Kultur

Von einer Prinzessin, die träumt, und einem Ritter, der kneift

«Luft und Liebe»: Anne Weber hat einen ironischen, heiteren, durchtriebenen Liebesroman geschrieben.

Lakonisch und unerbittlich, gnadenlos, aber nicht zynisch: Anne Weber ist ihr bislang bester Roman gelungen.

Lakonisch und unerbittlich, gnadenlos, aber nicht zynisch: Anne Weber ist ihr bislang bester Roman gelungen.
Bild: Keystone

Anne Weber: Luft und Liebe. Roman. S.-Fischer-Verlag, 189 S., ca. 32 Fr.

Anne Weber: Luft und Liebe. Roman. S.-Fischer-Verlag, 189 S., ca. 32 Fr.

Wie soll ich erzählen, in der dritten oder in der ersten Person? Das fragt sich jeder Autor von erfundenen Geschichten. Die Antwort fällt hier intuitiv, dort nach reiflicher Überlegung aus. Anne Weber, 1964 geboren, Autorin der vielfach ausgezeichneten Prosawerke «Zerberus» (2004) und «Gold im Mund» (2005), hat einen neuen, kühnen Weg gefunden.

Sie erfindet eine Autorin und lässt diese an ihren Fähigkeiten zweifelnde Ich-Figur erzählen, wie sie an einem Roman mit dem Titel «Armer Ritter» scheitert. Sie wirft ihn gar in den Müll. Und räsoniert unentwegt über das Verhältnis von Realität und Fiktion und dergleichen mehr. Umso begieriger sind wir, die das Verworfene eher anstachelt als das Geglückte, die wahre Geschichte zu erfahren.

Die Autorin erzählt von der Lust und Last beim Schreiben eines Liebesromans. Es geht in «Luft und Liebe», beileibe nicht zum ersten Mal in der Literatur, um einen Roman im Roman. Das klingt nicht sexy. Aber bei einer durchtriebenen Autorin wie Anne Weber ist eine solche Konstruktion die passende Voraussetzung für eine Ironie der ureigenen Art. Ironisch waren die Romantiker, und eine gnadenlose Romantikerin ist Anne Weber auch, allerdings eine Romantikerin ohne sentimentale Ader.

Märchenhaft und fies

Munter draufloserzählen will die Ich-Erzählerin des Romans. Doch bei diesem Vorhaben lässt die Autorin sie gottlob im Stich. Denn das Zeug zu einer naiven, «munteren» Erzählerin hat Anne Weber – eine versierte, sehr leidenschaftlich zu Werke gehende, das 19. Jahrhundert (Balzac!) spürbar liebende Autorin – keineswegs. Ihre Erzählkunst ist sowohl dem Illusionären und Märchenhaften als auch einem fiesen aktuellen Zeitgeist verpflichtet, dem bürgerlichen Realismus wie der Postmoderne, die mit einer eigenen Variante zu bedienen die Autorin einst im ersten Buch angetreten war.

Dass es gleichwohl nicht altbacken, sondern überaus turbulent, bei allem Schmerz sogar heiter, bisweilen sogar spritzig in diesem Roman zugeht, trägt zu seinem gehobenen Unterhaltungswert bei. Die Autorin wirbelt Erzählperspektiven und Lesererwartungen ganz gehörig durcheinander. Es geht um Liebeswerben, Liebeslust, Liebesschmerz, Liebesverlust, Liebesverzweiflung, Liebesverrat, um Eifersucht, Rache und Hass: Hass auf einen Mann, der am Ende nur kneift.

Trügerische Idylle

Eine zurückgezogen in Paris lebende Schriftstellerin, «Prinzessin» genannt, verliebt sich in einen adligen, körperlich nicht unbedingt attraktiven Herrn (der Bauch!), der allerdings ein Märchenschloss in der Provinz sein Eigen nennt. Wunderbar, wie die Erzählerin das Ambiente, eine trügerische Idylle, von Zimmer zu Zimmer, von Möbelstück zu Möbelstück ausleuchtet.

Der «Ritter» wird bei ihren Eltern vorstellig, die Hochzeit ist nur noch eine Frage des Termins; man wünscht sich ein Kind, was allerdings leichter gesagt ist als getan, der Kinderwunsch ist ohne reproduktionsmedizinische Unterstützung nicht zu befriedigen. Die delikaten und nicht immer appetitlichen Anstrengungen werden en détail geschildert. Aber nichts wird draus. Es kommt vielmehr zu einem Betrug, einem Drama, einem Desaster. Das Erwachen am Ende ist böse, sehr böse, der Aristokrat ist ein, pardon, wirkliches Arschloch.

Auf der Shortlist für Leipzig

Eine an sich triviale Geschichte. Aber wie Anne Weber sie erzählt, lakonisch und unerbittlich, gnadenlos, aber nicht zynisch: Das ist meisterhaft. «Luft und Liebe» ist ihr bislang bester Roman. Zu Recht wurde er von der Jury des Leipziger Buchpreises auf die Shortlist gesetzt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2010, 04:00 Uhr

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