Der «chic fédéral»
Interview: Philippe Zweifel. Aktualisiert am 06.10.2011 28 Kommentare
Jeroen van Rooijen, 41, ist Mode-Journalist und Stilkritiker bei der «Neuen Zürcher Zeitung» und der «NZZ am Sonntag». (Bild: Christian Beutler)
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Herr van Rooijen, wer ist der modische Gewinner der Wahlen: die Linke oder die Rechte?
Es ist kaum ein Unterschied auszumachen, beide Seiten scheinen sich auf einen unauffällig-mediokren Durchschnitts-Stil geeinigt zu haben. Nur aufgrund des Äusserlichen ist keine klare Zuordnung möglich. Allenfalls meine ich aber, beim rechten – oder zumindest bürgerlichen – Flügel mehr Stilwillen zu spüren. Ganz rechts aussen, bei der Bauernpartei, wird aber modisches Flair ebenso verachtet wie ganz links.
Früher wars ja klar die Rechte – oder nicht? Inwiefern und warum hat sich das geändert?
Früher waren die Bürgerlichen gemäss den allgemeinen Vorstellungen der erwachsenen Eleganz gekleidet, und die Linke war entsprechend eher «anti». Die Linke ist aber inzwischen aus dem Hippietum raus, und auch Alternative sind kaum mehr identifizierbar. Turnschuhe und Jeans schockieren heute nicht mehr, sie sind nur noch banal. Doch hat die Linke keine valablen Alternativen gefunden. Sie trägt die gleichen biederen Durchschnittsklamotten wie das rechte Spektrum.
Welche Politiker ragen modisch heraus?
Allenfalls Micheline Calmy-Rey, die ja nun leider abtritt, oder Pascale Bruderer. Bei den Männern sind die modischen Kompetenz-Signale nur sehr subtil, doch Fulvio Pelli versteht etwas von guter und ordentlicher Kleidung. Der Zürcher Regierungsrat Heiniger auch.
Welche sind hoffnungslose Fälle?
Der Platz reicht nicht aus, alle aufzuzählen! Verena Diener (altmodischer Alternativ-Look), Natalie Rickli (Bünzli-Playmate im braven Businesskostüm), Christoph Blocher (der ganze Look, insbesondere die Schuhe, stehen in keiner vernünftigen Relation zu seiner monetären Potenz), Christian Levrat (sein Anzug ist immer mindestens eine Nummer zu gross, und er glänzt schon vor lauter Tragen).
Gibt es so was wie einen generellen Schweizer Polit-Modestil?
Ich nenne das den «chic fédéral», also absolute Durchschnittlichkeit ohne Anspruch an Qualität, Klasse und Passform. Es ist, als wollten diese ganzen Figuren auf keinen Fall aus dem Sumpf der breitestmöglichen Anbiederung (und Wählbarkeit) herausragen.
Die Piratenpartei in Deutschland kommt ja schrecklicherweise in Armyhosen daher. Nachdem diese Nerds nun in der Politik mitmischen: Was würden Sie ihnen für einen Stil nahelegen?
Das grosse, anhaltende Boomthema Neuengland / Ivy League / College Style mit studentischem Dreh würde sich geradezu aufdrängen! Tommy Hilfiger, Gant oder Polo Ralph Lauren sollten die Piraten einkleiden.
Im angelsächsischen Raum signalisiert die Farbe der Krawatte die politische Gesinnung. Wie finden Sie das? Und was, finden Sie, sollten Politiker für Krawatten tragen?
Ich sehe diese eindeutige politische Botschaft über Krawattenfarben immer weniger. Klar trägt die SVP im Parlament keine roten Krawatten, aber grün wäre doch auch im Stilkatalog der Partei drin? Prinzipiell finde ich solche subtilen Statements gut, sie könnten aber noch subtiler und geistreicher eingesetzt werden.
Muss sich ein Politiker modisch von einem Geschäftsmann/frau unterscheiden?
Der Politiker ist freibleibender und muss sich wohl immer irgendwie dem Verdacht entziehen, gerne Geld auszugeben und eitel zu sein. Da sind etwa die Banker freier, bei ihnen ist der Look Teil des Wettbewerbs. Ich denke schon, dass das richtig ist: aber man kann sich ja auch mit dem Intonieren von stilleren Melodien etwas Mühe geben!?
Wie fest darf der persönliche Stil durchscheinen?
Er soll sich bemerkbar machen; Stil zu haben und seinen Look zu kultivieren, zeugt doch von Rückgrat, Willensstärke und Opferbereitschaft. Darum geht es doch in der Politik!?
Joschka Fischer kam ja früher in Turnschuhen und Jeans ins Parlament – war das cool?
Damals war das unerhört und verfehlte seine Wirkung nicht. Heute würde man für das Bemühen dieser Nummer nur noch Mitleid ernten. Provokation hiesse in einem Meer der Mittelmässigkeit doch, sich gut anzuziehen und fein zu machen? Deswegen hat Calmy-Rey die Leute immer ein wenig irritiert.
Sollte die Kleidung die Parteizugehörigkeit zum Ausdruck bringen?
Ich meine ganz entschieden, dass die Parteien über Dresscodes reden müssen, denn sie schaffen Erkennbarkeit und Zusammengehörigkeit! Es muss ja nicht gleich so radikal aussehen wie in den Dreissigerjahren in Deutschland. Klare Farben, ein guter Schnitt und Fokussiertheit würden eine Partei auf einen Schlag sexy machen. Die SVP Zürich hat ja jetzt bereits die Schwingerhosen okkupiert.
Sind die Schweizer Politikerinnen besser angezogen als ihre männlichen Kollegen?
Einen Tick chicer und bewusster, ja, aber es ist kein relevanter Niveauunterschied. Dennoch würden mehr Frauen das modische Niveau des Parlaments automatisch anheben.
Wie stehen die Schweizer Politiker im Vergleich mit dem Ausland da? Wer ist der bestangezogene Politiker der Welt?
Die Schweizer kleiden sich so, wie man sie klischiert wahrnimmt: unauffällig, konsensbedacht und ein bisschen geizig. Da war Ghadhafi natürlich ein anderes Kaliber! Gut angezogene Politiker: Klaus Wowereit – er hat Berlin mit aufs modische Weltparkett gehoben. Nicht so sehr mit seinen eigenen Looks, aber indem er die Mode ernst nimmt, ihr Platz einräumt und sich selbst mit Energie dafür einsetzt. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 06.10.2011, 10:05 Uhr
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28 Kommentare
Entschuldigen Sie, aber Nathalie Rickli gehört in meinen Augen zu den am besten gekleideten Schweizer Politikerinnen. Auch kann ich nicht ganz nachvollziehen, dass Herr Blocher als Negativbeispiel in Sachen Mode genannt wird. Auf den Bildern oben kann ich auf Anhieb jedenfalls keinen Unterschied zur Kleidung von Obama erkennen. Antworten
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