Endzeit-Bilder vom bösen Mann
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 23.02.2011 3 Kommentare
Ghadafis groteske TV-Ansprache.
War er es überhaupt? Manche zweifelten gestern. Die Gestalt in Libyens Staatsfernsehen, die sich früh am Tag aus einem Auto heraus und unter einem Regenschirm an die Libyer wandte – das sei nicht Muammar al-Ghadhafi, argwöhnten sie. Das sei ein Doppelgänger, wie ihn sich arabische Diktatoren halten.
Der zweite Auftritt dann am Nachmittag: Der Revolutionsführer sprach diesmal aus einem hässlichen Gebäude auf einen Platz ohne Volk hinaus. Bei dem Endlosredner in der Wildlederjoppe mit Burnus-Überwurf, der Kampfparolen deklamierte und dann in einer Kreuzung von Smart und Papamobil wegchauffiert wurde, hätte es sich auch um einen englischen Starkomiker handeln können.
Und doch war es wohl beide Male Muammar al-Ghadhafi himself. Selbst in der totalen Defensive bot er Operette. Man kennt ihn als Träger von Fantasie-Uniformen. Als Dienstherr von Leibwächterinnen-Amazonen. Und auf Staatsbesuch liebte er es, in irgendeinem Stadtpark als demonstrativer Wüstensohn das Zelt aufzuschlagen. Der Mann war nie nur böse, er war stets auch bizarr.
Der grösste Autist aller Zeiten
Als ihm ein TV-Mitarbeiter gestern Morgen das Mikrofon hinstreckte, klang Ghadhafi gewohnt beduinisch blumig: «Ich wollte mit den jungen Leuten auf dem Grünen Platz reden und mit ihnen die Nacht verbringen, doch dann kam der gute Regen. (...) Hört nicht auf die Ansagen der streunenden Hunde!» Fast hätte man Mitleid gehabt mit dem Mann, der sass und nicht stand, der matt wirkte und keine Entourage bei sich hatte. Doch die «streunenden Hunde» waren Menschen, die auf den Strassen niedergemetzelt wurden; der Hund ist für den Araber ein niedriges Tier.
Beim Schirm, unter dem Ghadhafi sprach, handelte es sich um das Faszinosum dieses ersten Auftritts. War das ein Machtsymbol, da afrikanische Herrscher gern unterm Schirm wandeln? Kaum. Ghadhafis Schirm war ein X-Large-Modell, wie es auch der biederste Zürcher Banker braucht, da war kein Pomp. Und der Diktator im Regen musste sich das Ding selbst über den Kopf halten. Der zweite Auftritt war im Vergleich dazu Accessoire-arm, war pure Monotonie. Ghadhafi trug aus seinem «Grünen Buch» vor, drohte, klagte, versprach; der grösste Autist aller Zeiten wollte nicht vom Mikrofon lassen. Bis er unter dem Jubel der Claqueure doch abfuhr.
Es gibt im Genre «Endzeit eines Diktators» Bilder, die bleiben: Fidel Castro, grau und mager, nach der Operation in Spitalkluft. Nicolae Ceausescu mit Gattin barhäuptig vor der Erschiessung. Saddam Hussein, aus dem Erdloch geholt, mit Hippiehaar und Bart beim Militärarzt mit dem Mund-Spatel. Gestern sind neue Bilder hinzugekommen: Ghadhafi in Polit-Slapstick, wie ihn kein Regisseur kreieren könnte. Wieder einmal deklassiert das Leben die Fantasie.
Es war Ghadhafi in Polit-Slapstick, wie ihn kein Regisseur kreieren könnte. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.02.2011, 12:37 Uhr
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3 Kommentare
Ich finde es ziemlich daneben, Castro in einem Atemzug mit Ceausescu, Saddam und Gaddhafi zu nennen. Zumal die geschilderte Situation überhaupt nicht zu den anderen passt.
Es ist nun mal so, dass Menschen im Alter und nach schwerwiegenden Operationen nicht mehr ganz so elanvoll und majestätisch wirken. Mit 'Endzeit eines Diktators' oder 'Bildern die bleiben' hat das nichts zu tun.
Antworten
@ Herr Stampf. Einverstanden, Fidel Castro und seine Brueder sollten wohl noch nicht abgeschrieben werden (was ja leider auch fuer die Ghadhafis gilt). Allerdings betreibt auch Fidel Castro seit Jahrzehnten ein hoch repressives System und laesst immer mal wieder missliebige Journalisten hinrichten und Regimkritiker hinter Gitter bringen. Er ist also durchaus vergleichbar mit anderen Despoten. Antworten
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