«Ich kenne keinen Isländer, der in die EU möchte»
Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 18.06.2010 36 Kommentare
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Vor einem Jahr sind Sie vor der «ausufernden Schweizer Bürokratie» nach Island geflüchtet. Nun will Island in die EU. Fühlen Sie sich noch wohl dort?
Ja, ja, aber wenn Island tatsächlich in die EU geht, dann gehe ich auch wieder...
Wird es in absehbarer Zukunft zum Beitritt kommen?
Ich kenne keinen einzigen Isländer, der der EU beitreten möchte. Es ist hier wie in der Schweiz: Die Einzigen, die in die EU wollen, sind die sozialdemokratischen Politiker.
Immerhin haben die Sozialdemokraten die letzten Wahlen gewonnen, stellen die Regierung und konnten deshalb ein Beitrittsgesuch stellen.
Die Regierung hatte dem Volk versprochen, es gebe drei Abstimmungen bis zu einem allfälligen Beitritt, eine davon vor dem Einreichen des Gesuchs. Da sich die Stimmung des Volks rasch wieder gegen die Regierung richtete, hat man das Volk nicht abstimmen lassen. Die haben Angst vor einer Volksabstimmung! Die Mehrheit des Volks möchte, dass das Beitrittsgesuch zurückgezogen wird. Die EU hingegen hat ein grosses Interesse daran, dass Island beitritt, insbesondere wegen den Fischereirechten.
Island wollte nie etwas von der EU wissen, kaum geriet das Land in eine Krise, stellte man das Beitrittsgesuch. Wie kam es dazu?
Die Krise war schon sehr heftig für das Land. Im Schock haben die Isländer erstmals in der Geschichte des Landes mehrheitlich die Sozialdemokraten gewählt – und die wollen in die EU. Man muss bedenken: Die isländische Währung hat die Hälfte an Wert verloren, das heisst, das Vermögen der Leute wurde halbiert, ebenso die Kaufkraft gegenüber den vielen Importwaren. Jetzt sieht man aber, dass sich das Land langsam wieder erholt, währenddessen die EU weiter in die Krise stürzt. Ein EU-Beitritt hat keine Chancen mehr.
Sollte sich Island Ihrer Meinung nach lieber der Schweiz als der EU annähern?
Das ist eine absurde Frage. Island und die Schweiz sind gemeinsam in der Efta, der Freihandelszone. Solange der Handel frei ist, gibt es keinen Grund, sich politisch enger zu binden. In der Schweiz sind sogar die Kantone ziemlich autonom, warum sollte man sich da über die Landesgrenzen gegenseitig reinreden? Ein politisch einheitliches Auftreten gelingt ja auch der EU nicht.
Zwischen der Schweiz und Island gibt es einige Parallelen. Beide Länder sind klein und EU-skeptisch. Sind auch die Menschen ähnlich?
Es gibt schon Unterschiede. Island verfügt im Gegensatz zur Schweiz über natürliche Ressourcen. Und hier merkt man schon, dass man sehr weit im Norden ist. Das Temperament der Isländer ist nicht gerade überbordend.
Grossbritannien und die Niederlande fordern noch immer 3,8 Milliarden Euro von Island wegen der Pleite der Internetbank Icesave. Wird Island noch bezahlen?
Eine spannende Geschichte. Icesave war eine private Internetbank, die 10 Prozent Zins versprach. Jeder vernünftige Anleger hätte merken müssen, dass dies ein unsicheres Geschäft ist. Da der isländische Staat an der Bank beteiligt war und sie vor der Pleite noch verstaatlichte, machen die zwei Länder Island nun haftbar. Die Regierung wollte bezahlen, das Volk sagte aber mit einer Mehrheit von 97 Prozent Nein. Da steckt die Regierung, die mit der EU Beitrittsverhandlungen führen will, fürwahr in einer verzwickten Situation. Das wird noch lustig.
Wie sehr spürt man die Krise im Alltag noch?
Das Einkommen ist gleich geblieben, die Preise der Importware haben sich aber verdoppelt. Die Leute gehen also nicht mehr zweimal pro Woche ins Restaurant essen, sondern nur noch einmal pro Monat. In einer schwierigen Situation sind auch jene, die Hypotheken in einer Fremdwährung aufgenommen hatten. Der Wohlstand ist aber immer noch höher als in den meisten europäischen Ländern und die Arbeitslosigkeit ist weit unter zehn Prozent geblieben.
Abgesehen von der EU-Frage, wollen Sie in Island bleiben?
Bis auf Weiteres schon, insbesondere jetzt, wo in Reykjavik ein Komiker Stadtpräsident geworden ist.
Ein Komiker in der Politik, könnte das ein Vorbild für Sie sein?
Nein, ich glaube, die Politik korrumpiert selbst Komiker. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 18.06.2010, 14:51 Uhr
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36 Kommentare
Ich hoffe, dass sich Herr Thiel wenn er in Island ist, sich jeglichen Kommentars und Einflussnahme auf die EU-Frage enthält. Er ist dort immerhin nur ein Ausländer. Ich finde es ja schon gewagt, sich im Ausland über politische Fragen seines Gastlandes auszulassen. Wenn das unsere Ausländer machen würden, welch ein Geschrei aus seinen Kreisen das gäbe... Antworten
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