Wendezeit. Eastern Time

«Der Turm», der grosse Roman über die deutsche Wende vor 25 Jahren, geht weiter: Hier erzählt der Dresdner Schriftsteller, was aus seinen Hauptfiguren nach 1989 geworden ist.

DDR-Bürger klettern am 10. November 1989 über die Berliner Mauer, die mehr als alles andere für das zweigeteilte Deutschland stand. Foto: Mark Power (Magnum Photos)

DDR-Bürger klettern am 10. November 1989 über die Berliner Mauer, die mehr als alles andere für das zweigeteilte Deutschland stand. Foto: Mark Power (Magnum Photos)

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Wenn ich an die Wendezeit denke, die bis heute nicht vergangen ist, denke ich an Christian, meinen wohl besten Freund, Medizinstudent in Leipzig, der in den Dezembertagen 1989 auf dem Weg nach Siebenbürgen in Bukarest in die blutige Revolution geriet, in einer Wohnung von einer Hochzeitsgesellschaft aufgenommen wurde und in der Nacht darauf, während Schüsse fielen und die Universitätsbibliothek brannte, in einem von singenden und tanzenden Flüchtlingen besetzten Kino Bud Spencer als Aladin auf einem Plakat sah.

Ich denke an Fabian, der in jener Zeit Filmvorführer am Kino Babylon in Berlin war und Western über alles liebte. Denn niemand ermisst, was es für einen Jungen bedeutet, das Gesicht Lee van Cleefs zu sehen. Vielleicht nicht einmal der Junge selber. Muriel, seine Schwester, Insassin eines Jugendwerkhofs, Schneiderin im Atelier Lukas im Viertel meiner Kindheit und später an der Laterna magika in Prag. Steffen, genannt Pfannkuchen, Schmied und Artist am Staatszirkus; Judith, die sich von der Schriftstellerin zu einer der Sprecherinnen der Bürgerbewegung und einer ­radikalen Bekämpferin der Staatssicherheit entwickelte; Anne, Christians Mutter, die sich von ihrem Mann Richard trennte und nach Berlin in die Politik ging, um als Volkskammerabgeordnete und Ministerin die neue Zeit mitzu­gestalten.

Wann begann die neue Zeit? Im Totensommer 1989, als eine Marienkäferplage über die Ostseestrände hereinbrach und das Land in Agonie lag, zugleich über Budapest, Prag, Warschau Tausende von Menschen flüchteten? Mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns, dem Amtsantritt Gorbatschows und seiner Verkündigung von Glasnost und Peres­troika? Begann sie mit einzelnen Aktionen wie der Selbstverbrennung des Oskar Brüsewitz, die tief ins Land wirkte? In Leipzig in der Nikolaikirche, am 9. Oktober mit der bis dahin grössten Montagsdemonstration? Am 8. Oktober in Dresden mit der Gründung der Gruppe der 20 und vorher mit den Ausreise­zügen von Prag, den Prügelorgien am Dresdner Hauptbahnhof? Oder in Plauen am 7. Oktober? Die Historiker und die Heldenstädte streiten sich darüber.

Wohin wollte der Westen?

Anne und Judith standen in der Nacht des 9. November am Grenzübergang Bornholmer Strasse und sahen den nach Westberlin drängenden Menschenmassen zu, Judith skeptisch und enttäuscht, Anne euphorisch. Sie tanzte mit einem eleganten Mann, der sie nicht vergessen und ihr wiederbegegnen würde, Wessi aus dem Ruhrgebiet, Mitarbeiter im Wirtschaftsstab des Kanzlers, später bei der Treuhand. Christian und seine Freunde fuhren in einem der vollgepackten Züge nach Berlin, bekamen Begrüssungsgeld, schlenderten über den Kudamm zum KaDeWe, um sich an Obst und Schokolade und Kaffeebohnen und Landkarten zu berauschen. Und dabei zu lernen, dass sie Ossis waren und es vielleicht für immer bleiben würden.

Leipzig, Vierbettenzimmer im Wohnheim an der Nürnberger Strasse, von dem der Putz bröckelte. Gemeinschaftsduschen und getrocknete Spaghetti – Garproben – an den Decken der Gemeinschaftsküchen. Der sogenannte Balkanflur voller Paprikaschnüre und Titobilder. Christian wohnte im Afrikaflur. Eines Nachts spielte er im Präpariersaal der Anatomie für die Leichen eine Cellosuite von Bach. Der Uniriese, das Hochhaus, in dem sich heute der MDR befindet, warf sein Positionslicht in die Leipziger Braunkohleluft. Im Seminargebäude mit dem Spekulatius, der riesigen Marx-Bronze an der Fassade, fanden Saalschlachten und Diskussionen um den Kurs der neuen Zeit statt. Ein revolutionärer Studentenrat wurde gegründet. Kurt Biedenkopf hielt Vorlesungen über Marktwirtschaft und Recht. Kaufte in der Franz-Mehring-Buchhandlung Goethestrasse fuderweise Bücher, um kennen zu lernen, was die Leute hierzulande lasen. Darunter «Wir kochen gut» aus dem Verlag für die Frau. «Wohin gehst du?», fragt Larry (Mario Adorf) Billy (Giuliano Gemma) im Westernklassiker «Amigos». «Ich weiss es nicht!», ruft Billy. Und Larry: «Dahin will ich auch!» Die Mehrheit des ostdeutschen Volks wusste sehr wohl, wohin sie wollte: in den Westen. Aber wohin wollte der Westen?

Fabian ging durch den Prenzlauer Berg. Er trug einen Hut wie Franco Nero als Django, eine Smith & Wesson aus Babelsberger Requisiten und einen Staubmantel wie die überlebensgrossen Gunmen aus den Leone-Filmen, mit Mottenlöchern. Statt der Wanted-Plakate Stullenbüchse und Kaffeeflasche in den Taschen. Die langen schwarzen Locken hatte er mit einer Haarklemme seiner ersten Liebe gebändigt, damit sie nicht in die drehenden Teile der Vorführmaschinen gerieten. Das Babylon hatte im Januar gebrannt, vielleicht hatte der alte Sulke, der die Tillandsien und die Samurais liebte, ein Streichholz an seine Sammlung Nitrofilme gehalten, aus Verzweiflung über die neuen Zeiten, die der Stille und der Langsamkeit nicht mehr zugetan sein würden, oder weil die Philips-Kinoorgel defekt war, oder ein Feuer manchmal eben nötig.

Koffer von Gestapo-Opfern

In der F-er Strasse, in Gagarins schwarz-roter Wohnung, gab es einen freien Radiosender; an den Turntables sass eine Zeit lang Robert Hoffmann, Christians Bruder, der mit Anne zunächst in einem Zimmer in der Ruschestrasse, ehemaliges Stasiledigenwohnheim, dann in der Nachbarschaft von Fabian in einer Wohnung lebte, die aus durchgefaulten Dielen, kaputten Fenstern, Klo halbe Treppe (eine Handgranate, gefunden in den Labyrinthen unter Berlin, baumelte an einer Schnur von der Decke) und übereinandergepressten Müllschichten bestand. Der Sender, Frequenz Meo genannt nach einem Stamm unzähmbarer Bergurwaldbewohner, spielte Feeling B, Herbst in Peking, Sandow, Silly, Rosa Extra, Die Firma; das Ausbildungsradio M94/5, das FM4 von Ostberlin.

Christian zog zu einem Kürschner an den Brühl. Der Kürschner schwang das Tanzbein, erklärte Christian die Rauchwaren, war den Frauen noch mit über achtzig zugetan («Sie saugen mich aus, aber ich lächle!») und öffnete eines Nachts seine Dachbodenkammer, die voller unausgepackter Koffer der Leipziger Firma Mädler stand: «Von denen, die der Gestapo nicht entkommen sind.»

Hotel Astoria in Leipzig. Die Mitglieder des Zentralkomitees der Einheitspartei verhielten sich höflich und zuvorkommend. Sagte Babsi, Christians Kommilitonin, die im Astoria gutes Geld verdiente. Die Conquistadoren, die über Leipzig hereinbrachen und im noblen sogenannten Protokollhotel, das kaum ein ostdeutscher Sterblicher vor 1989 von innen sah, Station machten, bestellten sich Babsi zum Frühstück. Sie schloss für Christian und seine Freundin Reina ein Zimmer voller Pelze auf (es war die Woche der berühmten Leipziger Pelzauktionen); denn Reina liebte nicht nur Christian, sondern auch die Pelze. Einen der ruinierten Zobel, das Stück für 1000 D-Mark, nahm sie mit.

Anne zog für die Bürgerrechtler in den Wahlkampf. Renovierte die Wohnung. Sass im Bürgerbüro und kümmerte sich um die Waschkörbe voller Briefe und die Anliegen der Besucher. Hob mit Judith Stasilager aus. Gründete eine Zeitung. Der elegante Mann, inzwischen in Ostberlin, begegnete ihr wieder. Er arbeitete für die Allianz, das christlich-konservative Bündnis. Anne und er stritten sich. Seine Meinungen waren nicht alle schnell gefasst oder unbegründet. Die Klischees über Ostdeutschland und die Ossis legte er ab, als er beides näher kennen lernte. Er hatte Lebensart und die Welt gesehen. Er interessierte sich für Systeme. Verwaltung und Verwaltungsorganisation, politische Ordnungen, Wirtschafts- und Ideengeschichte. Er hatte dazu Hennis in Freiburg gehört, ein bundesweit angesehenes Kolleg. Nun galt es, aus einem Staatskörper ein altes System herauszureissen wie ein Nervengeflecht und ein neues einzupflanzen.

Und nicht nur das, auch neue Blutgefässe, eine neue Leber; er sprach von den Trinkgewohnheiten so mancher sowjetischer Politiker, die ihm begegnet waren. Anne faszinierte ihn. Eine der starken, freien, ihr Leben in die eigenen Hände nehmenden ostdeutschen Frauen, die Politik machten und für ihre Vorstellungen, für ihre Ideale kämpften. Starke Frauen, die auch noch geliebt werden wollen, spottete Anne. Ihren Tanz in der Nacht des Mauerfalls konnte er nicht vergessen. Sie war von ihm angezogen, denn intensive Auseinandersetzung hat auch etwas Verbindendes.

Der D-Mark an den Hals geworfen

Judith träumte von einem wahrhaften Sozialismus, von einer menschlichen Gesellschaft, die das befreite ostdeutsche Volk nun aufbauen könne. Aber die Mehrheit des Volks dachte anders. Die Bürgerrechtler, Vorreiter der Revolution, wurden am 18. März 90, dem Wahltag, an den Rand der Ereignisse gespült. Judith war von ihrem Volk enttäuscht, es hatte sich dem Kanzler und der D-Mark an den Hals geworfen, hatte die Banane gewählt. Es ging nicht um Bananen, antwortete das Volk, es ging um die Wurst. Die neue Volkskammer zog in den Palast der Republik. Sie bestand aus Pfarrern, Arbeitern, Ingenieuren, Rechtsanwälten, Bauern, Hausfrauen, Lehrern, Studenten, Ärzten, Angestellten, einem Querschnitt der Bevölkerung. Es herrschte Basisdemokratie, der Sinn von Geschäftsordnungen und Fraktionsführung leuchtete bald ein.

Die Angehörigen der ersten frei gewählten Volkskammer standen um fünf oder sechs Uhr morgens auf und kippten gegen ein oder zwei Uhr nachts in ihre Betten. Anne, gelernte Krankenschwester, wurde Ministerin nach einem Anruf vom Ministerpräsidenten, eine halbe Stunde bitte Bedenkzeit. Der Ministerpräsident wirkte neben dem Kanzler schmal und intellektuell; er war ein Mann, den Bonn nicht lange unterschätzte. Hin und wieder holte er seine Bratsche aus dem Koffer und spielte fürs Haus. Die Zuhörer dachten dann, er sei verrückt geworden. Seine Minister, und nicht nur sie, hatten anfangs keine Büros. Sie hatten, woher auch, keine Ahnung von den westlichen Gepflogenheiten der Politik. Von der Tücke der Verwaltung und der juristischen Absicherung politischer Entscheidungen. Was sie hatten, waren fähige und findige Mitarbeiter aus Ost und West. Sie hatten zu improvisieren gelernt. Es gab kaum Computer, und wenn, kaum jemand, der sie bedienen konnte. Telefonanschlüsse waren eine Katastrophe oder schlicht nicht vorhanden.

Muriel war in Prag. Dorthin war sie mit Fabian und Alexandra, der Tochter des SED-Bezirkssekretärs Barsano, im Sommer 1989 geflüchtet, ins Palais Lobkowicz. Kurz vor der Öffnung der Botschaft am 30. September hatte sie einen ihrer Wärter aus dem Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau entdeckt, konnte den Aufenthalt nicht mehr ertragen und verliess, dem Angebot eines Anwalts folgend, mit ihrem Bruder Fabian die Botschaft. Aber sie kehrte nach Prag zurück. Die Prager Bürgerrechtler hatten ihr Quartier an der Laterna magika, dem berühmten Prager Avantgardetheater, aufgeschlagen. Muriel vermittelte Kontakte zur bundesdeutschen Botschaft, schneiderte für das Theater, wohnte in Smíchov bei Freunden in der Wassergasse, Nähe Staropramenbrauerei. Es hiess, ein weisser Wal lebe im Staropramenbier. Wassermänner sowieso; abends tauchten sie durch die Moldau ins Rudolfinum, um dort Smetanas Geister zu treffen. Das war noch bevor die Amerikaner in Prag einrückten, um es zu einem zweiten Montmartre zu machen, und bevor VW-Manager, die Clausewitz’ «Vom Kriege» lasen, Joint Ven­tures mit Škoda vereinbarten. Lenka Reinerová lebte noch, Doyenne der Prager deutschsprachigen Literatur. Muriel hörte abends den hitzigen Diskussionen der Philosophen um Václav Havel und Jiří Dienstbier zu, Philosophen, die als Gabelstaplerfahrer gearbeitet hatten oder, wie der Dichter Bohumil Hrabal, als Altpapierpacker. Sie wollte zum Zirkus, wusste, über Christian, von Pfannkuchen. Im späten Frühling 1990 ging sie zu ihm, als der Staatszirkus eine Tournee durch die zerfallende Sowjetunion antrat, auf der er stecken bleiben würde, irgendwo in Russland, wo ein Chapiteau und Wohnwagen noch etwas bedeuteten, aber nichts mehr wert waren.

Die grösste Holding der Welt

Die Treuhand begann ihre Arbeit. Das frühere Luftfahrtministerium an der Leipziger Strasse wurde zum Staat im Staat und für viele Ostdeutsche zum Inbegriff des Bösen. Die grösste Holding der Welt entstand, ihre Protagonisten hatten Carte blanche und die Versicherung, für nichts haftbar gemacht werden zu können. Niemand wusste, wie man eine Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft überführt. Glücksritter kamen – wie im Jahr Eins Rohr die Conquistadoren ins Aztekenreich. Sie kauften für einen Pappenstiel Betriebe, verscherbelten teuer die Immobilien, die den Betrieben gehörten, und kümmerten sich einen Dreck um die Belegschaft und ihre Lebensleistungen. Es kamen auch ehrbare Kaufleute und Unternehmer, das gehört zur Wahrheit über die Treuhand. Sie hatte drei Probleme: Altlasten, Weltmarktentwicklungen und Stolz. Der Sozialismus war eine Reparaturwerkstatt gewesen. Wer aber brauchte sie noch, die Genies der Reparatur? Man brauchte Werkbänke, vor allem die verlängerten. Mit Bundesbürgschaften stiess sich manches faule Unternehmen aus dem Westen gesund. Die faulen Unternehmen des Ostens verschwanden. Die, die nicht faul waren, verschwanden oft auch. Auch der Westen hatte Interessen.

Die ehrbaren Unternehmer legten sich ins Zeug für Dinge und Ideen, die ihnen am Herzen lagen. Sie bürgten mit ihrem Vermögen und waren eben nicht nur böse Kapitalisten, das wurde im Osten nicht immer verstanden. Der Idealismus des Westens oft auch nicht. Anwälte hielten kostenlos Seminare für ihre ostdeutschen Kollegen. Pensionierte Richter gingen nach Leipzig und Dresden, um das Justizwesen aufbauen zu helfen. Nicht alle bekamen Buschzulage. Der gnadenloseste Raubtierkapitalismus wurde nicht selten von gewendeten Parteisekretären betrieben, die ihren Primitivmarxismus noch selber glaubten. Christian sagte: Es gab Geschenke, liebe Landsleute; schon vergessen? Geld, Sachwerte, Know-how … Wir sollten dankbar sein, auch dafür, dass das alles gewaltlos abging. Freilich, sagte Fabian, die meisten Wessis sind nett; aber ihnen gehören die Häuser.

Die Golden Gang um Biedenkopf übernachtete anfangs in der Sauna des Dresdner Hilton-Hotels. Auch mancher Wessi wurde übervorteilt, und über Stasi- und SED-Vermögen wird allzu selten nachgedacht. Wenn diese beiden so volksverbunden gewesen wären, wie sie immer behaupteten zu sein, hätten sie doch ihr aus dem Volk gepresstes Vermögen gerne unter diesem verteilen dürfen. Von diesem Solibeitrag hört man wenig. Den anderen zahlen alle Landesteile.

Im Sommer des Jahres 1991 reisten Christian und Muriel, Pfannkuchen und einige übriggebliebene Zirkuswagen auf Nebengleisen durch Deutschland. Die neue Währung war ein Jahr alt. Das erste Mal Paris, das erste Mal arbeitslos, das hatten viele Ostdeutsche inzwischen kennen gelernt. Christian sass auf dem Wagendach und roch den Duft des Heus, sah den ziehenden Wolken zu und war frei wie noch nie in seinem Leben. Er sah den Rhein, er sah die Elbe in Hamburg, den Hafen, von dem er seit Kinderzeiten geträumt hatte. Die Schiffe und die Segel hatte er immer schon geliebt. Er beschloss, Schiffsarzt zu werden.

Am 11. September 2001 stand er im Münchner Hauptbahnhof und sah auf einem Grossbildschirm die beiden in die Türme des World Trade Center rasenden Flugzeuge; die Menschen um ihn schwiegen, vor Entsetzen gelähmt. Seine Frau hatte an diesem Tag Geburtstag; sie hielt Blumen in der Hand; sie hatten einen Ausflug gemacht; sie bewohnten, mit einer schwarzen Katze, ein 24-Quadratmeter-Zimmer im Wohnheim Pettenkoferstrasse, direkt an den Unikliniken.

Neobabylonisches Berlin

An einem Junitag des Jahres 2013, dem Tag des Attentats von Sarajevo, ging Fabian, Filmvorführer, Rechtsanwalt, Chronist, den Jahrhundertweg, wie er ihn nannte. Er führte vom Finanzministerium in der Leipziger Strasse, früher Treuhand und Luftfahrtministerium, an der Vossstrasse mit den Resten der Reichskanzlei vorbei über die Wilhelmstrasse, Zentralort deutscher Geschichte, querte Unter den Linden; das Brandenburger Tor war zu sehen. Fabian ging durch die Luisenstrasse und die Charité in Richtung Hauptbahnhof. Er erinnerte sich an die Zeit, als der Prenzlauer Berg zum grössten Sanierungsgebiet Europas wurde, die Zeit der Hausbesetzungen, der Techno-Acts, der Gentrifizierung des Viertels, das ein Arbeiter- und Bohemebezirk gewesen war. Er dachte an Judith, die ihre Feinde unnachsichtig verfolgt hatte, ein weiblicher Robespierre. Sie hatte überall nur noch Verschwörungen und den langen Arm der Staatssicherheit am Werk gesehen.

Die Zeit war weitergegangen, und Judith nach Sarajevo, für eine Hilfsorganisation. Es war noch früh am Morgen. Berlin erwachte anders als seine Heimatstadt Dresden, das sich aus geruhsamem Schlaf zu strecken schien; Berlin erwachte aus flacher Betäubung, die vor Sonnenaufgang ihre Zeit hatte. Der Verkehr nahm zu. Hupen, Türenknallen, Sirenen, Flüche. Bissige Bemerkungen wie Wurfsterne gezückt und dem Gegenüber ins Gesicht geschmissen. Berlin war eine verlotterte Grosskatze, die aus der Deckung auf Beute sprang. Fabian sah auf die Brachen und versuchte sich zu erinnern, wo die Mauer gestanden und die Stadt geteilt hatte; wer von den Schülern, die in Richtung Kanzleramt unterwegs waren und ihre Smartphones checkten, konnte sich das noch vorstellen? Berlin; eine unsichere, kaffeebedürftige neobabylonische Stadt, die längst in die Zukunft unterwegs war und ihr scharfes Licht grüsste.

Zur gleichen Zeit fuhr Christian irgendwo zwischen Algeciras und Kapstadt auf dem Dreimastbramsegelschoner eines befreundeten Hamburger Architekten, dachte über die einfachen Dinge des Lebens nach, die die entscheidenden waren, als er, hoch über den Atlantikwellen zwischen Ober- und Untermarsraa klemmend, eine SMS von Anne, seiner Mutter, bekam.

Lieber Christian! Ich, ein Mädchen aus Bad Schandau bei Dresden, schwimme im Pool des Marina-Bay- Sands-Hotels und blicke über die Brüstung auf das in 200 Meter Tiefe unter mir wimmelnde Singapur. Manchmal kann ich nicht fassen, was uns passiert ist. Dass wir das geschafft haben. Dass das gelingen konnte. Was für ein verrücktes und grossartiges Leben wir haben! PS: Danke für die «Amigos»-DVD, haben sie uns gestern angesehen, die Musik von Morricone ist wirklich genial ;-) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2014, 18:48 Uhr

«Der Turm» und die Fortsetzung

Uwe Tellkamp, 1968 geboren, hat mit dem 1000-Seiten-Roman «Der Turm» das wohl eindrucksvollste Stück Literatur über das Ende der DDR geschrieben. 2008 erschienen und mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, spielt das Buch im Dresdner Villenviertel Weisser Hirsch, wo sich die Hauptfiguren eine Nische der Kultur geschaffen haben. Im Mittelpunkt steht der junge Christian, der Medizin studieren will und deshalb einen längeren Militärdienst absolvieren muss, sein Vater Richard, ein Arzt, sein Onkel Meno, der als Lektor arbeitet, und seine Mutter Anne, die an den Demonstrationen in der Spätphase der DDR teilnimmt. Derzeit arbeitet Uwe Tellkamp an einer Fortsetzung, die «Lava» heissen soll. Unser Text erzählt, was aus den Protagonisten nach der Wende geworden ist. Es ist auch eine Reflexion über die rasanten Veränderungen – der Menschen und der Verhältnisse. Deutschland feiert in diesem Herbst 25 Jahre Wende; heute ist der Tag der Wiedervereinigung. (ebl)

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