«Auch im Dritten Reich hat man Nein sagen können»
Interview: Michèle Binswanger. Aktualisiert am 23.03.2011 25 Kommentare
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Gernot Böhme ist ein deutscher Philosoph mit Schwerpunkt Technik- und Naturphilosophie. Er ist bekannt für seine Auffassung von praktischer Philosophie als Kompetenz zur Lebensbewältigung. Er betreibt ein Institut für Praxis der Philosophie in Darmstadt.
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Im havarierten Atomkraftwerk versuchen die sogenannten «Fukushima 50» unter Einsatz ihres Lebens die ganz grosse Katastrophe zu verhindern. Wie ist es ethisch zu beurteilen, wenn wenige Menschen sich opfern müssen, um viele zu retten?
Zunächst einmal kann von Zwang keine Rede sein. Das sind Menschen, die aufgrund ihrer Tätigkeit gefordert sind. Aber die Entscheidung, ob sie dieser Forderung entsprechen, müssen sie für sich selber treffen. Es ist verfehlt, das mit allgemeinen Regeln beurteilen zu wollen.
Bislang hiess es, die Arbeiter in Fukushima seien Freiwillige – jetzt gibt es Meldungen, dass sie dazu gezwungen wurden. Wiegt der Nutzen für die Allgemeinheit schwerer als das Recht dieser Arbeiter, sich selber entscheiden zu können, ob sie das Opfer bringen wollen?
Zunächst muss man sich fragen, was Zwang denn heisst. Selbst wenn Strafen angedroht werden, hat jeder die Möglichkeit, diese auf sich zu nehmen. Das zumindest konnte man aus dem Dritten Reich lernen, dass ein Befehlsnotstand letztlich nicht existiert.
Wie meinen Sie das?
Auch im Dritten Reich hat man Nein sagen können, dann musste man einfach die Konsequenzen auf sich nehmen. Die Menschen entscheiden letztlich autonom und bestimmen damit, was für Menschen sie sind. Darin besteht die Moral.
Oft wird behauptet, in der japanischen Kultur sei das Bekenntnis zur Gemeinschaft weitaus stärker als im Westen, weshalb die Menschen sich auch eher für die Gemeinschaft opfern. Ist das wirklich eine Frage der Mentalität?
Die japanische Kultur bereitet die Menschen moralisch vielleicht eher auf solche Ernstfälle vor und darauf, in solchen Situationen auch standzuhalten. Da spielt zum Beispiel die Meditation als japanische Volkspraxis eine Rolle. Wenn man für uns Konsequenzen daraus ziehen möchte, müsste man darüber nachdenken, mit welchen Übungen wir uns selber stark genug machen könnten, um den Anforderungen einer solchen Extremsituation zu genügen.
An was für Übungen denken Sie dabei und wer könnte so etwas übernehmen? Die Schulen?
Ein Problem der Ethik im Westen ist, dass sie akademisiert ist, dass sie über Worte und Argumentationen funktioniert, den Einzelnen aber zu wenig auf Handlungs- und Beurteilungsmöglichkeiten vorbereitet. Es wäre eine grosse Aufgabe, die Ethik als universitäre Theorie in eine Ethik als Praxis zu überführen. Das könnte eine Aufgabe der Schulen sein, allerdings auf einer elementareren Stufe, nämlich die Einübung in Üblichkeiten. Dabei geht es also nicht um die Entscheidung, wie der Einzelne sich moralisch definiert, sondern man übt ein, was ethisch üblich ist und was sich moralisch gehört. Allerdings muss man sich auch hier wieder fragen, wie man sich auf den Ernstfall vorbereiten kann.
Damit man so etwas einüben kann, braucht es ja übergreifende Standards, wie beispielsweise den Buddhismus in Japan. Welche Modelle gäbe es bei uns?
Die europäische Ethik ist ja hoch entwickelt, allerdings eben eher auf der theoretischen Ebene, weniger auf der praktischen. Ich kann Ihnen ein Beispiel geben, wie praktische Ethik aussehen könnte, zum Beispiel in der Medizin. Stellen Sie sich vor, Sie kommen in eine Situation, in der Sie eine Therapieentscheidung fällen müssen. Als mündiger Patient müssen Sie die rechtliche Lage kennen und über Alternativen Bescheid wissen. Sie müssen sich bewusst werden, dass man sich auch in der Frage von Krankheit und Gesundheit selber entscheiden muss und nicht alles auf den Arzt abschieben kann. Die sogenannte Expertenkultur ist ein grosses Problem im Westen. Die Menschen delegieren ihr Leben mehr und mehr an Experten, anstatt es selber zu leben. Das ist übrigens schon bei Immanuel Kant ein zentraler Punkt der Aufklärung. Nicht der Kampf gegen Kirche und Staat, sondern dass man sein eigenes Leben nicht an Experten delegiert.
Welche für alle verbindlichen Ethikstandards gibt es denn?
Die allgemeinverbindliche Ethik betrifft genau genommen nicht den einzelnen Menschen, sondern den Menschen als Angehörigen einer Gruppe. Insofern betreffen ethische Grundsätze eher Professionen, die mit menschlichem Leben umgehen, Ärzte, Forscher usw. Das Individuum kann bei einer moralischen Entscheidung durchaus davon abweichen. Es muss sich bloss klarmachen, wie es sich dabei selber definiert. Und je nachdem, wie die Situation ist, da muss der Einzelne dann die Konsequenzen auf sich nehmen.
Die Atomkatastrophe in Japan hat wieder einmal das Bewusstsein dafür geweckt, dass man bei der Anwendung von Atomkraft in Kauf nimmt, dass riesige Landstriche über Jahrhunderte hinweg für die Menschen unbewohnbar werden könnten. Ist das den nachfolgenden Generationen gegenüber vertretbar?
Ich halte es für völlig unvertretbar. Im Denken über die friedliche Nutzung der Atomenergie gibt es einen Systemmangel, insofern, als es ja nicht bei möglichen Unfällen beginnt, sondern beim Atommüll. Da kann man in Deutschland sagen, dass die Konsequenzen uns bereits eingeholt haben, denn die Entsorgung des Abfalls kostet Milliarden, mehr also, als man bereit ist, in erneuerbare Energien zu investieren. Ich halte es schlicht für unverantwortlich, weiter auf Kernenergie zu setzen.
Sie haben es in Ihrem «Zeit»-Artikel für eher unwahrscheinlich gehalten, dass jetzt ein Umdenken stattfindet – warum?
Als Philosoph ist man vor allem Kritiker und Skeptiker. Denken Sie an die Geschichte: Gab es nicht Tschernobyl? Waren wir dadurch nicht noch viel mehr betroffen? Und was waren die Konsequenzen?
Nichts. Worauf führen Sie das zurück? Sind die Menschen zu gleichgültig?
Die Effekte in der moralisch–politischen Diskussion ebben nach einem solchen Ereignis sehr schnell ab und die Politiker gehen zur Tagesordnung über. Dann gibt es natürlich eine sowohl ideologisch wie ökonomisch mächtige Kernkraftlobby. Ein Beispiel: Die deutschen Atomphysiker haben nach ihrem Scheitern im Dritten Reich die Devise ausgegeben: Wir in Deutschland nutzen die Kernenergie friedlich, als ob es sich dabei um eine Technologie handeln würde, die man zum Guten oder zum Bösen wenden könnte. Die deutschen Atomphysiker wollten mit der sogenannt friedlichen Nutzung in erster Linie ihre Profession retten und das konnten sie nur, indem sie friedliche Zwecke postulierten.
Sie haben bereits erwähnt, dass wir alle Fakten zur Atomenergie kennen, aber den Zustand der selbstverschuldeten Unmündigkeit scheinbar vorziehen und die Entscheidungen an Experten abtreten. Wäre eine neue Aufklärung angebracht?
Ja, die Aufklärung wäre heute dringender nötig als im 18. Jahrhundert unter diesem kantischen Gesichtspunkt, nämlich dass die Menschen sehr viel mehr für ihre eigene Mündigkeit tun müssten, also die Führung ihres eigenen Lebens übernehmen, aber auch die politische Beteiligung, konkrete Demokratie leben. Insofern besteht ein Hoffnungsschimmer, denn in Deutschland ist die Anti-AKW-Bewegung die Schule der Nation geworden, nicht das Militär, weil die Menschen in dieser Situation gelernt haben, mündige Bürger zu werden und sich persönlich einzubringen.
Dass der Mensch selber die Kontrolle übernehmen und nicht mehr auf einen Gott vertrauen will, ist ja eigentlich ebenfalls ein Resultat der Aufklärung. Die Gefahr, dass die Technik selber unkontrollierbar wird, ist damit ebenfalls ein Resultat der Aufklärung, am anderen Ende der Skala.
Ja. Deshalb geht es in der heutigen Diskussion ja auch nicht mehr um die Kontrolle der Natur, sondern um die Kontrolle der Technologie. Die Technologie ist zur zweiten Natur geworden. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.03.2011, 13:48 Uhr
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25 Kommentare
Aussergewöhnliche Situationen erfordern aussergewöhnliche Massnahmen. Man kann tatsächlich zu allem Nein sagen, die Konsequenzen sind dann halt nicht immer lustig. Immerhin ist das eigene Opfer für die Gesamtgesellschaft etwas, das man vor sich selber rechtfertigen kann und auch muss. Wir denken da mal an Winkelried. Auch wenn's eine Sage ist, manchmal kann ein Einzelner die Geschichte verändern. Antworten
"Auch im Dritten Reich hat man Nein sagen können, dann musste man einfach die Konsequenzen auf sich nehmen. "... Na ich weiss nicht. Wenn die Alternative zu einem Nein der Tod gewesen war, kann ich mir ohne Mühe vorstellen, dass viele "ja" gesagt haben. Ausserdem ist in Asien die Gemeinschaft viel höher gewertet als hier bei uns. Das Individuum spielt da letzlich eine untergeordnete Rolle. Antworten
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