«Da ist noch viel mehr vorgefallen, als ausgesprochen wurde»
Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 12.07.2010 7 Kommentare
Johannes von Dohnanyi, Journalist beim Schweizer Medienhaus Ringier, war einst selber Schüler an der Odenwaldschule. Heute ist er Schulvorstandsprecher, am Freitag leitete er die Diskussion der «Wahrheitskommission» um die Missbrauchsfälle. (Bild: Keystone )
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Sie leiteten am Freitag die Diskussion im Theatersaal der Odenwaldschule, wie ist aus Ihrer Sicht die «Wahrheitskommission» verlaufen?
So wie ich mir das erhofft hatte. Es war eine Auseinandersetzung zwischen Betroffenen und Menschen aus dem Tat-Umfeld, also ehemaligen oder noch aktiven Lehrern, die gewusst oder zumindest geahnt haben müssen und nichts taten – sei es aus Eigeninteresse, Angst oder Desinteresse. Da war eine sehr hohe Emotionalität im Saal. Eine Veranstaltung wie unser öffentliches Hearing «Wahrheit» ist bisher einmalig in Deutschland. Wir sind sehr stolz, dass wir das gemacht haben.
Dient es der Wahrheitssuche, wenn ein Ex-Schüler in den Saal ruft: «Wisst ihr, wie es sich anfühlt, wenn man als 13-jähriger nachts aufwacht. Aufwacht, weil Gerold (der frühere Schulleiter Gerold Becker) einem den Schwanz lutscht»?
Die von Missbrauch Betroffenen haben ein Problem: Die Taten sind verjährt, juristische Gerechtigkeit wird es nicht mehr geben. Dies auch, weil in den letzten zwölf Jahren die Aufarbeitung in vielen Fällen aktiv behindert wurde. Jetzt haben wir die Möglichkeit, Täter und Betroffenen zu benennen. Diese Menschen sind zum ersten Mal angehört worden. Diese Anerkennung von Taten, die Betroffenheit der Zuhörer ist ein erster Schritt zu einer Gerechtigkeit – keiner juristischen, aber moralischen. Die Reaktionen von den Betroffenen sind positiv.
Es waren viele ehemalige Lehrer da – die Haupttäter aber nicht.
Man kann niemanden zwingen, zu kommen, wir sind kein Gericht. Die Täter sind natürlich feige. Sie waren feige, als sie Kinder missbrauchten, sie waren feige, als sie eine Entschuldigung hätten aussprechen können und sie waren feige am vergangenen Freitag, weil sie nicht gekommen sind.
Die anwesenden Lehrer wurden zum Teil arg beschimpft, einer soll sich entschuldigt haben, «Es tut mir leid, dass ich nichts gesehen habe. Bitte, entschuldige». Mussten die Falschen herhalten?
Nein, es geht nicht um herhalten, es geht um verstehen. Ich war selber Schüler an der Odenwaldschule und eines was uns immer beigebracht wurde war: Zivilcourage. Genau in diesem Punkt haben die Lehrer versagt. Wir haben erreicht, das System zu beschreiben. Wenn ein Lehrer sagt, er habe Angst und eine anderer, er habe mal etwas gesagt und sei dann gemobbt worden, dann zeigt das Strukturen auf. Es waren keine Einzeltaten. Wir sind daran, das System hinter den Missbräuchen aufzuarbeiten. Es wird noch weitere Veranstaltungen wie jene am Freitag geben.
Wie war die Stimmung im Saal, als Ex-Schüler offen und voller Wut von den Taten berichteten?
Explosiv. Da haben Menschen in die Öffentlichkeit geschrien, was sie schon lange bewegt. Und die Zuhörer waren so betroffen, dass ihnen die Luft wegblieb. Es war ein sehr heisser Sommertag, als die Veranstaltung begann hatten wir noch immer 36 Grad, die Theaterhalle verfügt über keine Klimaanlage. Der Raum war bis auf den letzten Platz gefüllt und alle haben vier Stunden lang ausgeharrt, niemand hat den Raum vorzeitig verlassen – ausser vielleicht um kurz Luft zu schnappen. Das zeigt ein bisschen die Intensität. Ich selber erschrecke immer wieder, wenn ich die Stimmen dieser Leute höre und deren Texte lese. Da ist noch viel mehr vorgefallen, als am Freitag ausgesprochen wurde. Die Texte, die ich in den letzten Monaten gelesen habe, sind zum Teil Berichte des Grauens. Es ist auch für mich eine hohe emotionale Belastung.
Sie waren zur fraglichen Zeit ebenfalls Schüler an der Odenwaldschule. Haben Sie auch Missbrauchsvorfälle erlebt?
Nein. Erstens war ich zu alt, um in das ‹Beuteschema› zu passen, andererseits war mein Vater (Klaus von Dohnanyi) Minister in Bonn, da hat wahrscheinlich die Vernunft oder das Gefahrengefühl Gerold Beckers funktioniert.
Hat diese Schule eine Zukunft? Gibt es noch Eltern, die die Schüler dorthin schicken?
Aber natürlich. Was wir da am Freitag erlebt haben, war Odenwaldschule at his best. Es gibt keine andere Institution in Deutschland, die dermassen schonungslos und offensiv die dunkle Vergangenheit aufarbeitet. Und was die Schüler angeht: Die Odenwaldschule ist die sicherste Schule Deutschlands.
Am Freitag gab es Voten von ehemaligen Schülern und Lehrern, die die gesamte dort praktizierte Pädagogik als Lug und Betrug darstellten, auch abgesehen von den Missbräuchen. Das ist neu.
Wenn sich ein solches verbrecherisches System im Schatten einer pädagogischen Richtung etablieren kann, so hat tatsächlich etwas nicht funktioniert. Das betrifft aber nicht die Reformpädagogik als solche. Wir wollen doch alle nicht in eine Zeit zurück, als den Schülern mit dem Lineal auf die Finger gehauen wurde, in der es um einen kindsungerechten Frontalunterricht ging. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 12.07.2010, 16:16 Uhr
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7 Kommentare
Odenwaldschule und katholische Kirche sind diejenigen Institutionen, bei denen Scheusslichkeiten zum Vorschein gekommen sind, die andernorts immer noch unter dem Deckel gehalten werden. Die bisherigen patriarchalen, konservativen Gesellschaftsstrukturen sind immer noch nicht überwunden. An den einen Orten versucht man, sich daraus heraus zu entwickeln, an den anderen nicht. (@Schneider 16:58) Antworten
Bei Odenwaldschule und katholischer Kirche ist zum Glück alles längst verjährt und man schämt sich nicht, unter demselben schlechten Namen weiterzufahren als wäre nichts vorgefallen. Warum werden greise Nazis noch immer verfolgt, greise "Reformpädagogen", "Priester" und "international bekannte Filmregisseure" aber nicht? Sind ihre Taten etwa wirklich bloss Kavaliersdelikte? Antworten
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