Zwei untote Patrizier in der Berner Agglo
Von Lucie Machac. Aktualisiert am 12.05.2011
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«Was ist das für ein Gestank?» Mit dieser unverblümten Frage beginnt «Aristokratie und Wahnsinn». Julia, eine moldawische Prostituierte, hat im Stall von Bauer Witschi gerade eine Nase voll Kuhmist abbekommen. Witschi, der eine liebe Frau gesucht hat, «wo auch zupacken kann», wird Julia bald heiraten. Bleibt nur noch das Problem mit Blümli, seiner manisch-depressiven Kuh, die auf einen gezielten Nackenbiss wartet. Radoslav, Julias dreibeiniger Kampfhund, soll ihr diese «finale Erlösung» verschaffen. Am Schluss des Stücks «Witschi und Pachenko» kommen zwar alle auf ihre Kosten – nur ganz anders als befürchtet. Begleitet von fröhlich-leichtem Jazz, verkündet Radoslav das Happy End in eigenen Worten: Er jault, kläfft und knurrt, als wollte er jeden Moment überschnappen.
Wie klingt Schnee?
«Der Kampfhund bin ich», schmunzelt Ariane von Graffenried. Lustige Tierstimmen sind allerdings eine Nebendisziplin im Repertoire der 33-jährigen Bernerin, die unter dem Pseudonym Elsa Fitzgerald auftritt. Auf «Aristokratie und Wahnsinn» zeichnet sie für die Texte verantwortlich, die sie auch selber spricht, inklusive verschiedener Figuren. Für die Musik, die den Texten erst die richtige Atmosphäre einhaucht, ist Bassist Robert Aeberhard alias Ribi Rimini zuständig. Dass ihre Debüt-CD vielstimmig und wie aus einem Guss klingt, kommt nicht von ungefähr: Von Graffenried und Aeberhard kennen sich seit der Schule, seit sechs Jahren treten sie als Fitzgerald&Rimini gemeinsam mit musikalischen Spoken-Word-Programmen auf.
Was die beiden nun auf «Aristokratie und Wahnsinn» präsentieren, ist ein Genre für sich. Text und Klang ergänzen und kontrastieren sich, mal intensiviert ein melancholischer Sound die Tragikomik der Erzählung, mal wird der rhythmisierte Wortfluss zum diskreten Begleiter von kunstvollen Klanglandschaften. «Wir wollten Hörstücke machen, in denen beide Elemente gleichwertig sind», betont das Duo immer wieder. Das Resultat ist eigenwillig, eine Art Kino fürs Ohr mit Spezialeffekten.
Letztere gehen auf das Konto des passionierten Geräuschesammlers Robert Aeberhard: «Wenn ein Geräusch aus einer Situation heraussticht oder in meinem Umfeld ungewöhnliche Klänge entstehen, nehme ich sie auf.» Auf Reisen hat der 33-jährige deshalb immer ein Aufnahmegerät dabei. Seine Datenbank umfasst mittlerweile an die tausend Geräusche, die er später mit Effekten verfremdet. Was auf der CD wie ein aufschlagender Pingpongball klingt und sich zu ohrenbetäubenden Gewehrsalven steigert, sind in Wahrheit Tropfen aus einer Dusche in einem schwedischen Hostel. Ein elektrisch aufgeladenes Knistern entpuppt sich als rieselnder Schnee. «Im Winter habe ich einmal beobachtet, wie halb gefrorener Schnee auf meinem Fenstersims aufprallte.» Da habe er sich gefragt: Wie klingt eigentlich Schnee? Das Ergebnis ist verblüffend – einem hochsensiblen Mikrofon sei Dank.
Doch damit ist Aeberhards Tüftlertalent noch lange nicht ausgeschöpft. Die CD wurde mit verschiedenen Musikern eingespielt, deren Instrumente der Berner zu Soundcollagen arrangierte. Beim titelgebenden Hörspiel «Aristokratie und Wahnsinn» sorgt ein Klangteppich aus hastigen Atemgeräuschen, nostalgischen Melodien und einem urbanen Rauschen für wohligen Schauder, während sich eine Geschichte über zwei Patriziervampire entspinnt, die verloren durch die Berner Agglo stolpern. Sie sind aus dem Film eines unfähigen Nachwuchsregisseurs gefallen – und sehen sich nun mit der Moderne konfrontiert. Halb verhungert saugt die Comtessa in einem Freilandbetrieb «es haubwägs zfridnigs Huehn» aus, bevor sich beide derangiert auf die Suche nach der Familiengruft machen. Bloss: Wo einst ihr Schlössli stand, prangt heute eine Mehrzweckhalle. «D Comtessa isch ufe ne Poller gsunke und het probiert z gränne.» Den verstörten Patriziern bleibt nur eins: Wie Normalsterbliche ins Poschi Richtung Stadtfriedhof steigen. Dort hält man sie für Fasnächtler. «Ich wollte auf humoristische Weise zeigen, dass Figuren durch ihr Publikum leben», erläutert Ariane von Graffenried ihre Idee.
Ein Flair für Randfiguren
Die Bernerin erzählt in ihren Geschichten oft von Randfiguren – ob es Prostituierte, skurrile Hinterwäldler, obdachlose Junkies, weltfremde Heilsarmeeler oder eben Patrizier sind. Von Graffenried beweist dabei viel Gespür für Situationskomik und Sprachwitz, ohne ihre Antihelden blosszustellen. «Mich interessieren Randfiguren und ihre Alltagsnöte, weil sie die Schwachstellen unserer Gesellschaft entlarven», kommentiert von Graffenried. Deshalb schaut sie besonders dann genau hin, wenn die Träume ihrer Figuren an der Wirklichkeit zerschellen und das Leben seine groteske Seite offenbart. Es ist der ganz normale Wahnsinn – von Fitzgerald&Rimini akustisch veredelt. (Berner Zeitung)
Erstellt: 12.05.2011, 12:34 Uhr
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