Was geschah in Bolechow? Spurensuche eines Spätgeborenen
Die Lesung
Der Autor stellt sein Buch am Donnerstag, 16. September, in Zürich vor, im Kulturhaus Helferei, Kirchgasse 13, um 19.30 Uhr. Moderiert wird der Anlass vom Übersetzer Rafael Newman, es liest in deutscher Sprache die Schauspielerin Giulietta Odermatt.
Das Buch
Daniel Mendelsohn: Die Verlorenen. Eine Suche nach sechs von sechs Millionen. Übersetzt von Eike Schönfeld, Fotografien von Matt Mendelsohn, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 633 Seiten, ca. 38 Fr.
Oft, wenn er als Bub ins Zimmer kam, schossen den Älteren seiner Angehörigen die Tränen in die Augen, so sehr erinnerte sie der kleine Daniel an Shmiel Jäger. Shmiel, das war der Bruder von Daniels Grossvater, und er ist «von den Nazis umgebracht worden», wie die Familie immer nur sagte. Wie seine Frau Ester und die vier Töchter Lorka, Frydka, Ruchele und Bronia, die Jüngste. Sie sind die sechs «Verlorenen», die Daniel Mendelsohns Buch den Titel geben.
Der Grossvater in Miami war voller Geschichten über die Familie. Den Enkel nahmen sie so gefangen, dass er anfing, seiner Familie nachzuforschen. Als Halbwüchsiger galt er bereits als «Familienhistoriker». Mendelsohn wurde schliesslich klassischer Philologe und ein bekannter Publizist. Sein Buch war vor vier Jahren ein Bestseller in den USA, nun ist es ins Deutsche übersetzt worden.
Verzweifelte Briefe
Daniel Mendelsohn, 1960 geboren, wuchs in New York auf. Wie beim grössten Teil der amerikanischen Juden liegen auch seine Wurzeln in Osteuropa – in Bolechow, einem Schtetl im damaligen Galizien. Daniels Grossvater kam jung nach Amerika, sein Bruder Shmiel war schon als 19-Jähriger 1913 in die USA ausgewandert. Doch dann beging er den Fehler, nach Bolechow zurückzukehren, weil er sich dort zu Hause fühlte.
Shmiel wurde ein wohlhabender Metzger und glücklicher Familienvater – bis die Nazis kamen. Die letzten Zeugnisse von Shmiel waren herzzerreissende, verzweifelte Briefe, die er nach Amerika schrieb, als zuerst die Sowjets und 1941 die Deutschen Bolechow besetzten und er die Verwandten anflehte, ihnen herauszuhelfen. Warum das nicht gelang, liess sich nicht herausfinden, weil die Antwortbriefe aus Amerika verloren sind. Und aus der Mendelsohn-Familie wusste auch keiner eine Antwort. Es liess ihm keine Ruhe. Daniel Mendelsohn wollte nun erst recht herausfinden, was geschehen war. Er musste Menschen aus Bolechow finden, die noch dort lebten, er musste Verbindung aufnehmen mit anderen Bolechower Juden und mit Angehörigen, die überlebt hatten oder rechtzeitig emigriert waren.
Spurensuche auf der ganzen Welt
So machte sich Mendelsohn 2002 auf zu seiner ersten Reise nach Bolechow, das heute in der Ukraine liegt. Ihr sollten viele weitere folgen, nach Israel, nach Prag, nach Riga, nach Sydney, nach Kopenhagen, nach Stockholm.
Die historischen Fakten waren die: Es gab in Bolechow drei «Aktionen», 1941, 1942, 1943, bei denen so gut wie alle der 5000 Juden umgebracht wurden, meist neben den Massengräbern erschossen. Wer noch nicht eingefangen worden war, endete in den Gaskammern von Belzec. Einige wenige überlebten, versteckt unter unmenschlichen Bedingungen. Aber: «Wenn man keine unglaubliche Geschichte hatte, hat man nicht überlebt», sagte Mrs. Begley in New York.
Denn es gab immer einen, der half, oder einen, der verriet. Mrs. Begley, die Mutter des grossen Autors Louis Begley («Lügen in Zeiten des Kriegs»), stammte aus Stryj, dem Nachbarort von Bolechow, wohin man in die höhere Schule fuhr. Mrs. Begley, die heute nicht mehr lebt, war eine von jenen, mit denen Daniel Mendelsohn immer wieder gesprochen hat.
Was Mendelsohn auf über 600 Seiten beschreibt, ist seine Recherche bis ins kleinste Detail. Immer bleibt er bei der Schilderung, auch der schlimmsten «Geschehnisse», wie er das nennt. Er zeichnet die Begegnungen und Gespräche mit denen auf, die ihm noch etwas berichten konnten darüber, wie es war in Bolechow, als die Deutschen dort wüteten – allzu oft mithilfe der Ukrainer, mit denen man jahrzehntelang in nächster Nachbarschaft gelebt hattte.
Wahrheit und Erinnerung
Nach und nach macht Mendelsohn den Unterschied erkennbar zwischen Wahrheit und Erinnerung. Er bekommt nicht nur eine Version erzählt. Das hat nicht nur mit dem Gedächtnis zu tun, sondern ist auch eine Frage des Erinnern-Wollens oder Erinnern-Könnens.
Mendelsohn wollte nicht nur in Erfahrung bringen, wie Shmiel, Ester und ihre Töchter gestorben sind, sondern wie sie gelebt haben, wer sie waren, wie sie waren. Letzte Klarheit über jedes ihrer Schicksale hat er am Ende nicht: Aber er hat jenen Baum gezeigt bekommen, an dem Shmiel und seine Tochter Frydka erschossen wurden, nachdem man ihr Versteck gefunden hatte. Von Lorka weiss er nur, dass sie zu den Partisanen ging und ebenfalls erschossen wurde. Er hat herausgefunden, dass die 16-jährige Ruchele als Erste der Familie bei der ersten «Aktion» 1941 erschossen wurde und vorher noch die barbarischsten Misshandlungen erleben musste, und dass die kleine Bronia und die Mutter bei der zweiten «Aktion» starben.
Unvorstellbare Grausamkeiten
Der Autor erinnert an das, was manchmal vergessen geht: dass nicht alle Juden in Auschwitz und in Bergen-Belsen umgebracht wurden, sondern drei Millionen von ihnen in Ostpolen und in der Sowjetunion von SS-Einsatzgruppen, von der Wehrmacht und der Gestapo erschossen oder in die Vernichtungslager Sobibor, Treblinka, Belzec, Chelmno deportiert wurden, die nur Vereinzelte überlebt haben (weswegen es bei einem Prozess wie jenem gegen John Demjanjuk auch nur einen einzigen Zeugen gibt).
Mendelsohn bekommt unvorstellbare Grausamkeiten erzählt, die die Deutschen mit Freude begingen, ehe sie die Opfer umbrachten. Die Schilderungen verlangen dem Leser einiges ab.
Mendelsohn hat seinen eigenen Weg gefunden, den Holocaust zu vergegenwärtigen, indem er sechs Menschen ein Gesicht, Vorlieben, Charakterzüge, ein Leben, ein Schicksal gibt. Wir kennen die Zeugnisse Überlebender, die berichten, was ihnen widerfahren ist. Aber wir kennen nicht diese Art der «Rekonstruktion» von Opfern. Wiederholt wendet sich Mendelsohn gegen künstlerische Darstellungen des Holocaust und erst recht gegen Pseudo-Authentizität, etwa indem man im Holocaust-Memorial von Washington einen Eisenbahnwaggon hinstellt, den man betreten kann. So wie sich Mendelsohn des Themas angenommen hat, hat er jedes Recht, solche Versuche abzuweisen. Ihm ist ein grosses und wahrhaftiges Werk gelungen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.09.2010, 19:58 Uhr

















