Alle Finger voll zu tun
Gitarrist mit zeichnerischem Talent: Mario Capitanio im Selbstporträt.
Berner Rock 2007
Abgesehen davon, dass man heute noch ein paar Namen wie Endo, Gölä oder Ritschi anhängen müsste: Diese Art von Personalisierung tut auch ein bisschen weh. Denn den Topf am Kochen hielt stets ein ganzes Heer von Musikern und Helfern, verbunden durch einen hemdsärmligen Teamgeist mit inzestuösen Tendenzen. Solides Handwerk und ein Netzwerk von Kulturförderern, Medien und anderen zugewandten Institutionen trugen ihren Teil zur Erfolgsgeschichte bei.
Einer, der es bei den Berner Stadtmusikanten weit gebracht hat, ist der Gitarrist Mario Capitanio. Kaum ein Club, auf dessen Bühne der 45-Jährige noch nicht gestanden ist, kaum ein Star, dem er nicht schon fingerfertig unter die Arme gegriffen hätte. «Mein Schicksal ist dasjenige des Sideman», sagt der kleine, kahlköpfige Gitarrist mit den flackernden Augen, der nie um einen Spruch verlegen ist. «Nach ein paar gescheiterten Versuchen als Bandleader hat sich herausgestellt, dass dies eher meine Rolle ist.» Zu Capitanios aktuellen Arbeitgebern gehören Polo Hofer, auf dessen Album «Prototyp» er sich auch als Songschreiber betätigt hat, die Rapper von Wurzel 5 und die Coverband Roots 66. Dazu kommen zahlreiche Ad-hoc-Combos. Manchmal sei ihm die Dauerpräsenz auf Berns Bühnen «schon fast ein bisschen peinlich», gesteht Capitanio. Das Leben als Rockmusiker sei eben ein finanzieller Balanceakt. «So arbeite ich halt noch zu dreissig Prozent als Callboy», witzelt der Gitarrist. Und lacht los.
Es ist der Anspruch an die eigene Flexibilität, der den Sideman reizt. Zu dieser Erkenntnis fand er zum ersten Mal, als er 1996 mit Florian Ast im Studio war. «Ich fühlte mich vom Produzenten David Bronner, der von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung kam und das Albumdebüt ‹Florenstein› betreute, völlig abgelehnt. Schliesslich ging ich geradewegs auf diesen introvertierten, aber genialen Typen zu und konfrontierte ihn: ‹Sag mir, was du willst, und ich mache es.› Das half, das Eis war gebrochen.» Der «Alpingrunge» auf Asts Debüt schlug ein: Die CD holte mit ihrem Mix aus Ethnopop, rezyklierten Emmentaler Weisen, Schwyzerörgeli und bretternden Gitarren auf Anhieb eine Platinauszeichnung. Capitanio war nun permanent mit Florian Ast auf Achse: «Aus einem Studiojob wurden acht Jahre und drei CDs», resümiert er.
Bald lernte Capitanio die brutale Hackordnung des Showbusiness kennen. Die zweite Ast-Platte «Gringo» erschien auch auf Hochdeutsch, und die Plattenfirma schmuggelte die Schweizer in Deutschland unangekündigt ins Vorprogramm von Deep Purple. «Wenn das Saallicht erlosch, freuten sich die Fans auf ‹Smoke on the Water› und hörten stattdessen ein Schwyzerörgeli», erinnert sich Capitanio. «Beim zweiten Song schon skandierte die Halle ‹Auf Wiedersehen!›.»
Wie vergänglich der Ruhm sein kann, mussten Ast und Co. bald auch in der Schweiz gewärtigen: Für einige Gigs war im Sommer 1998 ein unbekannter Typ namens Gölä als Anheizer verpflichtet worden. Doch schon beim dritten Konzert – einer Nachmittagsshow in einer Mehrzweckhalle in Oensingen – spielte der Star aus Kräiligen im Vorprogramm des neuen Stars aus Oppligen.
«Ich habe mir die Musikgeschichte chronologisch angeeignet», meint Capitanio. Während der Kindheit im Weissenbühl war Musik omnipräsent. Schon seine Mutter hatte zu Hause im Emmental mit Petticoat und Gitarre posiert, der Vater, ein Sizilianer, spielte die Rumbakugeln im Tanzorchester. «In Sizilien singen alle», schwärmt Mario. Als Teenager stand er zwar mehr auf Bruce Lee, aber als ihn die Mutter nicht statt wie aufgetragen für einen Karatekurs, sondern für den Gitarrenunterricht in der Migros-Klubschule anmeldete, akzeptierte er sein Schicksal. «Ich wurde zum Teddyboy», erinnert er sich, «meine ersten Vorbilder hiessen Eddie Cochran, Gene Vincent und Chuck Berry. Rockabilly ist ein fröhlicher, lebensbejahender Sound, auf den ich immer wieder zurückgreife. Am Samstagabend gab es immer mal wieder Schlägereien. Ich war ein schmächtiger, dünner Pazifist, der jeglicher Gewalt aus dem Weg ging. Von den Teddys wurde ich trotzdem akzeptiert – einfach weil ich Gitarre spielen konnte.»
In eigenen Formationen wie Tuff Stuff und Lizard Kings versuchte sich der Gitarrist auch als Sänger und frönte den Sixties und Seventies. «Ich habe das Glück, dass mir das Singen ebenso leicht fällt wie das Gitarrespielen», sagt Capitanio, der auch als Comiczeichner eine treffsichere Feder pflegt, ohne dies gross gelernt zu haben. «Geübt habe ich nie viel – man hört es manchmal auch», lacht er wieder los. Seinen berndeutschen Tribut «Vo Jimi bis Hendrix» (1994) würde er wohl heute nicht mehr aufnehmen, räumt er ein. Doch seinem Helden Jimi Hendrix ist er treu geblieben. «Das Luftige und Spielerische ist es, das mir an ihm immer noch gefällt.»
So gut wie in den letzten Jahren lief es für Mario Capitanio noch nie. Zwar floppte die von ihm konzipierte Girlband Stereobabies trotz eines Major-Deals, das längst fertiggestellte Solo-Mundartalbum steckt in der Warteschlaufe. Letzteres liegt auch daran, dass Mario Capitanio alle Finger voll zu tun hat. Den Rock-’n’-Roll-Lebensstil zelebriert er bisweilen gar übermütig, doch letztlich ist es die Gitarre, die ihn am Boden hält. «Musik ist ein Gegenpol zu all dem Müll, dem man auf dieser Welt begegnet», sinniert er. «Ich stehe auf Swing, denn wo kämen wir hin, wenn auch noch die Musik traurig wäre?» Einfach nur den Stimmungsmusikanten neben der Bar geben mag Capitanio trotzdem nicht. «Musik muss wie ein Schrei sein – man muss etwas rauslassen, dann ist auch der tausendste Gig gelungen.» Capitanio ist ein stolzer Sideman. «Wenn man mit den Stars des Berner Rock unterwegs war, ist man froh, wenn man sich zurückziehen kann», sagt er. «Kürzlich legten wir auf einer langen Autofahrt mit Polo Hofer in irgendeinem Kaff einen Stopp ein. Kaum waren wir in der Beiz, ging es los: ‹Eh lue, dr Polo›, hiess es. Da gibt es auch immer wieder Typen, die sich vor Polo aufbauen und fragen: ‹Kennsch mi no?›» Mario Capitanio grinst: «Es hat eben auch Vorteile, wenn die Leute dich nicht kennen.»
Das Buch: «50 Jahre Berner Rock». Zytglogge, 240 Seiten.
Die Doppel-CD: «50 Jahre Berner Rock». Zytglogge, 46 Songs. (Berner Zeitung)
Erstellt: 22.12.2009, 14:14 Uhr
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