Kultur

Was Salinger mit Hemingway im Krieg tat

Vom kürzlich verstorbenen Kultautoren J. D. Salinger wusste man praktisch nichts. Er hatte sich komplett zurückgezogen. Nun sind erhellende Briefe Salingers an einen alten Armeekumpanen aufgetaucht.

1/9 J. D. Salinger 1951, dem Erscheinungsjahr von «Der Fänger im Roggen». Von dem Autoren existieren nur wenige Bilder.
Bild: Keystone

   

Jerome David Salinger, der Autor des Kultromans «Der Fänger im Roggen», hatte sich die letzten Jahrzehnte vollkommen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und seit 1965 keine literarischen Werke mehr publiziert. Trotz seiner Zurückgezogenheit galt Salinger als einer der einflussreichsten US-Schriftsteller im 20. Jahrhundert. Er starb vor zwei Monaten.

Nun geben bisher unbekannte Briefe an einen alten Armeefreund spektakuläre Einblicke in das Privatleben des rätselhaften US-Literaten. Insgesamt neun Briefe hat Salinger an einen gewissen Werner Kleeman geschrieben, wie «Spiegel Online» berichtet. «Wir wurden gemeinsam erwachsen, notgedrungen», so Kleeman zum Reporter des deutschen Nachrichtenmagazins: «Wir waren Freunde. Ich kannte Jerry, wie ihn viele nicht kannten.»

Salinger war beim Militärgeheimdienst

Die Briefe stammen aus dem Zeitraum zwischen 1945 und 1969. Salingers Stil sei sofort erkennbar: trockener Witz, elegante Syntax, klarer Rhythmus. Anders als in den bisher aufgetauchten Briefen, die meist Künstlern, Redakteuren oder Geliebten galten, enthüllten die Kleeman-Briefe eine weitgehend verborgene Seite Salingers - die des Kriegsveteranen, wie sie nur ein anderer Kriegsveteran verstehen könne.

Laut «Spiegel Online» lernten sich Salinger und Kleeman im März 1944 im südenglischen Devonshire kennen, wo sich die Alliierten auf die Invasion vorbereiteten. Sie waren in derselben Einheit stationiert. Kleeman war Dolmetscher, Salinger Mitglied des US-Militärgeheimdienstes. Die beiden Soldaten überquerten gemeinsam den Ärmelkanal. Es sei eine gespenstische Fahrt ins Ungewisse, so Kleeman. Über die Landung in der Normandie, am Strandabschnitt Utah Beach, äussert er sich jedoch kaum, und auch Salinger spart in seinen Briefen diese Extremerfahrung aus.

Das Treffen mit Hemingway

Gemäss Kleeman stiess auch Ernest Hemingway, der als Kriegskorrespondent unterwegs war, vorübergehend zu ihnen. In einem Haus mit Notstrom habe Hemingway dann auf dem Sofa gelegen. Drei Stunden lang hätten sie Champagner aus Plastikbechern getrunken und sich seine abenteuerlichen Storys angehört. Salinger habe den Älteren wie ein Idol vergöttert.

Zweimal besuchte Kleeman Salinger in seinem Haus, 1958 und 1983: «Wir sassen stundenlang auf dem Balkon und plauderten.» Salinger habe allem gegenteiligen Gerede zum Trotz «sehr glücklich» gewirkt. Weiter bestätigte Kleeman dem «Spiegel»-Mann ein Gerücht, das seit langem kursiert: «Salinger zeigte mir das Zimmer, in dem er seine ganzen Manuskripte aufbewahrte.» Tatsächlich gab es nach dem Tod des Autoren Vermutungen, denen zufolge bis zu 15 unveröffentlichte Romane existieren - etwas, das Salingers Erben bis heute nicht bestätigen wollen.

Erstellt: 17.03.2010, 17:12 Uhr

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