Wenn Erwachsene Krieg spielen

Der belgische Ardennenflecken Bastogne ist durch den Befreiungskampf der Alliierten gegen die Nazis zur ewigen Kulisse für Hobby-Krieger und Attraktion für historisch interessierte Touristen geworden.


Nur echt mit Zigarre: Hobbykrieger als US-General George S. Patton bei den 65-Jahr-Feierlichkeiten im vergangenen Dezember.

Nur echt mit Zigarre: Hobbykrieger als US-General George S. Patton bei den 65-Jahr-Feierlichkeiten im vergangenen Dezember.
Bild: Keystone

Dort, wo es niemand erwartete, nämlich in den ruhigen Ardennen, lancierte Hitler im Dezember 1944 seine Überraschungsoffensive. In der «Battle of the Bulge» (sogenannt, weil die Deutschen eine Beule in die gerade Frontlinie schlugen) verteidigten damals 8000 Mann das eingeschlossene Bastogne, heute Heimat von 15'000 Menschen. Das kleine Städtchen ist mittlerweile zum Publikumsmagnet für Touristen mit einem Flair fürs Historische geworden.

Die ersten Besucher kamen 1946 – Eltern, die gefallene Söhne auf dem Militärfriedhof Luxemburg besuchten. 200'000 reisten in diesem ersten Jahr an, heute noch sind es jährlich 70'000 (darunter 30'000 Amerikaner). Gäste, die verpflegt und versorgt werden wollen. Der hiesige Tourismus ist geprägt vom bekannten Schinken, von schwarzer Schokolade und von den Sehenswürdigkeiten, die der Krieg hinterliess. «In den Ardennen lebt die Erinnerung an die schmerzvolle gemeinsame Vergangenheit weiter», steht im Prospekt zu den Feierlichkeiten – gedruckt zum 60. Jahrestag der Schlacht, doch die Broschüre lässt sich zum 65. problemlos neu auflegen.

McAuliffes Kommentar

Ausgangspunkt aller touristischen Erkundungstouren ist der Marktplatz, wo sich ein durchlöcherter Sherman-Tank als Fotosujet anbietet. Der Platz wurde umbenannt in Place McAuliffe, nach dem General, der Bastogne während der Belagerung kommandierte. In einem einzigen Wort hat er den Tourismusstrategen einen unbezahlbaren Slogan hinterlassen: «Nuts!» Das war kurz und bündig seine Antwort auf die Kapitulationsforderung der Wehrmacht. «Welcome to Nuts-City» steht einladend auf Postkarten, das Four-Letter-Word ist in aller Munde. Im Café Le Nuts (ein unbekannter Künstler malte einen Panzer an die Wand, der Flüchtlinge aus Ruinen treibt) empfiehlt sich, natürlich, der gleichnamige Nussliqueur.

Bastogne war als Verkehrsknotenpunkt strategisch wichtig. 65 Jahre nachdem auf diesen Strassen die Panzer des Generals Patton den deutschen Kessel durchbrachen, rollt hier nun die touristische Blechlawine. Die Einkaufsstrasse gibt sich Mühe, Charme zu verbreiten. Doch den Krieg bekommt man nicht aus dem Kopf, wenn einen aus dem Schaufenster der Boucherie das Porträt McAuliffes anblickt, direkt neben dem saftigen 5-Kilo-Schinken für nur 50 Euro. Man hat die amerikanischen Gäste im Visier: Die nahe Bisonfarm (direkt neben dem Museum des indianischen Lebens) liefert frisches Büffelfleisch.

Nachgestellte Kämpfe

Nebst Brüsseler Spitzen gibt es mehr als 400 Biersorten zu entdecken. Die Ardennenschlacht bleibt aber immer in Sichtweite – selbst in der Kirche. Das Glockengeläut von St-Pierre erinnert an eine selten einmütige Aktion deutscher und amerikanischer Fallschirmjäger: Sie stifteten nach dem Krieg dem Gotteshaus, das während der Kampfhandlungen als Feldlazarett gedient hatte, die Glocken.

Die Heimat des Bastognekeks ist auch Heimat der Hobbykrieger, der «Reenactors». Ausstaffiert mit Uniformen und Waffen, deren Originaltreue sie gegenseitig überwachen, stellen sie Scharmützel nach. Diese vor allem in Amerika populäre Freizeitbeschäftigung mobilisiert in diesen Breitengraden immer mehr Anhänger. Und das Tragen der Kampfanzüge ist keineswegs den damaligen Alliierten vorbehalten, bisweilen rückt auch ein deutscher Reservistenverband ein. Dessen Frontberichterstatter beschreibt auf der Website das Spektakel mit den Worten «Die Illusion war perfekt.» Tatsächlich: Auf einem Feld in der Nähe haben sich Soldaten «eingegraben». An der Friedhofsmauer «sichert» ein MG-Nest die Kreuzung, und «Spähtrupps» steuern historisch getreue Willys-Jeeps mit 50er-Kaliber-Maschinengewehren. US-Generale (nur echt mit zerkauter Zigarre) erkennt man an den Sternen am Helm. Nach dem jährlichen 20-Kilometer-Gedenkmarsch werden müde Kämpfer aus der Gulaschkanone verpflegt.

«Wald des Friedens» wächst

Hauptangriffsziel der Reenactors ist der Militaryshop im Herzen Bastognes, wo Artefakte wie ein deutscher Stahlhelm oder das nachgemalte Schild «Achtung Minen» über den Ladentisch gehen. 200 Euro lässt man sich den Feldherrenblick kosten, den man im Rundflug übers Schlachtfeld geniesst. Die Reenactors bestreiten auch die feierliche Militärparade, angeführt von jenem Panzer, den seine stolze Mannschaft damals mit der Aufschrift «First in Bastogne» bemalte. Dass das Wrack vom Abschleppwagen deutscher Bauart gezogen werden muss, tut nichts zur Sache, auch nicht, dass heutige «Befreiungen» durch die US Army umstritten wären.

Die wahren Stars sind freilich die echten, nicht die nachgemachten Veteranen. Die Altherrenriege bittet man um ein Autogramm, um ein gemeinsames Foto. Jeder Kriegsteilnehmer, der seit 1994 nach Bastogne zurückkehrt, darf noch das Anpflanzen eines Baums in seinem Namen miterleben. Mittlerweile ist ein stattlicher «Wald des Friedens» gewachsen.

Der Souvenirshop lässt die Kassen klingeln

Hollywood hat das Seinige zum Mythos Bastogne beigetragen. Schon ikonografisch ist die unvermeidliche Aufnahme des zerschossenen Strassenschilds, das Soldaten auf dem Weg zur Front passieren. Wer glaubt, Bastogne durch Verfilmungen zu kennen, täuscht sich: Kein einziger Film wurde an Ort und Stelle hergestellt. Im Historical Center stehen sich Schaufensterpuppen als Nazis oder Alliierte im Styroporschnee gegenüber.

Der Souvenirshop, nach amerikanischem Vorbild am Ende des Rundgangs angelegt, lässt die Kassen klingeln: mit Modellpanzern, Spielzeuginfanterie und «Nuts»-Kühlschrankmagneten. Ins Gästebuch hat jemand etwas Unhöfliches über die «Boches» geschrieben, das noch heute bevorzugte Schimpfwort für Deutsche. Direkt daneben erwartet einen das sternförmige amerikanische Memorial – ein begehbares Mahnmal, grösser als alles, was die Schweiz sich für die Aktivdienstgeneration geleistet hätte.

Museen und Gedenksteine

In der Region finden sich nach letzter Zählung nicht weniger als 10 Museen (in einer privat geführten Ausstellung ist das Skelett eines deutschen Soldaten zu sehen, vom Ackerbau zutage gefördert). Erst vor zwei Jahren wurde in Baugnez, Schauplatz eines Nazi-Massakers, ein neues Museum eröffnet. Und längst ist noch nicht jedes Ereignis mit einem Gedenkstein gewürdigt.

Aber wer sich bei einem Einheimischen erkundigt, ob ihm die Abnutzungsschlacht nicht langsam verleide, kann genauso gut fragen, ob die gute belgische Blutwurst denn noch schmecke, wenn sie einem jeden Tag vorgesetzt werde. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.01.2010, 06:05 Uhr

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1 KOMMENTAR

Peter Bosshard

20.01.2010, 11:09 Uhr

Mit dem Versuch, einen Artikel süffig präsentieren zu wollen, bleibt die Geschichte und was die Soldaten damals bei bis zu - 26° Kälte im Gelände an Leid erlitten haben, leider auf der Strecke. Dass auch eine Enkelin von General Patton an die Feierlichkeiten zum 65. Jahrestag angereist ist, blieb dem Autor unentdeckt. Immerhin haben 10'000 Menschen der Parade von 400 Fahrzeugen beigewohnt.



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