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«In der Grafik spiegeln sich Schweizer Werte»

Interview: Philippe Zweifel. Aktualisiert am 09.02.2012 3 Kommentare

Toblerone, ABM, Frutiger: In Sachen Grafik und Design sind die Schweizer top. Barbara Junod, die Kuratorin der Ausstellung «100 Jahre Schweizer Grafik», erklärt, wieso.

1/18 E+U Hiestand, ABM-Plastiktragtasche, 1960er Jahre, Museum für Gestaltung Zürich, Designsammlung, Foto: Umberto Romito, © ZHdK

   

Barbara Junod ist Kuratorin der Grafiksammlung im Museum für Gestaltung in Zürich.

Ausstellung

«100 Jahre Schweizer Grafik» vom 10. Februar bis 3. Juni 2012. Museum für Gestaltung Zürich.

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Frau Junod, Ihre Ausstellung zeigt unzählige Beispiele für gelungenes Schweizer Grafikschaffen. Welches ist das berühmteste darunter?
Im Bereich des Plakats ist das wohl Herbert Matters Tourismusplakat «Für schöne Autofahrten die Schweiz» aus dem Jahr 1935 und bei den Marken sind es Toblerone und Migros.

Warum?
Die Schweiz ist im Ausland als Tourismusland bekannt, und Herbert Matter ist ein international anerkannter Gestalter, der es ausgezeichnet verstand, die Schweiz attraktiv zu vermitteln: verheissungsvoll weiss leuchtende Berge, gute Strassen, welche die Bergwelt erschliessen, und ein sonnig blauer Himmel. Die Toblerone wiederum erinnert mit ihrer dreieckigen Form an ein Schweizer Wahrzeichen: das Matterhorn.

Was macht den Schweizer Stil generell aus?
Besser wäre es, von einer bestimmten Haltung zu sprechen, die bestimmte Schweizer Werte spiegelt: konzeptuelle Stärke, Präzision und Konzentration auf das Wesentliche. Schweizer Grafik erlangte besonders in den 1950er- und 1960er-Jahren internationalen Ruhm. Layout-Raster, Grotesk-Schrift und asymmetrische Kompositionen waren lange Zeit ihre Markenzeichen und sind auch noch heute, insbesondere im Bereich Informationsdesign, eine verlässliche und valable Option.

Inwiefern unterscheidet sich Schweizer Grafik von ausländischer Grafik?
Da ist sicher die professionelle Anwendung von erprobten Regeln zu nennen, die langjährige Erfahrung in der Anwendung des typografischen Rasters, die präzise Elaboration des Details. Ausserdem ein auf der Praxiserfahrung aufbauendes Ausbildungssystem. Wobei die Schweizer Grafik in den Disziplinen Typografie, Buchgestaltung, Plakatgestaltung, Corporate- und Informationsdesign und neuerdings auch im Interaction Design besonders stark ist. Was natürlich nicht heisst, dass andere Ansätze nicht auch erfolgreich und bereichernd sein können.

In der Schweiz kommen Flyer als Gummihandschuhe daher, und jedes Bänklein, jeder Abfallkübel muss durchgestylt sein. Sind wir nicht überdesignt?
Es ist tatsächlich so, dass in der Schweiz die gestalterische Naivität etwas abhanden gekommen ist. Ob das positiv oder negativ zu werten ist oder so empfunden wird, ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Es gibt jedoch immer noch Nischen und Bereiche, die nicht durchgestylt sind. Man muss im Alltag nur die Augen offen halten.

Besteht da auch ein Zusammenhang mit dem Wohlstand: Je reicher ein Land, desto wichtiger wird das Design?
Ja, ein hohes Bewusstsein für und die Wertschätzung von Design haben sicher auch etwas mit Wohlstand zu tun.

Dann ist die Beschäftigung mit Grafik auch eine Art Luxusbeschäftigung?
Das könnte man so sehen, doch ist es eine Frage der Definition: Was ist Luxus? Was versteht man überhaupt unter Design? Die Verschönerung und Vereinfachung des Alltags durch überzeugende gestalterische Lösungen empfinde ich als eine sinnvolle Sache.

Wie sieht es eigentlich mit dem Export von Schweizer Grafik aus?
Schweizer Grafik ist wie Schokolade, Uhren und Käse ein Exportgut par excellence. Dies insbesondere seit Mitte der 1950er-Jahre. Nehmen Sie die von Max Miedinger 1957 entworfene Schrift Helvetica. Sie ist noch heute weltweit allgegenwärtig. Oder die Schriften von Adrian Frutiger. Mit der Frutiger ist der Flughafen Charles de Gaulle in Paris beschriftet sowie zahlreiche andere internationale Flughäfen. Auch im Bereich Corporate Design spielt die Schweiz immer noch ganz vorne mit.

Was ist Ihr persönliches Schweizer Lieblingsgrafikobjekt?
Das von Karl Gerstner gestaltete Buch «Schiff nach Europa», 1957. Es ist ein romanartiger Reisebericht seines Freundes Markus Kutter. Gerstner hat den Text expressiv-lautmalerisch gestaltet. Gestalter und Autor begegnen sich und interagieren auf Augenhöhe. Wir zeigen das Buch natürlich in unserer Ausstellung. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.02.2012, 10:22 Uhr

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3 Kommentare

oscar gerber

09.02.2012, 14:20 Uhr
Melden 2 Empfehlung

"Schiff nach Europa" wirkt leider nicht so, wie das Frau Junod empfindet. Auf mich wirkt es relativ verstaubt - was allerdings erklärbar ist mit den damaligen technischen Möglichkeiten der Satzherstellung. Allerdings hat El Lissitzky mit noch beschränkteren Mitteln früher als Gerstner wunderbare Werke geschaffen, ebenso wie Kurt Schwitters. Diese sind "Schiff nach Europa" weit überlegen. Antworten


Thomas Läubli

10.02.2012, 00:20 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Hauptsache, es verkauft sich gut. Offenbar sind Schweizer Werte mehr Schein als Sein: eben Design. Antworten




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