Der letzte Akt

Von Alice Werner. Aktualisiert am 04.03.2010

Philip Roth kennt kein Erbarmen. Sein neuer Roman «Die Demütigung» ist eine so verstörende wie innige Erzählung über das Verlöschen eines Menschen.

Philip Roth, 76

Philip Roth, 76
Bild: Keystone

Philip Roth

Die Demütigung. Hanser. 144 S., erscheint am 8.März.

Aus. Vorbei. Ende der Vorstellung. Simon Axler, 65 Jahre, einer der letzten grossen amerikanischen Bühnenschauspieler, kann von einem Tag auf den anderen nicht mehr spielen. Wofür er früher geliebt und gefeiert wurde – diese Präsenz! diese Aura! dieser Zauber! – alles, was seine faszinierende Persönlichkeit ausmachte, hat sich mit einem Schlag in Luft aufgelöst. Falstaff, Peer Gynt und Onkel Wanja sind nur mehr Geister vergangenen Ruhms. Was bleibt einem Mann, der sein Talent, sein Lebenselixier verloren hat? To be or not to be, weiterleben oder lieber sterben?

Zweifler und Grübler

Hochdramatisch und gefährlich:

Shakespeares berühmte Frage zieht sich wie ein roter Faden durch Philip Roths neuen Roman. Denn Simon Axler ist ein Zauderer, Zweifler und Grübler von Hamlet’schem Format: ein Mann, der mit allem abgeschlossen hat und es dennoch nicht fertigbringt, Selbstmord zu begehen. Einer, der sich nicht entscheiden kann zwischen Todestrieb und Lebenssehnsucht.

Und dann steht eines Tages Pegeen, die Tochter eines Jugendfreundes, vor Axlers Tür. Mehr als 20 Jahre haben die beiden sich nicht gesehen. Axler erinnert sich dunkel an eine junge Studentin, die ihre Eltern mit der Nachricht von ihrer Homosexualität schockierte. Nun, an diesem ersten gemeinsamen Nachmittag nach langer Zeit, geschieht, was eigentlich unmöglich, im Kosmos des Autors aber unausweichlich ist: Der kraftlose alte Mann und die vollblütige Lesbe werden ein Liebespaar. Für Simon Axler geht noch einmal die Sonne auf. Er geniesst ausgiebig, was das Leben ihm unverhofft zuspielt: die Aufmerksamkeit und Liebesdienste einer jüngeren Frau. Bereitwillig, fast demutsvoll, gibt er sich all jenen Zukunftsträumen hin, die zusammen mit Pegeen in sein Leben getreten sind. Was für Axler als Flucht vor der Wirklichkeit beginnt, entwickelt bald die Dynamik eines russischen Roulettes. Mit dem Unterschied, dass sich einer nicht an die Regeln hält. Der Abend, an dem Pegeen und Axler mit der Zufallsbekanntschaft Tracy im Bett landen, treibt das Drama dann auf die Spitze. Und obwohl bereits zu Beginn des Spiels Sieger und Verlierer feststehen, führt Philip Roth, dieser gnadenlose Erzähler, die Geschichte von Axler und Pegeen bis an ihr logisches Ende.

Literatur eines Besessenen

Alter Mann, junge Frau und die Omnipräsenz des Todes: Philip Roth bewegt sich hier auf bekanntem Terrain. Seit einigen Jahren erzählt er Buch um Buch vom unerhörten Skandal des Älterwerdens und der nur allzu menschlichen Suche nach einer Halt gebenden Illusion. Auch «Die Demütigung», der zweite einer geplanten Serie von fünf Kurzromanen, ist eine Variation über das Thema. Roth-Kennern wird das Grundmuster der Geschichte bekannt vorkommen – den Lesegenuss beeinträchtigt dies nicht. Schliesslich macht nicht die Themenvielfalt den brillanten Autor aus, sondern seine Obsession. Wenn Roth also erneut den Prozess der Selbstauflösung beschreibt, so tut er das mit der Meisterschaft eines Besessenen: haltlos, unnachgiebig und ergreifend. Und dabei ist seine Prosa erstaunlich prägnant, jeder Gedanke, jedes Wort brennt sich einem ins Gedächtnis. Kurzum: Wer Philip Roth liest, schärft sein Gehirn und schult sein Herz. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.03.2010, 11:47 Uhr

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