Redner in Rage
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 12.01.2011 11 Kommentare
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Nach dem Attentat von Tucson ist in den USA eine Debatte über die politische Kultur entbrannt. Anhänger der Demokraten bezichtigten die Republikaner, mit aggressiver Rhetorik und Kriegsmetaphern die Atmosphäre zu vergiften. Vor allem Sarah Palin gerät in den Fokus. Dabei stiesst ihre Parole «Nicht nachgeben – nachladen» besonders negativ auf.
Die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen der Tat und Palins Slogan gibt, beantworten die meisten Amerikaner inzwischen mit Nein, weil der Schütze offenbar kein überzeugter Republikaner war. Ein weiterer Aspekt der Debatte ist indes noch ungeklärt: Was bewirkt politische Kriegsrhetorik überhaupt? Und bei wem? Eine spannende Frage, zumal nicht nur in den USA eine Verschärfung der Rhetorik bemerkbar ist. In ganz Europa verschärft sich der Ton gegenüber Islamisten. Und jüngst verglich Christoph Blocher den luxemburgischen Premierminister Jean-Claude Juncker mit Hitler – weil dieser seinerseits zu martialischen Tönen gegriffen habe, indem er die Schweiz als «geostrategisches Unding» bezeichnet hatte.
Planlosigkeit vertuschen
«Eine solche Sprache polarisiert», sagt der Schweizer Rhetorik-Experte Matthias Pöhm, «und das führt natürlich zu mehr Aufmerksamkeit.» Allerdings sei eine Akzeptanz in der Mehrheitsbevölkerung längerfristig kaum gegeben. Weil es bei militaristischer Rhetorik selten darum gehe, einen Sachverhalt zu klären: «Sprecher flüchten sich in aggressive Metaphern, um ihre Planlosigkeit zu verbergen.»
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Kriegsrhetorik, so Pöhm, ist die Aufnahme von diffusen Ängsten. Diese stellen Politikern eine Ersatzsprache für Politik bereit, eine Sprache, in der sie nicht sagen müssen, wofür sie eintreten, und warum sie für etwas sind, sondern nur noch wogegen sie sind. In diesem Sinne sei die kriegerische Rhetorik in der Politik auch eine Frage der Epoche: «In den krisengeschüttelten Dreissigern fiel sie auf fruchtbaren Boden. In den Siebzigern nicht, heute, in Zeiten von Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise, goutieren die Menschen sie wieder.»
Teufelskreis
Laut Pöhm entstehen kriegerische Metaphern aber auch oft aus dem Affekt heraus, aus dem menschlichen Bedürfnis, «eine grosse Ungerechtigkeit mit einer noch grösseren Racheaktion wiedergutzumachen». So geschehen etwa bei Barack Obama, der seinen Anhängern einst im Wahlkampf zurief: «Wenn sie mit einem Messer zum Kampf kommen, so bringen wir eine Schusswaffe!» (Obamas Ausspruch wurde von konservativen Kreisen in den USA denn auch als Verteidigung auf die Vorwürfe gegen Palin ins Feld geführt.)
Auf Stern.de bringt US-Diplomat John C. Kornblum eine weitere Erklärung zum Krieg der Worte ins Spiel, die weder mit links noch rechts etwas zu tun hat. Ausgehend vom berühmten Ausspruch des Medienwissenschaftlers Marshall McLuhan («The medium is the message»), kommt Kornblum zum Schluss: «Die politischen Inhalte werden zunehmend durch die Eigenschaften der Übertragungsform beeinflusst. Unser politisches Leben wurde nicht nur durch die sprachlichen Konfrontationen vergiftet, sondern auch durch die neuen Medien wie Twitter oder Facebook, die dazu verführen, aggressiver zu werden. Das sieht nach einem Teufelskreis aus.» (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 12.01.2011, 13:15 Uhr
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11 Kommentare
Schon in der Bibel steht (Galater): "Was der Mensch sät, wird er ernten." Diese Weisheit kennt auch der Bauer. Nur wir Menschen meinen immer wieder, wir können Hass und Zwist sähen und dann Liebe und Freude ernten. Alle Polarisierungen, gleich welcher Art, kann nie zu Frieden und Verständnis führen. Antworten
Angesichts dessen, wieviele (ursprünglich) militärische Metaphern wir täglich benützen, müssten wir nun laufen zensuriert werden... Die Debatte schiebt lediglich anderen den schwarzen Peter zu und lenkt wieder einmal von den eigentlichen Problemen ab. Leichter Zugang zu Schusswaffen, Arbeitslosigkeit und zunehmend ungleiche Reichtumsverteilung sind doch die echten Probleme in den USA. Antworten
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