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Die Angst der Schweizer Juden vor der Selbstauflösung

Von Rico Bandle. Aktualisiert am 18.05.2010

Mehr als 50 Prozent der Schweizer Juden gehen Mischehen ein. Jetzt diskutiert der Israelitische Gemeindebund, ob und wie er Gegensteuer geben kann.

1/6 Schwierige Suche nach einem jüdischen Mann: Im Dokumentarfilm «Matchmaker» (2005) trifft sich Gabrielle Antosiewicz mit Single-Männern, zum Beispiel mit Radio-Moderator David Karasek (links).
pd

   

An der Delegiertenversammlung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) vom letzten Donnerstag stand ein für Aussenstehende bemerkenswerter Punkt auf der Traktandenliste: Dass Juden häufiger untereinander heiraten sollen. «Der Antrag kam von der Basler Delegation. Es ging um die Frage: Ist die Förderung der jüdischen Ehen eine Aufgabe des SIG?», erklärt SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner. Eine Antwort sei noch nicht gefunden. Das Problem: Die Mischehenrate mit Nichtjuden hat sich von einzelnen Prozenten vor 100 Jahren auf mittlerweile über 50 Prozent erhöht.

Wie sich der hohe Anteil an Mischehen für die jüdische Bevölkerung auswirkt, zeigt der SIG auf einem Factsheet auf: Bei der Volkszählung im Jahr 1900 bekannten sich rund 18'000 Personen zum jüdischen Glauben, 100 Jahre später waren es noch 17'000 – obwohl sich die Gesamtbevölkerung in jenem Zeitraum fast verdoppelt hat. Hätte die jüdische Bevölkerung im selben Ausmass zugenommen wie die Gesamtbevölkerung, hätten sich rund 50'000 Personen zum Judentum bekennen müssen. Ein Teil des Verlustes sei zwar mit der Abwanderung nach Israel zu erklären, aber längst nicht der ganze. Die Zahl jüdischer Eheschliessungen hat sich in den letzten 50 Jahren von 250 auf 125 pro Jahr halbiert.

Liebe wichtiger als Religion

Eigentlich sind die vielen Mischehen ein positives Zeichen: Sie zeigen auf, wie gut die Juden in der Schweiz assimiliert sind. Das Dilemma der Assimilation hat Nahum Goldman, der Gründer des Jüdischen Weltkongresses, in einer viel zitierten Aussage auf den Punkt gebracht: «Was gut ist für die Juden, ist schlecht für das Judentum.» Jüdische Gemeinden weltweit begegnen dem Problem mit der Organisation von Single-Anlässen, heute gibt es auch jüdische Datingplattformen im Internet. Bei orthodoxen Juden verlaufen Eheschliessungen traditionellerweise über Vermittler.

Wie schwierig sich die Partnersuche für eine Minderheit wie die Juden zuweilen gestaltet, hielt Gabrielle Antosiewicz 2005 im sehenswerten Dokumentarfilm «Matchmaker – Auf der Suche nach dem koscheren Mann» fest. Darin gibt sich Antosiewicz als heiratswillige Jüdin aus und trifft verschiedene Single-Männer. Unter anderen den Radio-Moderator David Karasek. In seiner verschmitzten Art sagt er, es sei kaum möglich für ihn, eine Zürcher Jüdin zu heiraten, er sei ja mit fast jeder, die infrage komme, schon einmal zusammen gewesen. Heute, fünf Jahre nach dem Film, lebt Karasek tatsächlich in einer Mischbeziehung. Ein Problem sieht er darin nicht – wie die Mehrheit der Juden. «Die Liebe geht über alles», sagt er. Und das ist genau das Problem der jüdischen Gemeinschaften.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.05.2010, 10:24 Uhr


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