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Der Turm ist ein Symbol arabischer Befreiung

Von Michael Schindhelm. Aktualisiert am 04.01.2010 9 Kommentare

Nach den Krisenattacken brauchte Dubai ein neues Herz. Oder wenigstens einen Herzschrittmacher. Der höchste Wolkenkratzer der Welt wird diese Rolle übernehmen, meint Michael Schindhelm.

1/8 Nur noch wenige Stunden bis zur Party des Jahres: Der Burj Dubai, das höchste Gebäude der Welt.
Bild: Reuters

   
Michael Schindhelm war Theaterdirektor in Basel und später Kulturdirektor in Dubai. Kürzlich hat er sein Tagebuch «Dubai Speed – Eine Erfahrung» veröffentlicht (dtv).

Michael Schindhelm war Theaterdirektor in Basel und später Kulturdirektor in Dubai. Kürzlich hat er sein Tagebuch «Dubai Speed – Eine Erfahrung» veröffentlicht (dtv).

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Heute ist es so weit: Im (allerdings gerade erst errichteten) Zentrum Old Town wird der Burj Dubai eröffnet, pünktlich zum vierten Jahrestag der Regentschaft des Herrschers Mohammed al-Maktoum.

Schon die technischen Daten lassen weltweit den Puls schneller schlagen: Der Turm ist mindestens 800 Meter hoch. 160 Stockwerke hat er, in 87 Fahrstühlen werden Menschen mit bis zu 9 Metern pro Sekunde hochund runterdüsen. Die Lifte – keiner von ihnen legt die gesamte Höhe zurück – sind eine Spezialentwicklung und benötigen nur halb so viel Energie wie gewöhnliche. Und die 55 Millionen Liter Kondenswasser, die die Klimaanlagen jährlich produzieren, werden für die Bewässerung eines 11 Hektaren grossen Parks wiederverwendet.

Eine technologische Grosstat, werden Skeptiker zugeben. Aber ist es nicht auch wieder die alte Guinness-Rekord-Masche, mit der das Emirat seinen unerbittlichen Grössenwahn untermauert? Dubai, das Babel des 21. Jahrhunderts. Und der Burj (das j wird dsch ausgesprochen) ist dann der neue Turm zu diesem Babel.

Man kann ja durchaus den Eindruck haben, Dubai sei nun endgültig abgebrannt, und mit ihm der Traum von der schönen neuen Konsumwelt. Das teuerste Hotel der Welt, der Burj alArab, die künstlichen Inseln The Palm und The World, die Baustelle für den weltweit grössten Flughafen etc., all die von Gigantismus zeugenden Projekte werden aus dieser Perspektive allmählich vereinsamen und von der Wüste zurückgeholt werden.

Wieso ist «Babel» nur negativ?

Der Begriff des Babel im 21. Jahrhundert lässt sich aber nicht nur auf den Turm und die verrückten anderen Bauwerke der Stadt beziehen. Dubai ist tatsächlich Babylon. Mit Menschen aus allen Ländern der Erde, aus allen Religionen und Kulturen, mit einem Migrantenanteil von über 90 Prozent und mit dem Konzept einer Stadt, in der sich friedlich und im angestrebten beidseitigen Interesse traditionelle und moderne Nomaden zusammenfinden, ist Dubai auch ein sozialer Superlativ. Angesichts direkter und indirekter Nachbarn wie Iran, Irak, Pakistan, Afghanistan oder auch Jemen nötigt der Versuch, eine weltoffene Gesellschaft mit islamischem Hintergrund aufzubauen, Respekt ab, allen bestehenden Problemen zum Trotz.

Tatsächlich ist der Begriff von Babel heute zu Unrecht ausschliesslich negativ besetzt. Der Turmbau beschliesst die Unheilsgeschichten der Genesis im Alten Testament. Er kann dort als Versuch der Menschen verstanden werden, sich inskünftig gegen eine neue tödliche Flut zu wappnen. Und mag der Alte Gott die Menschen auch erneut für ihre durch den Bau zur Schau getragene Unbotmässigkeit bestrafen, er zerstört diesmal nur den Turm und nicht die ganze Schöpfung. Die Sprachverwirrung wiederum soll den Menschen, der sich von seinem Gott abgewendet hat, auch von sich selbst trennen. Das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen hat sich verändert. Babel ist auch eine Emanzipationsgeschichte.

Und auf ebendiese Art ist Dubai für Menschen der nicht westlichen Welt eine Emanzipationsgeschichte. Zur Armut verdammte Beduinen versuchen den Aufbau einer neuen Gesellschaft. Wie immer bei Anfängen geht es mehr oder minder drunter und drüber, gibt es Trümmer und Sprachverwirrung.

Vorbild für die Nachbarn

Aber die Menschen am Golf sind heute ein Vorbild für ihre Nachbarn und unterdrückte Völker irgendwo auf dem Globus. Dubai gilt als Symbol für die Befreiung aus westlicher Bevormundung. Die alte Politik des Neokolonialismus (des Alten Gottes) wird abgelöst durch eine neue Souveränität. Dabei ist es zunächst zu fatalen Fehleinschätzungen gekommen. Im übertragenen Sinne könnte man sagen, mit der jüngsten Wirtschaftskrise hat Dubai seine Babel-Strafe schon hinter sich. Der Burj Dubai steht dennoch. Und die Welt wird gut daran tun, weiter am Schicksal von Dubai teilzunehmen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.01.2010, 10:08 Uhr

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9 Kommentare

Roland Burger

04.01.2010, 10:18 Uhr
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Als stolzer bewohner und Gast von Dubai kann man nur bewundern und gratulieren was hier zu Stande kommt. Seit einiger Zeit gibt es das phenomen "Dubai Bashing". Dies ist ausschliesslich ein unterfangen von Neider die "Konkurrenz" zu schwaechen. Man kann von Dubai viel dazu lernen der Westen hat ein falsches Bild vom mittleren Osten es sind tolle Leute man sollte nicht nur das "Medienbild" glauben Antworten


Mari Wunderli

04.01.2010, 12:33 Uhr
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wenn man das von aussen beobachtet und zugleich hört we es in Jemen zugeht- ? Der Unterschied zwischen den Reichen und den Armen wird immer grösser- es ist zu hoffen dass sich Dubai auch religiös selbstständig machen und halten kann- von seinen Nachbarn kann es jedenfalls nicht viel lernen. Mit all dem Oelgeld wurde bis jetzt noch nicht viel Vernünftiges gemacht- villeicht gelingt es Dubai. Antworten




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