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«Die absolute Hilflosigkeit ist wie Folter»

Interview: Michèle Binswanger. Aktualisiert am 16.02.2011 9 Kommentare

Schuldgefühle, Hoffnung und Verzweiflung: Notfallpsychologe Gernot Brauchle weiss, was Eltern von entführten Kindern durchmachen.

«Wenn alle ein Exklusivinterview mit der Mutter wollen, dann muss man sie davor schützen»: Notfallpsychologe Gernot Brauchle.

Die Mutter der Zwillinge Alessia und Livia trat gefasst vor die Medien: Hoffnung hält Hinterbliebene aufrecht.

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Die Mutter der entführten Zwillinge lebt in absoluter Ungewissheit über den Verbleib ihrer Kinder. Über die Medien erfährt man, dass die Mutter sehr gefasst auftritt – ist das eine typische Reaktion?
In so einer Situation hofft die Mutter und diese Hoffnung wird sie nicht aufgeben. Das ist eine psychisch gesunde Reaktion, die einzige gesunde Reaktion auf so ein Ereignis. Obschon die Chancen klein sind und obschon die Mutter weiss, dass sie mit dem Schlimmsten rechnen muss, stirbt die Hoffnung nicht.

Hoffen ist also gut?
Das ist eine positive Einstellung, eine gesunde, eine stabile Reaktion: Ich glaube noch daran, das Gegenteil wäre Verzweiflung oder massive Hilflosigkeit – und das zerbricht Menschen. Wer hofft, kann weitermachen.

Denkbar wäre ja auch eine verzweifelte Reaktion, so dass man handlungsunfähig ist.
Man muss sich vorstellen, dass die Emotionen dazu in «Wellen» kommen. Es gibt natürlich auch Phasen, wo grosse Verzweiflung und Hilflosigkeit auftauchen, denn in der Regel kann man ja nicht selber nach den Vermissten suchen, das tut die Polizei. Bei der Betreuung der Hinterbliebenen ist es deshalb ein zentrales Prinzip, sie über den Stand der Suche zu informieren und zwar nach einem fixen Muster, sei das einmal täglich oder zweimal wöchentlich. Information bedeutet: Wo wird gesucht, wie viele Leute sind beteiligt, wie viele Hinweise gingen ein, welchen Hinweisen wurde nachgegangen. Das ist wichtig, auch wenn es noch keine Resultate gibt.

Empfinden Hinterbliebene in solchen Situationen auch Schuldgefühle?
In der Regel ja. Man sagt sich: «Hätte ich doch anders gehandelt.» Diese Art von Schuldgefühlen entstehen aus der Illusion, dass man die wesentlichen Dinge im Leben – sich selbst, die nahen Mitmenschen und die unmittelbare Umgebung – kontrollieren kann. Diese Illusion nennt man in der Psychologie «Grundannahmen» oder «optimistische Illusionen». Sie helfen uns, uns glücklich zu fühlen und bei Problemen widerstandsfähig zu sein. Deshalb ist es normal und psychisch gesund, in der ersten Zeit Schuldgefühle zu spüren – das bedeutet natürlich nicht, dass sie auch Schuld haben. Dies ist etwas völlig anderes. Wenn diese Illusion nun zusammenbricht, zum Beispiel durch den plötzlichen Tod einer geliebten Person, sagt man sich: Hätte ich doch damals… Dies hilft die Illusion aufrechtzuerhalten, dass man prinzipiell die Welt kontrollieren kann – kontrollieren hätte können. Da es zum Unglück kam, man nichts getan hat, empfindet man Schuldgefühle. Andernfalls müsste man sich eingestehen, dass man hilflos war, nie das Unglück hätte verhindern können, und das ist psychisch belastender. Hilflosigkeit kann ihrer Psyche beträchtlichen Schaden zufügen.

Soll man den Hinterbliebenen also nicht die Schuldgefühle nehmen?
Nein, nicht in der ersten Zeit, denn sie sind anfangs ein wichtiger Bewältigungs-Mechanismus. Schuldgefühle sind zwar unangenehm, aber sie helfen uns die Erfahrung von Hilflosigkeit abzuwehren. Bleiben Schuldgefühle jedoch über lange Zeit aufrecht, ist das problematisch. Hier kann man helfen, tatsächliche Verantwortung bzw. tatsächliche Vorhersehbarkeit von illusionärer Verantwortung zu unterschieden.

Dann ist Hilflosigkeit schlimmer, als Schuldgefühle zu haben?
Ja. Als Beispiel: Folter funktioniert genau so. Bei der Folter geht es nicht um Schmerzen, sondern der Schmerz vermittelt Hilflosigkeit. Sie können nichts machen. Wer über lange Zeit massiver Hilflosigkeit ausgeliefert ist, eignet sich das an. Man nennt das auch erlernte Hilflosigkeit.

Solche Fälle erregen immer grosse mediale Aufmerksamkeit – ist das positiv oder negativ?
Das kommt darauf an. Wenn alle ein Exklusivinterview mit der Mutter wollen, dann muss man sie davor schützen. Wenn die Mädchen aber in der Zeitung erwähnt werden, ein Bild abgedruckt wird und so weiter, dann ist das positiv.

Im Fall der in Portugal entführten Madleine haben sich die Eltern auch immer wieder aktiv an die Medien gewandt – warum?
Die Eltern von Maddie hatten einen Medienberater, der gezielt selektierte und ganz gezielt Medien informiert hat, um die Suche zu aktivieren. Das ist ganz geschickt, denn man hofft dadurch auch den Täter zu erreichen. Man erwähnt zum Beispiel auch gezielt die Namen der Kinder mehrfach, um sie aus ihrer Objekthaftigkeit herauszuheben, ihnen einen Namen, eine Geschichte, eine Persönlichkeit zu geben. Man hofft, dass es dem Peiniger so schwerer fällt, dem Entführten etwas anzutun.

Solange die Mädchen nicht gefunden sind, kann die Mutter das ja auch nicht abschliessen – wie kann sie ihr Leben trotzdem weiterführen?
Das Leben geht ja ohnehin weiter, die Mutter muss arbeiten, die nächste Zukunft planen, den Haushalt führen und so weiter. Als Psychologe kann man da nicht viel machen. Wichtig ist aber, dass die Polizei regelmässig Informationen über den Stand der Ermittlungen an die Familie weitergibt, auch wenn es über Monate hinweg keine Resultate gibt. So zeigt man der Familie dass alles Mögliche unternommen wird, die Kinder zu finden. Wichtig ist auch, dass man nichts verschweigt.

Die Mutter sagt, sie habe im Gefühl, dass die Kinder noch leben. Ist das eine typische Reaktion?
Ja, aber es bedeutet gar nichts.

Wie meinen Sie das?
Die Hoffnung erzeugt ein Gefühl, das die Betroffenen als innere Wärme wahrnehmen. Manche Hinterbliebene glauben an ein inneres Band zwischen Eltern und Kindern und durch dieses Band spüren sie eben die Wärme im Bauch. Das hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Interessanterweise können die Eltern das rational sehr gut nachvollziehen, sie wissen, dass die Wahrscheinlichkeit, die Vermissten zu finden, gering ist.

Führt das nicht zu Konflikten zwischen diesen widersprechenden Ebenen, auf der einen Seite die Gefühle, auf der anderen Seite der Verstand?
Das ist tatsächlich interessant. Diese beiden Ebenen gehen ganz gut aneinander vorbei, also man kann wissen und gleichzeitig hoffen.

Wenn die Vermissten über längere Zeit nicht auftauchen, wie verwandelt sich dann die Hoffnung?
Die bleibt bestehen. Das sieht man zum Beispiel aus Erfahrungen mit Kriegswitwen. Die hoffen zum Teil über 40 Jahre lang auf eine Rückkehr des Vermissten. Darum ist es enorm wichtig, die Suche so lange fortzusetzen, bis man einen Beweis hat, dass die Mädchen tot sind.

Und wenn man nie etwas findet?
Das ist das Schlimmste, was einem überhaupt passieren kann. Wir kennen das aus Fällen mit Tourenskigehern, die verschwinden. In der Regel findet man die im Frühling oder im Sommer, wenn der Schnee weggeht. Das ist einerseits sehr tragisch, andererseits aber auch eine Erleichterung, dann können die Leute nämlich zu trauern beginnen. Anders bei den Leuten, die im Gletscher einbrechen und dann oft für Jahrzehnte verschwinden. Da gibt es in der Regel nach sieben Jahren eine Beerdigung mit leerem Sarg – einfach als Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Doch trotzdem hoffen die Leute weiter. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.02.2011, 13:35 Uhr

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9 Kommentare

Frank Z.

16.02.2011, 14:21 Uhr
Melden

Gutes Interview! Antworten


Markus Niederberger

16.02.2011, 16:15 Uhr
Melden

Ohne die Taten damit rechtfertigen zu wollen:
Genau derselbe Mechanismus (das negative Ende, das mit der Hilflosigkeit) ist am Wirken, bevor solche verzweifelten Väter (oder auch Mütter) druchticken.
Antworten




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