn sie sich auf Kassette den damaligen Berner Polizeidirektor Albisetti vorknöpfte. «Demnächst in dieser Uglomeration», verkündeten avantgardistische Plakate, und auf Ansteckknöpfen waren Slogans wie «Ugli humanum est» zu lesen. «Wir hatten stets ein Flair für Schräges, bisweilen Disharmonisches, das zwar eine Rockbasis hatte, aber auch Jazzelemente einbezog», sagt Machata. «Dazu kamen Einflüsse von aussen.»

Als prägend sollte sich der Einfluss von Schlagzeuger Andi Hug erweisen, der später bei Stop the Shoppers und heute bei Patent Ochsner trommelt – an der Seite von Keyboarder Christian Brantschen, der ebenfalls bei den «Uglies» spielte. «Wir mochten die frühen Red Hot Chili Peppers, Defunkt, Slickaphonics, James Blood Ulmer, Frank Zappa – all das, was man heute als Crossover bezeichnen würde», sagt Machata, «Andi Hug konnte unsere freefunkigen Ideen kanalisieren und ihnen eine bestimmte Form verleihen. Erst jetzt waren wir wirklich ‹Ugly›.»

Auch wenn Dänu Boemles Musikgeschmack eine Spur zu schräg war, um beim Publikum gross zu punkten, war er doch eine zentrale Figur für die Berner Szene. Er tauchte hell begeistert an Konzerten auf, interviewte die Protagonisten fürs Radio und war einer der Initiatoren des Szenesamp-lers «BEstand 88» und der «Matter-Rock»-CD. Boemle war spritzig, enthusiastisch, unkonventionell – und stets auf dem Sprung. «Ende der Achtzigerjahre begann er sich von Bern zu lösen», erinnert sich Machata. DRS3 war auf die charismatische Stimme aufmerksam geworden, die in Bern auf allen Kanälen zu hören war, und warb Boemle schliesslich ab, was auch das Ende von Ugly Bluz bedeutete.

Doch auch in Zürich eckte der Freigeist schnell an. 1994 war seine Radiomoderatorenkarriere zu Ende – zum Leidwesen vieler Fans, für die sein Stil Kult war. «Man wollte ihm mit dem Computer ins Musikprogramm fummeln, das hat er nicht ertragen», sagt Machata. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Boemle mit dem Malen von Bildern, seiner anderen grossen künstlerischen Leidenschaft. Dazu wirkte er als DJ, schrieb Novellen und kreierte das surrealistische Hörspiel «Dr Maa im Fass». Machata ergänzt: «Mehrere Anfragen für ein Reunionkonzert der Ugly Bluz Stonefuckingdead wurden von mir und Boemle einstimmig einsilbig beantwortet: Nein.»

Boemles Privatleben war stets turbulent gewesen. Er haderte damit, dass er als Adoptivkind aufgewachsen war. Zeit seines Lebens fühlte er sich vom «Randständigen» angezogen. Dazu kann eine weitere Obsession. «Er war ein Charmeur», sagt Machata. «Kein Macho, er ging sehr liebevoll mit den Frauen um. Er hat sie alle geliebt, sozusagen.» Doch dieser Lebensstil forderte seinen Tribut. Dänu Boemle infizierte sich mit dem HI-Virus. Anfang 2007 entschied er sich, die Dienste einer Sterbehilfevereinigung in Anspruch zu nehmen, deren Mitglied er seit längerer Zeit war. Er wurde 46 Jahre alt.

Sein musikalischer Nachlass wird derzeit von Lukáš Machata geordnet. «In den Papieren habe ich die Evidenz gefunden, dass Boemle unseren Slogan ‹I don’t want to end up as ugly as you› bei einem englischen Punkliedermacher ausgeliehen hat», schmunzelt dieser. «Das geschah wohl im Wissen, dass diesen Typen hier eh keiner kennt. Einen leicht hochstaplerischen Zug hatte Sleepy schon, aber damit war er ja nun wirklich nicht allein.» So gesehen war Dänu Boemle eben doch ein typischer Berner Rocker. (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.07.2009, 11:07 Uhr

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