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Nicht ins erotische Abseits gedribbelt

Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 21.06.2011 12 Kommentare

Frauenfussball findet endlich die Aufmerksamkeit, die er verdient hat – seit die Spielerinnen sich nackt im «Playboy» zeigen. Doch schaden die Spielerinnen damit sich und ihrem Sport wirklich?

1/6 Freizügig wie noch nie: Das Fussballerinnen-Quintett auf dem Cover des deutschen «Playboy».
Bild: Keystone

   

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Chauvi-Sprüche zum Frauenfussball

«Das Treten ist wohl spezifisch männlich; ob darum das Getretenwerden weiblich ist, sei dahingestellt. Jedenfalls ist das Nichttreten weiblich.» (Fred J. J. Buytendijk, Psychologe)

«Die Zuschauer brauchen sich gar nicht aufzuregen. Die Frauen waschen doch ihre Trikots selber, wenn sie in den Schlamm fallen.» (Wim Thoelke, ehemaliger «Sportstudio»-Moderator)

«Decken, decken - nicht Tisch decken. Mann decken, so ist richtig.» (Wim Thoelke, ehemaliger «Sportstudio»-Moderator)

«Männer haben 100 Gramm mehr Gehirn als Frauen – da ist unter anderem die Abseitsregel drin.» (Dieter Nuhr, deutscher Kabarettist)

«Die Anatomie der Frau ist für Trikot-Werbung nicht geeignet. Die Reklame verzerrt.» (Deutscher Fussballbund)

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Stell dir vor, es ist Frauenfussball-Weltmeisterschaft und sogar die Männer schauen hin. Was bislang undenkbar war, ist heuer Realität: Riesenstadien werden gefüllt, noch nie interessierten sich so viele Menschen für kickende Frauen. Man könnte meinen, die Damen spielten unbekleidet.

Nicht billig, sondern schön anzusehen

Das ist nicht der Fall. Doch das erotische Kapital spielt tatsächlich eine Rolle beim Aufmerksamkeitsboom im Frauenfussball. «20Elf von seiner schönsten Seite» lautet der offizielle Slogan für die Weltmeisterschaft in Deutschland. Entsprechend hat sich eine ganze Reihe von Bundesliga-Spielerinnen für den «Playboy» ausgezogen – wofür sie prompt Applaus ernteten. Das Magazin «Fokus» folgerte, damit seien nun endlich alle männlichen Vorurteile betreffend kickender Kampflesben ausgeräumt. Die Fussballdamen seien nämlich «nicht bullig, sondern anmutig, nicht unweiblich, sondern schön anzusehen».

Schön, aber wem ist nun damit gedient? Zunächst und vor allem den Männern, findet jedenfalls Publizistin Iris Radisch. In einem grossen Essay in der aktuellen «Zeit» nimmt sie die Fussball-Bunnys als Ausgangspunkt, um über die Softpornografisierung der Gesellschaft und ihre Auswirkungen nachzudenken. Heute dürfe jeder das erotische Potenzial seines Körpers zu seinen Gunsten ausbeuten, ohne dass dadurch seine Reputation Schaden erleide. Ja, für viele junge Frauen sei es sogar ein Zeichen ihres neuen Selbstbewusstseins. Sie sehen sich nicht mehr als Sexualobjekte, sondern eher als Subjekte, die das Verfügungsrecht über ihren Körper selbst in die Hand genommen haben.

Ikonographischer Schaden

Es sei der Versuch, in der klassisch männlichen Macht- und Bilderordnung Anerkennung zu gewinnen bei gleichzeitiger Behauptung weiblicher Souveränität. Doch das, so Radisch, sei ein Trugschluss. Man könne sich nicht dem männlichen Blick unterwerfen und davon ausgehen, ihn damit auch beherrschen zu können. Sie schreibt: «Der Schaden entsteht nicht für die jungen Frauen, die vielleicht mit Nacktfotos sogar ein Zeugnis individueller Emanzipation zu geben meinen, sondern durch das Bild weiblicher Verfügbarkeit, das damit lebendig gehalten wird.»

Diese Bilder schadeten also nicht so sehr den Frauen, sondern der weiblichen Würde im Allgemeinen. Es entstehe ein irreparabler «ikonografischer Schaden» in unseren Köpfen, weil vorgegaukelt werde, dass es in der «grossen erotischen Idylle» keine Ausbeuter und keine Ausgebeuteten mehr gebe. Und dass die Frauen selber daran glaubten, sei einfach nur deprimierend.

Metrosexuelles Schosshündchen

Frau Radisch mag in diesem Punkt recht haben. Doch das Problem beschränkt sich ja keineswegs auf den Fussball - und mittlerweile nicht einmal mehr auf die Frauen – auch Männer unterwerfen sich zunehmend dem ästhetischen Imperativ. Und gerade der Männerfussball, dieses Biotop für männlichen Narzissmus, hat in den letzten Jahrzehnten alles dafür getan, seine erotische Komponente zu verkaufen: Beckham als metrosexuelles Schosshündchen seiner Viktoria oder Ronaldo, der sich bei jeder Gelegenheit halb nackt ablichten lässt, sind dafür die Paradebeispiele. Gerade in dieser chauvinistischsten aller Sportarten eifern die Männer also inzwischen den Frauen nach.

So wichtig Radischs Analyse im Allgemeinen ist, so scheint der Frauenfussball nicht das geeignetste Beispiel dafür zu sein. Mit ihren Fotos im «Playboy» haben sich die Frauen also kaum ins Abseits gedribbelt. In kaum einer anderen Sportart hat sich der männliche Chauvinismus so hartnäckig gehalten, doch vor dem Hintergrund des neu erwachten Interesses an diesem Sport, wirkt dieser Chauvinismus zunehmend lächerlich. Denn mit der erhöhten Aufmerksamkeit wird auch mehr Geld in den Sport fliessen, und das kommt letztlich den Fussballerinnen zugute. Nun muss man nur noch darauf vertrauen, dass die auch schlau genug sind, ihren Sport selbst in die Hände zu nehmen und vom Geldfluss zu profitieren. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen – aber wer im Spiel harte Zweikämpfe nicht scheut, der wird auch neben dem Platz dazu fähig sein. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.06.2011, 14:45 Uhr

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12 Kommentare

Jörg Wirz

21.06.2011, 15:31 Uhr
Melden 31 Empfehlung

Natürlich schadet dieses Bild den Frauen als auch dem Frauenfussball. Jeder, der sich für den Playboy und Co. auszieht, hat es definitiv verpasst sich von einer Kultur zu distanzieren, die Frauen auf das tiefe Niveau des Sexualobjekts reduziert. Jetzt entsteht auch bei den Kickerinnen der Eindruck, dass sie diese Ebene nötig haben um Erfolg zu erzielen, die Vorbildsfunktion und der Respekt ist weg Antworten


Arsène Grichblai

21.06.2011, 16:18 Uhr
Melden 21 Empfehlung

Stell dir vor, es ist WM und feministische Journalistinnen publizieren um die Wette. Antworten




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