Wunderdoktoren und Wundermittel

Von Stephan Künzi. Aktualisiert am 14.05.2009

Viele erinnern sich noch an das «Dokterstübli» gleich neben der alten Theaterbühne: Die neue Ausstellung im Museum Krauchthal erinnert an die Zeiten, in denen der Arzt im Dorf noch alles andere als selbstverständlich war.

Im Krankenzimmer von einst: Samariterlehrerin Ursula Wälti, Museumsleiter Ulrich Zwahlen.

Thomas Peter

Das Zimmer wirkt düster und das hölzerne Bett mit der schweren Decke ebenso altmodisch wie die bäuerliche Keramik in den Gestellen an der Wand. Hier also liegt der Patient, ein stummer Zeuge dafür, was krank sein vor noch nicht allzu langer Zeit bedeuten konnte. In der Vitrine nebenan lassen ein paar scharfe Gerätschaften den Besucher von heute erschaudern: Wer gesund werden sollte, wurde früher buchstäblich zur Ader gelassen. Weil man davon ausging, der Grund für das Leiden sei ein Überfluss an Blut, den es nun zu korrigieren gelte.

«Schärer und Chirurgus»

Der Blick schweift weiter zur Wand, zu einer Chronologie, die Rückschau auf die medizinische Versorgung in Krauchthal hält. Auf den ersten namentlich verbürgten «Schärer und Chirurgus», der Niklaus Burri hiess, von 1739 bis 1802 lebte und in Hettiswil praktizierte. Und darauf, dass der Arzt im Dorf auch in neuerer Zeit nicht selbstverständlich war.

Eine grosse Lücke gab es etwa in der Zeit von 1851 bis 1984, in der die Krauchthaler nach Hindelbank oder gar Jegenstorf ausweichen mussten. Wenigstens kam der Arzt regelmässig zu Sprechstunden in den «Löwen». Noch heute sei «das ‹Dokterstübli› hinten neben der alten Theaterbühne» vielen Einheimischen ein Begriff, schliesst die Chronologie.

Wunder- und Wasendoktor

In seiner diesjährigen Sonderausstellung befasst sich das Museum Krauchthal mit den «Bresten, Krankheiten und Übel» früherer Zeiten. Es tut dies gemeinsam mit den Samaritern, die heuer ihr 100-Jahr-Jubiläum feiern und aus diesem Anlass einen Blick in ihre Vergangenheit gewähren – So mit einem Verein zusammenzuspannen, bewähre sich für das Museum nicht zum ersten Mal, stellt Leiter Ulrich Zwahlen zufrieden fest.

Trotzdem wendet er sich vorerst nochmals den Schärern zu, wie die Ärzte auf dem Land früher bezeichnet wurden. Sie seien handwerklich ausgebildet gewesen und hätten eine Lehre durchlaufen, erzählt er. Dann weist er auf einen zweiten Text in der Ausstellung, der an die berühmten Schärer im 18. und 19.Jahrhundert erinnert, an Michel Schüpbach, den Wunderdoktor aus Langnau, und an Uli Zürcher, den Wasendoktor.

Dazu kommen die in ihrer Tradition stehenden Naturärzte des 20.Jahrhunderts, Jakob Aebi, der als Grabe-Aebi im Rinderbach praktizierte, Franz Christ, der in Lyssach tätig war, und Fritz Schmid, der «Chriegershüsler» aus Sumiswald. Noch heute sei auch in der Region um Krauchthal die Erinnerung an die drei Männer lebendig, sagt Zwahlen.

«Blut von Herrn Brawand»

Weiter gehts in der Ausstellung an einen Tisch, an dem es allerhand zu ertasten und erschnuppern gibt. 20 Gläser mit alt bewährten Hausmitteln stehen da, der Besucher erfährt, dass Fenchelsamen Blähungen lindern und Bockshornkleesamen Blutzucker und Cholesterin senken. Und was ist schon wieder Theriak? Genau, diese eigentümlich riechende Masse gilt seit je als Allerheil-Wundermittel, sie besteht aus Wurzeln, Gewürzen, Honig, spanischem Wein und – früher – auch aus Opium.

Nebenan stimmen ein altertümlicher Blutdruckmesser und eine 60-jährige Flasche Human-Trockenplasma mit «Blut von Herrn Brawand, Radioreporter» auf die Geschichte der Samariter ein. Texte und Bilder erzählen von den ersten Übungen im Jahr 1909, als die Männer das Bild dominierten und es nur einfachste Hilfsmittel gab. Oder machen darauf aufmerksam, dass Blutspenden in Krauchthal seit 1989 Geschichte ist.

Wellness im «Bedli»

Ach ja, zwei wichtige Institutionen streift die Ausstellung auch noch. Das Gefängnis Thorberg, das früher als Armen- und Krankenanstalt diente. Und das bereits auf Bolliger Boden liegende Laufenbad, in dem der Körper und Geist umso ausgiebiger gepflegt wurden.

Offen jeden ersten Sonntag (10 bis 12 Uhr) und jeden dritten Freitag (19 bis 21 Uhr) im Monat, dazu übermorgen Samstag (13 bis 17 Uhr, Samariter-Jubiläum). (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.05.2009, 11:10 Uhr

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