Die Suche nach dem Solothurner Moment

Bei schönstem Wetter gingen am Auffahrtswochenende die 39. Solothurner Literaturtage über die Bühne. Zugpferde gab es kaum. Doch wer für Überraschungen offen war, konnte die eine oder andere Entdeckung machen.

Sicherer Wert: Die Stimmung.

Sicherer Wert: Die Stimmung. Bild: Hanspeter Bärtschi / AZ

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Ich habe so einen Mo­ment», offenbart sich mei­ne Sitznachbarin. Sie ist er­griffen: «Diese Offenheit», sagt sie. Ihr Mann beugt sich herüber und bekräftigt: «Drei Tage Solothurn lohnen sich für diese eine Veranstaltung.» Soeben hat der bulgarisch-deutsche Autor und Weltenbürger Ilija Trojanow sein jüngstes Buch vorgestellt.

«Nach der Flucht» umreisst auf 120 Seiten das Lebensgefühl von Ge­flüchteten, wenn der Verlust der ursprünglichen Heimat Jahre zurückliegt. Es ist eine Sammlung von zweimal 99 kurzen Sentenzen – Aphorismen, Gedanken, Anekdoten über «die Verstörungen» und «die Errettungen», die bruchstückhaft die Verfassung eines Geflüchteten skizzieren.

«Ich wollte zeigen, dass ich auch twittern kann», witzelt der Autor entspannt auf der Bühne. Doch seine Momentaufnahmen sind alles andere als schnelllebige, Aufmerksamkeit heischende Worthülsen. Es sind hochkonzentrierte Fragmente, die mit sprachlicher Tiefenschärfe vermeintliche Selbst­verständlichkeiten oftmals kunstvoll auf den Kopf stellen.

Die nostalgisch verbrämte «Heimkehr» wird da etwa zur «Fremdkehr». Und das «Problem Migration» erweist sich als verkürzte Denkformel, die Anlass für die Frage gibt, ob Sesshaftigkeit wirklich die bessere Lebensform ist. «Der Flüchtende ist eine Provokation für unseren Lebenssinn», sagt Trojanow im Ge­spräch auf der Bühne.

Und legt nach: «Wir brauchen Fremde. Sie sind der existenzielle Lieferant für die entscheidenden kreativen Weiterentwicklungen. Alles andere ist Verwaltung von Kultur und Musealisierung.» Trojanow hat auch die diesjährigen Solothurner Literaturtage eröffnet. In seiner Rede plädierte er da­für, den literarischen Blick zu weiten. «Was wir an Weltliteratur bisher wahrgenommen haben, ist nicht frönen, sondern fasten», sagte er.

Gibt es einen «Einbruch der Wirklichkeit», wie manche ihn in der aktuellen Literatur be­merken wollen? An den dies­jährigen Solothurner Literaturtagen, die sich als Leistungsschau des Schweizer Literaturschaffens verstehen, befassten sich zwei Podien mit der komplexen heutigen Realität.

Zu viel mag man sich von der Runde mit Jonas Lüscher, Olga Grjasnowa und Peter Voegeli erhofft haben, die über «Die Macht der Ge­schichten» sprachen. War das Thema zu breit, oder lagen die Positionen der Teilnehmenden zu nah beieinander? Ein wirkliches Gespräch entwickelte sich nicht zwischen dem Autor, der in seinem aktuellen Buch Zeit­geschichte nachzeichnet, der Autorin eines reportageartigen Romans und dem Journalisten.

Anders das zweite Podium mit Lukas Bärfuss, Ruth Dällenbach und David van Reybrouck mit Fokus auf die Demokratie. Zu­nächst stand die Diagnose der Krise im Vordergrund – von der Legitimationskrise, weil das Vertrauen der Bürger in die politischen Parteien erodiere, über die Effizienzkrise, weil die tiefer liegenden Probleme wie Umwelt, Krieg und Flüchtlinge von der Demokratie nicht bewältigt würden, bis zur Systemkrise, weil wichtige Bereiche nicht Teil des demokratischen Prozesses seien.

Dann brachte der belgische Au­tor, Historiker und Archäologe David van Reybrouck den entscheidenden Input: Sein Essay «Gegen Wahlen» war das Rückgrat der Diskussionsrunde. Die Demokratie habe sich seit ihrem Ursprung in der Antike zu einem Machtinstrument der Elite entwickelt, wenn auch in jüngster Zeit immer weiteren Kreisen Zugang eröffnet worden sei – mit dem Frauenstimmrecht etwa oder mit dem noch ausstehenden Ausländerstimmrecht.

Er schlägt vor, Wahlverfahren mit Würfelverfahren zu ersetzen. Nach einem Zufallsprinzip bestimmte Bürger sollen so mit dem politischen Prozess betraut werden. Dass das geht, dafür gibt es Beispiele. Van Reybrouck verweist auf Irland. Ein nach repräsenta­tiven Kriterien zusammengewürfelter Rat hat dort gute Dienste bei der Modernisierung des Abtreibungsparagrafen ge­leistet.

Wer nach Solothurn geht, muss offen sein, sich überraschen zu lassen. Ein sicherer Wert jedoch war Michael Fehr, der zusammen mit dem Gitarristen Manuel Troller das Abendprogramm am Samstag bestritt. Wort und Mu­sik – neben der drängenden Wirklichkeit ein Trend in der heimischen Literatur.

Ihr Zu­sammenspiel führt aktuell kaum jemand besser vor Augen als der begnadete Performer aus Bern-Ausserholligen. Voller Schalk rockte er mit seinen bald sur­realen, bald abgründigen Wortklangskulpturen den mehrheitlich grauschöpfigen Landhaus-Saal. Da war er wieder, der Solothurner Moment.

Begnadeter Performer: Michel Fehr. Bild: Tina & Thomas Ulrich (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.05.2017, 09:37 Uhr

Artikel zum Thema

«Nur das Zersprengte wird der Realität gerecht»

Als Kind aus Bulgarien geflüchtet, erzählt Ilija Trojanow in seinem aktuellen Roman «Nach der Flucht» von seinen Erfahrungen. Diese Woche eröffnete er mit einer engagierten Rede die Solothurner Literaturtage. Ein ­Gespräch über das Fremde, Sicherheit und Weltliteratur. Mehr...

Die Gründeridee der Solothurner Literaturtage

Die Solothurner Literaturtage gehen in die 38. Runde. In den späten 1970er-Jahren wurde der Anlass von Autoren für Autoren gegründet. Darauf beruft sich die Organisation immer noch. Wie passt das in die heutige Zeit? Mehr...

Gipfeltreffen der Kultur

Konflikt oder Umarmung: Zum Abschluss der Solothurner Literaturtage diskutierten Bundesrat Alain Berset und Schriftsteller Lukas Bärfuss über Politik und Literatur. Mehr...

Service

Auf die Lesezeichenleiste

Hier lesen Sie unsere Blogs.

Kommentare

Blogs

Foodblog 1000 Scotch Eggs

Gartenblog Griechische Randen

Die Welt in Bildern

Blas mir in die Muschel: Ein australischer Aborigine begrüsst in Sydney einen Einwohner der Torres-Strait-Inseln mit einem Ton aus einer Muschel (28. Juni 2017).
(Bild: David Gray) Mehr...