Der Schweizer Comicpionier

Der Genfer Rodolphe Töpffer hat schon 1827 – lange vor Wilhelm Busch und Walt Disney – die ersten Comics gezeichnet und später gleich noch eine Theorie zur neuen Kunstform geliefert. Seit langem erscheinen nun wieder einige von Töpffers Werken auf Deutsch.

Immer absurder und grotesker:?Comic von Rodolphe Töpffer.

Immer absurder und grotesker:?Comic von Rodolphe Töpffer. Bild: zvg

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Wann ist eine Zeichnung ein ­Comic? Nie. Erst bei mindestens zwei zusammenhängenden Zeichnungen, einer Bilder­sequenz also, spricht man von einem Comic. Sprechblasen sind nicht notwendig, sonst wären auch «Globi» und «Prinz Eisenherz» keine Comics. Betrachtet man die Kunstgeschichte mit dieser Definition, so könnte man schon gewisse Höhlenmalereien als Comics bezeichnen.

Schränkt man das Ganze indes auf Printprodukte ein, so erschien der erste Comic 1833 unter dem Titel «L’Histoire de Monsieur Jabot», und den hat der Genfer Schriftsteller und Pädagoge Rodolphe Töpffer (1799–1846) gezeichnet. Ausgerechnet ein Pädagoge!

Während der Vorbereitung

Töpffer begann schon 1827 Comics zu zeichnen, und zwar während er die Schullektionen vorbereitete, wie Herausgeber Simon Schwartz im Vorwort des neuen Buches «Die Liebesabenteuer des Monsieur Vieux Bois und andere Geschichten» erläutert. Zum Vergleich: Wilhelm Buschs «Max und Moritz» erschien erst 1865, und der erste amerikanische Zeitungscomic, Richard Felton ­Outcaults «The Yellow Kid», sogar erst 1895.

«Literatur in Bildern»

Der Westschweizer Töpffer erfand den Comic also Jahrzehnte vorher, auch wenn er seine Werke nicht Comics nannte, sondern von «Literatur in Bildern» sprach. Der Begriff Comic ist eine Verkürzung des amerikanischen Ausdrucks «Comic Strips» (komische Streifen), wie die Zeitungscomics genannt wurden. Im Grunde ist das eine unglückliche Bezeichnung für die Neunte Kunst, weil mit dieser Ausdrucksform längst auch tragische, dramatische und abenteuerliche Geschichten erzählt ­werden.

Rodolphe Töpffers Comics – sieben Alben hat er insgesamt gezeichnet – sind indes tatsächlich alle humoristisch. Seine Schüler waren begeistert davon, ebenso seine Freunde und Hausgäste, für die er die Originale im Salon auflegte. So bekam auch Goethes Sekretär Johann Peter Eckermann im Jahr 1830 die Comics zu Gesicht. Und der bat Töpffer, eine Auswahl an Goethe nach Weimar zu schicken. So landeten «L’Histoire de Monsieur Cryptogame» und «Le docteur Festus» auf dem Pult des deutschen Dichterfürsten. Und auch wenn sämtliche Deutschlehrer das nun nicht gerne hören: Goethe war begeistert von diesen Comicprototypen.

In einem Brief an den Weimarer Prinzenerzieher Frédéric ­Soret, einen ehemaligen Schul­kameraden Töpffers, schrieb Goethe am 10. Januar 1831: «In den carrikirten Romanen sind bewunderungswürdig die mannigfaltigen Motive, die er aus wenigen Figuren herauszulocken weiss; er beschämt den allertüchtigsten Combinationsverständigen, und es ist ihm zu seinem angebornen, heitern, immer zur Hand bereiten Talente Glück zu wünschen.» Schon Goethe verblüffte also die konsequente Kombination von Zeichnung und Erzähltext. Gut möglich, dass sein Lob Töpffer letztlich dazu ermutigte, seine Comicalben ab 1833 zu veröffentlichen.

Die erste Definition

Interessant ist auch, dass Töpffer sich bewusst war, eine neue Kunstform erfunden zu haben. In seinem «Essai de Physiognomie» schrieb er 1845: «Literatur in Bildern machen heisst nicht, (. . .) ein Sprichwort oder einen Witz zu illustrieren, sondern es bedeutet die vollständige Erfindung eines Vorganges, dessen einzelne Teile in Zeichnungen nebeneinander gestellt werden und in sich ein Ganzes bilden.» Damit hat Töpffer die erste Definition des Comics aufgestellt.

Immer absurder

«Die Liebesabenteuer des Monsieur Vieux Bois und andere Geschichten» enthalten neben der Titelgeschichte aus dem Jahr 1827, dem ersten je gezeichneten Comic, auch «Monsieur Pencil» und «Die Geschichte des Monsieur Cryptogame». In allen drei Erzählungen erlebt jeweils ein bürgerlicher Held lustige Abenteuer, die durch Missgeschicke und Missverständnisse immer absurder und grotesker werden. Auch nach fast 200 Jahren noch eine höchst vergnügliche Lek­türe.

Rodolphe Töpffer: «Die Liebesabenteuer des Monsieur Vieux Bois und andere Geschichten», Avant-Verlag, Berlin, 280 S. (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.03.2016, 14:52 Uhr

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