«Das Wort Arschblocher meinte ich ernst»

Der deutsch­türkische Komiker Serdar ­Somuncu verteidigt im Gespräch seine kontroversen Äusserungen über eine an­geblich rassistische Schweiz.

Serdar Somuncus «Skandalauftritt» in Arosa. (Quelle: Youtube)


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Herr Somuncu, Ihr umstrittener Auftritt ist nun öffentlich. Nur: Ihre Aussage, die Schweizer seien «wenigstens aufrichtige Nazis» haben Sie auf der Bühne gar nie ausgesprochen...
Ich war selbst erstaunt. Ich scheine unterbewusst darüber nachgedacht zu haben, wie schlimm das gewesen sein muss, was ich gesagt habe, wenn es das SRF rausstreicht. In meinem Gedächtnisprotokoll war das viel drastischer, als was ich in Wirklichkeit gesagt habe.

Wie sehen Sie denn Ihren Auftritt in Arosa heute?
Ich sehe da einen fast schon pflegeleichten Stand-up. Es ist umso fragwürdiger, dass es das SRF nicht ausstrahlt. Ich finde das skandalös. Das Fernsehen und das Arosa-Humorfestival schieben sich nun gegenseitig die Schuld zu. Gott sei Dank haben die Leute in Arosa den Mitschnitt nun wenigstens veröffentlicht. Nun, das Wort «Arschblocher» ist immer noch drin. Den mein ich auch ernst. (lacht)

Darf Satire alles?
Blocher fasst die Leute ja auch nicht gerade mit Samthandschuhen an. Im Gegenteil: Er poltert, er schimpft, er lästert und fährt anderen über den Mund. Das ist mir aus einem Interview mit Roger Schawinski noch deutlich in Erinnerung. Wenn sich deutsche Politiker so im Fernsehen benehmen würden, hätten sie ein grosses Problem. Abgesehen davon, dass das, was Blocher inhaltlich macht, eine Katastrophe ist. Man kann in einem aufgeschlossenen Land mitten in Europa nicht als Initiativen getarnte Kampagnen lancieren, in denen Menschen diffamiert werden, weil sie eine andere Hautfarbe haben oder an einen anderen Gott glauben: Das ist Anachronismus.

Wieso beschäftigen Sie sich mit Schweizer Innenpolitik?
Es gibt wenige Länder, die innenpolitisch so spannend sind wie die Schweiz. Ich halte nichts davon, als deutscher Satiriker mit einer Hybris auf der Bühne zu stehen und den Schweizern zu erklären, wie sie sind. Ich nehme schlicht und einfach teil an Debatten. Und die werden zu den Themen Zuwanderung und Flüchtlinge in der Schweiz viel, viel krasser geführt als zum Beispiel in Deutschland. Wenn man ein Beispiel für den Verfall der Kultur solcher Debatten haben will, ist die Schweiz ein gefundenes Fressen.

Sie sprechen in ihrem Arosa-Auftritt von der vornehmen Fremdenfeindlichkeit der Schweiz. Mal ehrlich: In Deutschland brennen Hunderte Asylheime.
Ich vergleich ja nicht Qualität von Ausländerfeindlichkeit. Es gibt unterschiedliche Arten. Während in der Schweiz die Ausländerfrage oft auf dieser Ebene des Volksempfindens diskutiert wird, gibt es in Deutschland eine ganz andere Form der Radikalisierung. Dennoch: Die Art und Weise wie die SVP Kampagnen steuert, ist hochgradig rassistisch. Ich erinnere mich an die Plakate mit den weissen und schwarzen Schafen. In der Schweiz geben dieser Partei 29 Prozent der Wähler die Stimme – unter dem Deckmantel der Bürgerlichkeit.

Und was ist mit Pegida, AFD ­(Alternative für Deutschland) und «Wir sind das Volk»?
Das ist eine andere Dimension. Ja, in Deutschland haben wir rechte Bewegungen, die erstarken. Aber die sind noch klar unter 20 Prozent. Ich fürchte aber, dass sich das ändern wird. Umso wichtiger ist es da, die Schweiz und Österreich als warnendes Beispiel im Auge zu behalten.

Hat aus ihrer Sicht die Ängst­lichkeit gegenüber Satire ­zugenommen?
Fragen Sie mal die Leute, die jetzt die Schweiz gegenüber mir so in Schutz nehmen, was sie von den Mohammed-Zeichnungen von «Charlie Hebdo» halten. Das sind die Ersten, die dafür werben, dass Satire alles darf. Es sind die Ersten, die Moslems vorwerfen, keinen Sinn für Humor zu haben. Immer alles eine Frage des Blickwinkels.

Sie haben Ihre Karriere mit ­satirischen Lesungen aus «Mein Kampf» lanciert. Vor kurzem erschien ihr Buch «Der Adolf in mir». Haben Sie eigentlich eine Hitler-Obsession?
(lacht) Nein, aber seitdem ich mich mit dem Thema beschäftige, merke ich immer mehr, wie viele andere Menschen eine unsichtbare Hitler-Obsession haben. Ganze Völker haben Hitler-Obsessionen. Er ist im Jahre 2016 noch quicklebendig. Und das greife ich im Buch auf. Es geht um Alltagsfaschismen, die weit über «Heil-Hitler»-schreiende Glatzen hinausreichen. Aber keine Sorge, Hitler verfolgt mich nicht bis in meine Träume. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 06.01.2016, 09:05 Uhr)

Aus dem Arosa-Zusammenschnitt gestrichen

Grosse Aufregung um fast nichts? Der Auftritt von Komiker Serdar Somuncu am Arosa-Humorfestival hat Wellen geworfen. Oder vielmehr die Tatsache, dass ihn das Schweizer Fernsehen SRF in seinem Zusammenschnitt nicht berücksichtigt hat. Hat der Sender in vorauseilendem Gehorsam Somuncus Sprüche gegen die SVP herausgeschnitten, um einer Humor- oder einer Service-public- Diskussion aus dem Weg zu gehen? Dies behauptet Somuncu zumindest in seinem Tweet: «Lustig? Schweizer Humorfestival zensiert anscheinend meinen kompletten Beitrag!» Damit löste er in den sozialen Netzen eine hitzige Diskussion aus. Das Schweizer Fernsehen wehrte sich im «Blick» gegen den Vorwurf. Eine redaktionelle Auswahl nach sendungsrelevanten Kriterien sei keine Zensur. mfe

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