Sätze so kunstvoll wie Sushi
Amélie Nothomb, 42. (Bild: zvg)
Rinri, 20, Spross einer Tokioter Juweliersfamilie, ist ein Traummann: sanft und doch zielstrebig, humorvoll, aber im richtigen Moment von heiligem Ernst. Ausserdem besitzt er den hübschesten Nacken der Welt sowie – typisch japanisch – für alles die passende Ausrüstung. Besucht er zum Beispiel seine belgische Französischlehrerin, um für sie zu kochen, kann er den Koffer mit dem All-inclusive-Set «Schweizer Fondue» nur aufklappen und – voilà. Als Amélie dann plötzlich ihre Hände ins Caquelon taucht («um zu sehen, was passiert»), registriert Rinri dies diskret als belgische Sitte. Und als sich der gummiartige japanische Fonduekäse weder mit Wasser und Seife noch mit dem Küchenmesser von ihren Händen entfernen lässt, rettet Rinri Amélie zum ersten Mal. Er kniet vor ihr nieder («Darf ich?») und beginnt ihre Finger zart knabbernd zu säubern.
Bergsteigen und staunen
Ob tatsächlich so die Liebe begann, die Amélie Nothomb erlebte, als sie mit 21 nach Japan zurückkehrte, wird die entzückte Leserschaft nie erfahren. Denndie Ideen dieser belgischen Schriftstellerin sind so unfassbar wie ein Feuerwerk über dem Fujiyama. Knallig und doch poetisch, wie sie ihre Kindheit als Diplomatentochter in Kobe («Die Metaphysik der Röhren») und ihre Abwärtskarriere im Grosskonzern Yumimoto («Mit Staunen und Zittern») beschrieben hat, erzählt sie auch von ihrer Zeit mit Rinri. Mit ihm entdeckt sie Japans schönste Geheimnisse.
Wenn Amélie beim Bergsteigen die verschneiten Bambuswälder als «starrende Haarpracht von sehr jungen Mädchen» erkennt, «die vor der Zeit mit einer heiligen Mission betraut wurden», schwingt das Glück mit – und die Fähigkeit der Autorin, die Welt sehend und schreibend zu verzaubern. Jedes ihrer Bücher stürmt in Frankreich die Hitparade und erreicht weltweit Millionenauflagen. Doch nicht jedes ist so gut wie «Der japanische Verlobte».
Als Stoff das eigene Leben
Amélie Nothomb ist die Meisterin der kleinen Form. Die Konzentration auf ein einziges Motiv erweist sich als notwendig, um ihre überbordende Fabulierlust lesbar zu machen. Das letzte Buch, «Biographie des Hungers», umriss mit grosser Geste ihr inzwischen doch 42-jähriges Leben und besass nicht den Brillantschliff ihrer früheren literarischen Schmuckstücke. Dem vorletzten, gesellschaftskritischen Buch «Reality Show» ging zudem das persönliche Engagement ab – es klang wie eine Fingerübung der Virtuosin.
Nothombs Triebfeder scheint vielmehr das Autobiografische zu sein, ähnlich wie bei Marguerite Duras, die ihre Jugend in Indochina zum Thema ihres Lebenswerks stilisierte – und dabei selbst immer unschärfer wurde. Wer Amélie Nothomb ist, weiss man nach der Lektüre des neuen Romans auch nicht besser. Aber das macht nichts, denn in Sätzen, so kunstvoll arrangiert wie Sushi, offeriert sie die bestmögliche Version ihrer selbst.
Amélie Nothomb: Der japanische Geliebte. Diogenes, 162 Seiten. (Berner Zeitung)
Erstellt: 25.02.2010, 08:41 Uhr

















