Wie deutsch kann Schweizer Boulevard sein?
Von Rico Bandle. Aktualisiert am 20.08.2010 80 Kommentare
Die Chefredaktoren: Ralph Grosse-Bley («Blick», links) und Karsten Witzmann («SonntagsBlick»). (Bild: pd)
Artikel zum Thema
Unter Ringier-Journalisten sind Anekdoten über die Unkenntnis deutscher Kollegen über die Schweiz ein Dauerbrenner. Ein Redaktor soll das Toggenburg für eine Burg gehalten und «die Toggenburg» geschrieben haben, eine jüngere Journalistin soll ganz erstaunt gewesen sein, als sie für eine Reportage nach Sion musste und plötzlich feststellte, dass man dort ja französisch spricht.
Im Hause Ringier ist der Anteil deutscher Journalisten besonders hoch, vor allem in der Chefetage. Heute gab das Medienhaus bekannt, dass der Schweizer Chefredaktor des «SonntagsBlick», Hannes Britschgi, durch den deutschen Karsten Witzmann ersetzt wird. Damit stehen erstmals sowohl der «Blick» als auch der «SonntagsBlick» unter der Führung eines Deutschen. Was heisst das für den Boulevard in der Schweiz, der von sich behauptet, ganz nahe bei den Leuten zu sein?
Der Container wird zur Mülltonne
Der offensichtlichste Unterschied ist die Sprache. Ferien werden zu Urlaub, der Container wird zur Mülltonne, das Trottoir zum Bürgersteig, der Corner zum Eckball. Zwar gibt es im Redaktionsraum an der Dufourstrasse, neudeutsch «Newsroom» genannt, einige Mitarbeiter, die die Artikel überarbeiten und in der Schweiz nicht gebräuchliche Formulierungen durch Helvetismen ersetzen, die Sprache verändert sich dennoch schleichend in Richtung deutsches Deutsch. «Die Schweiz macht mit der Sprache jetzt durch, was Österreich schon vor 20 Jahren wiederfahren ist. Es ist jammerschade», sagt der Kommunikationsberater Klaus J. Stöhlker, selbst gebürtiger Deutscher. Auch bei der Themenwahl ist auffällig, dass der «Blick» politisch nicht mehr dieselbe Schlagkraft hat wie auch schon. Den früheren «SonntagsBlick»-Chefredaktor und heutigen Autor von Bernerzeitung.ch/Newsnet, Philipp Löpfe, erstaunt dies nicht: «Wenn ich plötzlich in München Chefredaktor würde, könnte ich die politischen Ränkespiele auch nicht einordnen.»
Bereits in den 1970er-Jahren hatte Ringier damit begonnen, deutsche Journalisten in die Schweiz zu holen. Für die Schweizer Mitarbeiter wäre dies auch kein Problem gewesen, hätte Verleger Michael Ringier nicht immer wieder angedeutet, dass die Deutschen den Schweizern überlegen seien. Erst kürzlich erklärte Ringier in der Zeitung «Sonntag» wieder, weshalb er so viele deutsche Chefs anstellt: «Weil sie besser sind. Und das ist auch erklärbar: In Deutschland gibt es 20-mal mehr Stellen im Boulevardjournalismus als in der Schweiz. Wir holen die Deutschen nicht, weil wir germanophil wären, sondern weil wir Leute brauchen, die ihr Handwerk erlernen konnten.»
Dabei hat Ringier mit deutschen Chefs bereits mehrmals Schiffbruch erlitten. Während der Borer-Affäre standen Deutsche an der Spitze des «SonntagsBlick», der deutsche Chefredaktor Mathias Nolte musste in der Folge gehen. 2005 ersetzte der «SonntagsBlick» sein Magazin durch die Hochglanzbeilage «Sie & Er». Der Projektleiter und der Chefredaktor waren Deutsche, nach Verlusten in Millionenhöhe musste nach zwei Jahren die Notbremse gezogen werden. Trotz des Misserfolgs erhielt Projektleiter Heiko Gebhardt 2007 den internen Ringier Journalistenpreis zugesprochen.
Verlorenes Knowhow
Gibt es in der Schweiz tatsächlich zu wenige Boulevardjournalisten? Ringier verfügt über eine eigene Journalistenschule, die durchaus erfolgreich agiert. Philipp Löpfe, einst Chefredaktor von «SonntagsBlick» und «Tages-Anzeiger» ist ein Absolvent oder auch Christian Dorer, Chefredaktor der «Aargauer Zeitung». Dass Ringier trotzdem Mühe hat, gute Leute zu finden, sei kein Zufall, meint Klaus J. Stöhlker, der auch schon an der Ringier Journalistenschule doziert hat: «Dort wurde ein Wohlfühljournalismus gelehrt, der nicht unbedingt kompatibel ist mit dem harten Boulevard.» Auch räche sich, dass der «Blick» in den letzten 20 Jahren einen im Vergleich zum Ausland sanften Boulevard gefahren sei. «Jetzt fehlt schlicht das Knowhow».
Ganz anders sieht dies Sylvia Egli von Matt, Direktorin des Schweizer Medienausbildungszentrums (MAZ): «Wir haben viele sehr fähige und willige Leute, die bei uns Ausbildungen für Führungskräfte besuchen. Ich sehe nicht ein, weshalb die nicht auch Boulevard machen können.» Und weshalb holt Ringier trotzdem die leitenden Journalisten im Ausland? «Die haben offensichtlich andere Selektionskritierien.» (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.08.2010, 15:38 Uhr
Kommentar schreiben
80 Kommentare
Ringier hatte mal einen Schweizer Top-Boulevard-Profi im besten Sinne, P. Übersax, der auch sehr erfolgreich das Blatt führte. Ringier war dann aber der Auffassung, er sei zu direkt und zu hart, eben echter Boulevard, der mitunter auch politisch unkorrekt ist (das ist ja das Boulevard-Prinzip). Mit dem sog. Boulevard-Light kann man keinen Erfolg haben im jetzigen Umfeld (mit 20Min. etc.). Antworten
Kultur
Kultur
Meistgelesen in der Rubrik Kultur
Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?
Ja, auf jeden Fall
Nein, interessiert mich nicht
Erst wenn die Geräte billiger geworden sind
Ich habe schon einen
3308 Stimmen



































































































































