«Die können sich alle verpissen»
Interview: Philippe Zweifel. Aktualisiert am 08.06.2011 47 Kommentare
Bob Geldof
Sir Bob Geldof (60) wurde 1979 bekannt als Sänger der Boomtown Rats mit dem Song «I Don't Like Mondays» – und 1985 weltberühmt als Organisator der Live-Aid-Konzerte zugunsten der Hungernden Afrikas, die zeitgleich in London und Philadelphia stattfanden. Geldof hat drei Töchter und eine Pflegetochter. Er lebt in London.
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Herr Geldof, ich habe gehört, Sie gehen nicht ans WEF. Weshalb?
Zu langweilig. Von dort höre ich die immer gleichen Ideen, die nicht funktionieren. Am WEF sind Leute, die begeistert sind, dass sie zusammen in einem Raum sind.
Weshalb sind Sie denn hier am Alpensymposium – ist das kein ähnlicher Anlass?
Weiss ich nicht. Ich werde nicht bezahlt, um hier jemandem zuzuhören. Ich mache auch kein Networking. Ich bin hier, um meine Rede zu halten. Dann gehe ich wieder.
Sie sprechen heute über Investitionen in Afrika. Offenbar investiert der Westen kaum auf diesem Kontinent. Wieso?
Weil wir immer noch nicht in der Lage sind, Afrika als normalen Ort zu sehen, sondern als Hilfsfall. Was auch an dem verdammt infantilen Afrikabild liegt, das Sie und Ihre Medienfreunde seit Jahren zementieren.
Da sind Sie aber auch nicht ganz unschuldig daran.
Vielleicht liegt es tatsächlich an mir, der Bilder von hungernden Kindern zeigt und um Geld bettelt. Vielleicht auch an unserem alten kolonialistischen Weltbild.
China hat hier weniger Berührungsängste.
Genau. Seit zehn Jahren warne ich davor, Afrika chinesischen Investoren zu überlassen. Aber niemand hört auf mich. Und heute lese ich genau diese Worte auf zwei Seiten im «Wall Street Journal». Immerhin haben es die Amerikaner nun gemerkt. Europa schläft immer noch.
China hat weniger Bedenken als wir, mit diktatorischen Regimes zu geschäften.
Das haben wir doch auch nicht, vor allem im arabischen Raum. Wie Bob Dylan schon sagte: «Geld redet nicht, es flucht.» Oder nehmen Sie die Schweiz: Ihr investiert ja auch wie verrückt in China, ein Land, das nicht gerade durch demokratische Glanzleistungen auffällt. Das ist doch heuchlerisch, da kann man auch in Afrika investieren.
Profitieren die Menschen in Afrika von den chinesischen Investitionen?
Das ist die entscheidende Frage. Die Investitionen führen zu mehr Infrastruktur, auch Steuern werden durch die Firmen bezahlt. Allerdings erlauben die Chinesen keine Gewerkschaften und sind teilweise auch rassistisch gegenüber den Afrikanern eingestellt. Ausserdem sagen sie, dass sie nicht politisch eingreifen, aber das tun sie natürlich. Unter dem Strich befürworte ich die chinesischen Investments in Afrika aber und frage mich: Wieso zum Teufel können wir im Westen diesen Kontinent nicht wie die Chinesen sehen: als Geschäftsmöglichkeit!
Reden wir doch auch über Ihre Person. Ich sehe Sie ja immer noch als Musiker…
Danke, das bin ich auch.
…allerdings sehen das die meisten Leute anders.
Ja, das stimmt schon. Wenn die Leute ein Plakat mit meinem Namen sehen, wissen sie nicht, was sie erwartet: Afrika oder Rock. Aber dieses Jahr ist gut, ich habe ein neues Album, da interessieren sich die Leute wieder mehr für Geldof den Musiker. Was sie auch sollten, ich war nie richtig weg, bin immer aufgetreten. Nur habe ich weniger produziert.
Wie kriegen Sie alle Ihre Aktivitäten unter einen Hut? Was treibt Sie an?
Ich bin Rockmusiker und Ire, das heisst, ich langweile mich extrem schnell, muss immer wieder etwas Neues anreissen. Ich kann gar nicht anders, mein Beruf bringt mich mit interessanten Menschen zusammen – die leider nicht immer auf mich hören. Dann muss ich halt selber mit gutem Beispiel vorangehen. Etwa, indem ich eine Firma gründe, Medienbusiness, Private Equity, was weiss ich. Am Ende geht es stets darum, Experten um sich zu scharen, die dann die Arbeit machen. Auch Live Aid entstand übrigens so.
Wie steht es mit den psychologischen Strapazen: Ist es nicht schwierig, jeden Morgen aufzustehen und das Gefühl zu haben, man müsse die Welt retten?
Das ist eine gute Frage. Es ist tatsächlich eine psychologische Strapaze. Nicht, weil es die Leute von einem erwarten würden, sondern weil ich jeden Tag neu erfinden muss, ich habe ja keinen richtigen Job.
Angst vor dem Stillstand?
Nicht Stillstand, sondern eine Art Melancholie, die mich überfällt, wenn ich nichts tue.
Dann haben die Stimmen, die sagen, dass Sie und Bono ihre Hilfsprojekte nicht für die Sache, sondern für sich selbst machen, nicht ganz unrecht?
Und jetzt? Wir könnten ja auch bloss Drogen nehmen und Frauen flachlegen. Solche Kritik perlt an mir ab. Ein Teil unseres Jobs ist es sogar, solche Kritik zu erzeugen – damit in den Pubs und Zeitungen über uns und Afrika gesprochen wird. Je älter ich werde, desto weniger stören mich die Kritiker. Die können sich alle verpissen. Ich mache, was ich will. Ich werde nicht wie ihr sein, sondern wie ich.
(Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 07.06.2011, 16:00 Uhr
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47 Kommentare
Da kriechen die Neidgenossen wieder aus ihren Löchern und sparen nicht mit Kritik. Wie ich das hasse, dass es Leute gibt, die in ihrem marginalen Leben nicht positives bewegen konnten und auf andere rum hacken, nur um sich ein gutes Gewissen wieder einzureden. Das ist der grösste Fehler von Herr und Frau Schweizer! Antworten
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