Kultur
Bedrohte Spezies: die Handschrift
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 22.09.2009 34 Kommentare
Noch wird die Handschrift in der Schule gelernt - wie lange noch?
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Die Krise begann mit dem Kugelschreiber. So jedenfalls legte der italienische Schriftsteller und Gelehrte Umberto Eco jüngst in einem Aufsatz dar. Die Fähigkeit, von Hand zu schreiben, lasse von Generation zu Generation erschreckend nach und sei wohl vom Aussterben bedroht. In Italien könne schon die Hälfte der Kinder zwar die Tastatur eines Computers oder eines Handys bedienen, nicht aber einen Kugelschreiber, um damit einen Text zu schreiben. Vom Füllfederhalter ganz zu schweigen. Dies sei zwar unabwendbar, aber schade, meint Eco. Denn das Schreiben von Hand fördere nicht nur die Kontrolle der Hand, sondern auch die Koordination zwischen Hand und Auge. Es verlangsame zudem das Denken, weil wir zuerst wissen müssten, was wir schreiben, bevor wir es schrieben, was in unserer schnelllebigen Zeit doch ein grosser Gewinn sei.
Aber eben. Mit der Erfindung des Kugelschreibers habe die Handschrift «Seele, Stil und Persönlichkeit» eingebüsst, schreibt Eco. Und die Leute hätten bald auch das Interesse an der Schönschrift verloren.
Zitternde Hände
Auch wenn wir daran zweifeln, dass in dieser Geschichte wirklich der Kugelschreiber der Bösewicht ist, hat Eco sicherlich recht mit seiner Einschätzung, dass von Hand schreiben eine vom Aussterben bedrohte Fähigkeit ist. Eine kleine Recherche unter den Bürokollegen ergab, dass die meisten Mühe haben, längere Schriftstücke von Hand zu verfassen. Dem einen fehlt schlicht das Training, seine Finger begännen nach kurzer Zeit zu zittern. Ein zweiter Kollege berichtet, dass er Briefe zunächst auf dem Computer schreibe, um sie dann von Hand abzuschreiben. Und eine dritte gibt an, dass ihre Schreibtechnik sich längst dem Computer angepasst habe, sie also ihre Gedanken zunächst mal auf den Bildschirm bannt und sie erst dort ordnet – geradezu komplementär zu dem Prozess, den Eco beim Handschreiben beschreibt. Der Kommentar des Art Directors zum Thema lautete, dass es inzwischen auch schöne Computerschriften im Handschriften-Look gebe.
Es ist anzunehmen, dass diese Entwicklung unabwendbar ist, unsere Zivilisation die Handschrift, sofern es sich um mehr als ein paar Notizen handelt, als unnötig aussortieren und ihre Beherrschung an ein paar Spezialisten delegieren wird. Was denken Sie? Ist es ein grosser Verlust, wenn wir nicht mehr von Hand schreiben können? Hat ein von Hand geschriebener Liebesbrief eine andere Seele, als ein auf der Maschine getippter? Und wenn ja, muss es dann unbedingt die eine, womöglich unleserliche Seele sein, die da steht, oder erfüllt auch die Handschrift eines Spezialisten den Zweck? Sollten wir uns bemühen, das von Hand schreiben vor dem Aussterben zu bewahren, oder ist das eine nutzlose Fähigkeit, vergleichbar mit dem Beherrschen der lateinischen Sprache?
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Erstellt: 22.09.2009, 12:28 Uhr
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34 KOMMENTARE
Eine Bachelor-Arbeit (Boris Peterca), die kürzlich an der ZHAW Zürich verfasst wurde und die ich betreuen durfte zeigt, dass auch heute noch viel von Hand geschrieben wird, allerdings weder Briefe noch Karten, sondern persönliche Notizen. Die Handschrift wird heute persönlicher und dadurch für die Graphologie vermutlich sogar aussagekräftiger als früher, wo sie noch eine 'Visitenkarte' war.
Durch meinen Chinesisch-Kurs erfahre ich sehr viel über China. Dort ist die Handschrift SEHR vom Aussterben bedroht. Ich kennen Beispiele, wo Leute nur noch Namen und Adresse von Hand schreiben können. Ich sehe es ja selbst, mit dem Computer ist es so einfach. Dafür hat China eine Kunst, die wir so nicht kennen und um die ich sie beneide: die Kalligraphie.
Was wenn einmal der Strom ausfällt ? Erinnert mich an Leute, die vor einem Orkan jede Menge Lebensmittel in Dosen kaufen und nur eine Kleinigkeit vergessen haben......den mechanischen Dosenöffner.....
Viele Kommentare hier sind wirklich sehr undifferenziert und einfach gestrickt. Ein mir unheimlicher Pragratismus. Dabei trifft der Vergleich mit Kochen und Konserven den Nagel auf den Kopf. Jede Sache zu ihrer Zeit. Kompi im Arbeitsleben ist ja wohl heute klar. Wer aber einen schönen Brief meint durch ein SMS ersetzen zu können, ist schon ein ziemlcher Banause.
Dass die Fertigkeit der Handschrift verloren geht, ist nur eine logische Konsequenz der zunehmenden "Vercomputerisierung" des Alltags. Anderes Beispiel: Während ich früher mit Stokys, Fishertechnic usw. Kranen und ähnliche "Ungetüme" baute, kauft "mann" heute seinem Sohn einen Bausatz mit einem Roboter, der dann via PC bedient wird. Wir lernen also nur noch, die Dinge durch den PC zu steuern.
Ich fände es schade, wenn die Handschrift aussterben würde. Wenn ich Briefe schreibe nehme ich immer noch sehr gerne den Füllfederhalter dazu, weil die Schrift schöner ist als mit Kugelschreiber. Etwas unpersönlicheres als ein mit Pc, Schreibmaschine oder gar eine SMS verfasste Liebeserklärung gibt es meiner Meinung nach nicht.
Ja,wozu soll man noch von Hand schreiben können.Spätestens wenn man ein Testament zugunsten seiner Freundin verfassen will,sollte man es können.Ein Testament muss unter Anderem handschriftlich verfasst werden,weil jeder eine individuelle Handschrift hat.Mit der Schreibmaschine oder PC wäre eine Fälschung zu einfach.Nur noch die Unterschrift müsste dann gefälscht werden.
@ peter vogler, graphologie ist auch schon längst überholt. ich nehme das wort scharlatanerie nicht in den mund, aber es geht in die richtung.
Nett, wer eine schöne Handschrift hat. Aber ich habe, obwohl ich in meiner Jugend ziemlich gedrillt wurde, nie eine schöne Handschrift entwickelt. Um so mehr schätze ich die Möglichkeit, auf Wegen zu kommunizieren, die unabhängig von einer schönen Handschrift sind. Und nebenbei Bemerkt: Auch ein Buch kann "Seele" vermitteln, und dieses lese ich nie in einer handgeschriebenen Fassung...
Ich habe keine Mühe einen Text von Hand zu schreiben. Nur für was? Ein Brief ist doch für nichts. Ich bevorzugte bereits früher das Telefon. Und heute ist das E-mail dazugekommen.
Was macht man aber,wenn bei der nächst. Bewerbg. ein handschriftl. Lebenslauf verlangt wird,um ihn von einem Graphologen beurteilen zu lassen.Aus einer ungelenken "Kinderschrift" kann man wohl nicht viel herauslesen.Da werden die Graphologen wohl bald eine aussterbende Berufsgattung.Vor vielen Jahren gab es noch Leute,welche bei Sitzungen alles mitstenographiert haben.Nur,wer kann heute noch Steno
Ich trat in den 70-iger Jahren eine Stelle in einem grösseren Betrieb in Zürich an. Rund zwei Wochen später musste ich zu meinem obersten Chef, ich ahnte schreckliches, er hiess mich am Besprechungstisch platz zu nehmen, einige belanglose Worte und dann, wir haben hier schon lange keinen jungen Angestellten gehabt der so eine schöne Handschrift hat. Gelernt habe ich es bei einem strengen Lehrer.
Eine zügige, markante und effiziente Handschrift ist auch ein allgemeiner Hinweis darauf, dass man die Hand führen kann - sei es für eine kurze Skizze zur Veranschaulichung eines Sachverhalts, sei es Vornahme einer filigranen motorischen Verrichtung. Das Beherrschen des Zehnfingersystems auf der Tastatur ist eine ähnlich anspruchsvolle Fingerfertigkeitsübung, wie es die Handschrift ist.
Es macht mich richtiggehend traurig, zu sehen, dass die Kinder heute wirklich nicht mehr schön schreiben lernen. Ein mühseliges, langsames und widerwilliges Gekritzel, das keiner mehr entziffern kann. Füllfederhalter kann man vergessen, keine Chance mehr. Wir haben als Teenager noch mit klopfendem Herzen täglich den Briefträger erwartet, der die heissersehnten handgeschrieben Liebesbriefe brachte
Ein handgeschriebener Gruss oder Brief, deren Länge egal ist, finde ich immer noch VIEL spezieller und persönlicher, da ich ZEIT zum Schreiben und Ueberlegen einplanen MUSS. Es ist auch für den Empfänger ein Zeichen, dass sie/er mich etwas BESONDERES bedeutet, um SO MEHR in unserer VIEL ZU HECKTISCHEN, rasanter, nur produktiver Zeit..ein LIEBESZEICHEN! mein Notizbuch begleitet mich immer
Es liegt mir fern, jemandem zu nahe zu treten - aber einige hier zu lesende Statements zur leichtfertigen "Preisgabe" des handschriftlichen Ausdrucks finde ich so bedenklich, wie etwa den Standpunkt, kochen zu lernen sei sinnlos, weil's ja Konserven gibt...
Klar doch, was finanziell nichts einbringt, kann man getrost vergessen... Was für eine armselige Welt ist denn das, in welcher der Sinn der scheinbar nutzlosen Dinge nicht mehr erkannt und geschätzt wird? @Berger: Ich war eine Nuss im Schönschreiben, dennoch sehr gut in der Schule.@Art Director: Was macht das Wort "Art" in Ihrem Titel, wenn Sie nicht begreifen, worum es Umberto Eco geht?
Nachdem die persönliche Handschrift eine ausgesprochen typische und unverwechselbare Ausdrucksform darstellt, welche sogar emotionale Unterschiede darzustellen pflegt, wäre ihr Verlust dem Aussterben einer Spezies gleichzusetzen. Und zwar ein bedenklicher Verlust, denn die Handschrift ist ein Ebenbild des/der Schreibenden in einem kalligrafischen Kleid.
Eco hat leider recht. Ich bin schon Leuten begegnet, die selbst ein Formular nur mit Mühe ausfüllen konnten. Noch mehr als das Verschwinden der Handschrift stört mich, dass auch die Rechtschreibung schon "den Bach runter" ist. Kenntnisse der lateinischen Sprache halte ich absolut nicht für nutzlos. Latein eröffnet sprachliche Erkenntnisse, die den "Frühenglischmenschen" verschlossen bleiben.
Professor Ecos Beobachtung kann ich mich nur anschliessen. Bereits in meiner, in den 70er Jahren geborgenen Generation, gibt es viele, die 'Schnüerlischrift' gar nicht mehr LESEN, geschweige denn schreiben können... Einkaufszettel werden in Druckschrift geschrieben, Liebesbriefe per Email verschickt. Schade - gibt es doch nichts Aufregenderes, als langsam das Couvert eines Liebesbriefs zu öffnen!
Alles neue ersetzt das gute alte; bringt aber auch seine neuen guten Seiten. Das Papier, das den Papyrus ersetzt hat, der Kugelschreiber die Gaensefeder, und jetzt eben der Compi und Drucker, die Schreibmaschine und die Hand. Man kann jetzt durch den Wordprocessor in der gleichen Zeit mehr Gedanken auf weniger Papier auf verstaendlichere Weise kommunizieren. Die Hand wird weiterhin Notizen machen.
Ein weiterer Lebensbereich, den wir von der Technologie abhängig machen.Wenn dann mal eine wirkliche Krise kommt, die richtig an die Substanz geht, werden wir wie die toten Fliegen umfallen, weil wir zu überhaupt nichts mehr in der Lage sind ohne unsere iPhones, iMacs und iWasweissichnochalles.
Man kann durchaus auch auf einen maschinengeschriebenen Text Sorgfalt verwenden. Ich ziehe ein aufmerksam formuliertes, durchdachtes Mail einem gedankenlos verfassten handschriftlichen Brief jederzeit vor. Die "Seele" versteckt sich in der Mühe, die sich die Schreibenden gegeben haben - und ein Werkzeug ist ein Werkzeug ist ein Werkzeug, ohne Wert an sich oder gar für sich.
Zum meiner Zeit (ich bin Mitte 40) war "Schönschreiben" ein Hauptfach! Und wer - wie ich - nicht schön schreiben konnte, war schon von Anfang an abgeschrieben in der Schule, ganz egal wie intelligent man war. Was mich wundert: Auch heute noch, z.B. bei meiner Tocher (2. Klasse) ist "Schönschreiben" noch immer ein Hauptfach! Ghaats no? Hauptsache man kann schreiben und richtig Formulieren.
Leute meines Alters (28) können schon gar nicht mehr richtig von Hand schreiben. Regelmässig bekomme ich Zahlungsaufträge retourniert, weil die Unterschrift "nicht stimmt". Diese ist auch das Einzige was ich noch von Hand schreibe. Dem Artikel ist Recht zu geben, die Handschrift wird aussterben und es ist kein grosser Verlust sondern ein überholtes Hilfsmittel zur Kommunikation in die Ferne.
Es gibt immer wieder Gelegenheiten, einen persönlich handgeschriebenen Brief zu senden: bei einer Hochzeit, bei einem Trauerfall usw. Da würde ein computergeschriebenes Exemplar nicht passen. Ich selber schreibe gern und dann noch am liebsten mit einem Füllfederhalter und freue mich, wenn ich eine schöne Handschrift sehe.
Herr Berger: Ja! Leider! Ich bin ganz Ihrer Meinung. Ich schreibe leidenschaftlich gerne. Auch Mails, klar.... UND viiiele Postkarten, Geburtstagskarten.... aber ich kenne sonst niemanden, der das noch macht = SMS.... Unabhängig davon: LESEN...!! Wir sind wohl Dinos.
Persönlich finde ich schon die Auswahl von schönem Schreibpapier, einer schönen Karte, das Verwenden eines Füllfederhalters mit spezieller Tinte etwas einmalig Erotisches. Man möge ruhig lachen. Aber so gerne ich persönliche Briefe erhalte, so gerne schreibe ich sie auch. Dafür plane ich dann extra Zeit ein. Das muss einfach sein.
Ich schreibe nur für mich selber per Hand. Einkaufszettel, Termine usw. Für die Kommunikation mit anderen benutze ich den Compi (allenfalls eine Schreibmaschine) - ich will ja, dass das Geschriebene auch gelesen werden kann. Und die "Seele" quetsche ich zwischen die Zeilen. Dort versteckte sie sich schon immer.
Weder das Schreiben von Hand noch der Erwerb von Lateinkenntnissen sind nutzlose Fähigkeiten; wir sollten uns also um beides bemühen.
für uns, die ohne compi aufgewachsen sind, kaum verständlich. für ein kind aber normal. der brief wird ja nicht nur persönlich durch die schrift. wichtiger ist das spiel mit worten. und dieses muss nicht schlechter werden, nur weils in bits und bytes umgerechnet wird. sprachvirtuosen können eher davon profitieren, weil sie nachträglich ändern können und so neue ideen ergänzen können.
Ein von Hand geschriebener Brief hat eine persönliche Note, die ein von PC gehackter Brief niemals hat. Natürlich ist es im Geschäftsleben nicht möglich, die Korrespondenzen per Hand zu schreiben. Privat sollte man sich Zeit nehmen und zumindest Liebesbriefe mit schöner Handschrift verfassen.
Ich finde, dass ein handgeschriebener Brief Persönlichkeit ausstrahlt. Ob sich die Schrift genau entziffern lässt, oder eben nicht. Und müssen wir bei einer solchen Entwicklung dann nicht auch noch befürchten, dass die persönliche Unterschrift degenerieren wird? Wow, ich sollte wirklich wieder mal einen Brief von Hand schreiben und via Post versenden, anstelle von einem e-mail.
M.E. werden nicht nur handgeschriebene Briefe eine absolute Rarität, sondern überhaupt private Briefe!
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