Faule Geisteswissenschafter: Weshalb Blocher recht hat
Von Rico Bandle. Aktualisiert am 02.03.2010 133 Kommentare
Rico Bandle, Leiter Kultur und Unterhaltung Bernerzeitung.ch/Newsnet.
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Christoph Blocher bei Roger Schawinski auf Radio1:
Die vielen Soziologen und Geisteswissenschafter nehmen den Weg des geringsten Widerstandes, am Schluss kann man die Horden von Absolventen für nichts gebrauchen. So der Vorwurf von Christoph Blocher auf Radio 1. Diese Bequemlichkeit sei die Ursache für die grosse Nachfrage nach deutschen Spezialisten, nach Chemikern und Ingenieuren.
Wir, die das kulturelle Erbe der Menschheit pflegen, sollen faul sein? Eigentlich wollten wir es ja für uns behalten: Doch Blocher hat recht.
Der Weg des geringsten Bildungs-Widerstandes beginnt bei der Wahl des Gymi-Typs. Vor der Maturitätsreform waren D und E (neusprachiges und Wirtschaftsgymnasium) die mit Abstand meistgewählten Typen. Nicht etwa, weil sich besonders viele junge Leute für Wirtschaft oder Sprachen interessierten, sondern weil diese Typen versprachen, am lockersten die Matura zu erlangen. Wem Latein zu anstrengend und Mathematik zu kompliziert war, dem blieben nur noch diese Typen übrig. Die Lehrer bestätigten einhellig: Das Niveau dieser Typen war im Vergleich mit den anderen wesentlich tiefer. Als Gymnasiast befiel einen an freien Nachmittagen zuweilen ein schlechtes Gewissen, wenn man hörte, welcher Arbeitsbelastung die Kollegen ausgesetzt waren, insbesondere jene, die eine Berufslehre absolvierten.
Bei der Studienwahl teilte sich die grosse Gruppe der Faulen in zwei Hälften: In jene, die trotz aller Bequemlichkeit an Karriere und Geld dachten und jene, denen Karriereaussichten egal waren. Erstere studierten Wirtschaft oder Recht, die anderen Soziologie oder Geisteswissenschaften. Anstrengende, zumeist technische Studiengänge bleiben der kleinen Minderheit der Fleissigen und Hochbegabten vorbehalten.
Die schönste Zeit des Lebens
Doch sind geistes- oder sozialwissenschaftliche Studiengänge wirklich so locker, wie das gesagt wird? Seit der Bologna-Reform sollen die Zügel dem Vernehmen nach etwas gestrafft worden sein, früher jedenfalls brauchte man bei den Geisteswissenschaften den Geist in erster Linie um auszuhecken, wie man sich durchmogeln kann; wie mit dem kleinstmöglichen Aufwand die maximale Anzahl an Punkten zu ergattern waren. In den Seminaren ging es eher darum, wer mehr Fremdwörter in möglichst verschachtelten Sätzen aneinanderreihen konnte, als wer sich mit dem Thema tatsächlich auseinandergesetzt hat.
Unter den Studenten kursierte der Witz: «Weshalb stehen Geisteswissenschafter täglich um sechs Uhr auf? – Weil um halb sieben die Läden schliessen.» Ganz falsch war dies nicht, man konnte selbst Nachmittagsvorlesungen verschlafen – das Testat erhielt man schon noch irgendwie. Nur: All die Philosophen, Germanisten, Soziologen etc. lagen bei Uni-Abwesenheit und in den langen Ferien nicht dauernd im Bett herum, die meisten engagierten sich anderweitig. Sei es, dass sie einem Job nachgingen, unbezahlte Projektarbeit machten, sportlich oder musikalisch durchstarteten oder was auch immer. Genau: Was auch immer. Denn in der Studienzeit war man kaum Zwängen ausgesetzt. Wusste man seine Freiheiten zu nutzen, war die Studienzeit die schönste Zeit, die man sich vorstellen kann. Dass einem dies Blocher Jahre später als Faulheit vorhält, damit kann man gut leben.
(Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.03.2010, 10:17 Uhr
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133 Kommentare
Eine Uni muss ganz einfach Raum bieten fürs freie Denken. Da ist diese ganze Bologna-Geschichte meiner Ansicht nach sowieso nicht der richtige Weg. Faule Säcke hat es immer und überall gegeben. Das wird sich auch nicht ändern. Aber es hat auch immer die andern gegeben. Musse kann auch zum Nachdenken genutzt werden. Antworten
Weil es früher lange keine Prüfungen während des Studiums gab, gab es In den Geisteswissenschaften halt auch viele Nieten, die an der ETH nach den dauernd stattfindenden Prüfungen schneller rausfaulen sind. Natürlich braucht es mehr Energie ein "sinnloses Studium" der Geisteswissenschaften ohne Kontrolle durchzuführen und sich zudem dauernd rechtfertigen zu müssen. Durchmogler sind zu verachten! Antworten
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