«Plötzlich merke ich, wie faul Journalisten sind»
Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 25.06.2010 1 Kommentar
«Jackson liess seine Fans mit Pizzas versorgen»: Hanspeter Künzler. (Bild: pd)
Bücher
Hanspeter Künzlers Jackson-Biografie «Black or White» erschien im Hannibal Verlag und wurde bislang rund 50'000 mal verkauft. In diesen Tagen bringt derselbe Verlag sein nächstes Jackson-Buch, «Der Thriller um Michael Jackson», heraus.
Artikel zum Thema
Stichworte
Der Tod von Michael Jackson vor einem Jahr war für Sie beruflich ein Glücksfall; Ihre Michael-Jackson-Biografie wurde zum Bestseller, Sie zum gefragten Experten. Wie lebt man damit, wenn man unverhofft zum Nutzniesser eines Todesfalls wird?
Das Buch hatte ich geschrieben, weil ich Michael Jackson eine äusserst spannende Person finde, das änderte sich mit dem Tod ja nicht. Richtige spannend für mich war, als nach dem tragischen Unfall und der Buchveröffentlichung sich viele Fans bei mir meldeten. Da begann ich erst zu begreifen, was für ein inniges Verhältnis Jackson zu seinen Fans hatte, nicht vergleichbar mit anderen Künstlern wie Mick Jagger oder so. Für die Medien blieb Jackson unnahbar, für die Fans nicht. Das war wie eine neue Entdeckung, deshalb habe ich auch das neue Buch geschrieben.
Was war denn daran so speziell?
Jackson baute zu den Fans eine Beziehung auf. Er liess sie via Fax wissen, wo er jeweils untergebracht war, liess die Fans vor dem Hotel mit Pizzas versorgen, kommunizierte mit ihnen über Zettelchen, die er aus dem Hotelzimmern flattern liess. Seine Bodyguards sammelten jeweils die Geschenke ein, die die Fans für ihn mitgebracht hatten. Wenn ein Geschenk Jackson wirklich gefiel, so liess er den Fan in sein Zimmer holen. Die Fans hatten das Gefühl, Teil seines Lebens zu sein.
Reden wir nicht von diesen eingefleischten Fans, sondern von der Allgemeinheit. Jackson wurde zuletzt nur noch als Freak, als Witzfigur belächelt, bei seinem Tod fanden ihn plötzlich alle wieder einen super Künstler. Eine Heuchelei?
Das ist normal bei Todesfällen. Viele Leute sind mit Jackson aufgewachsen, mit ihm ist ein Teil ihrer Jugend gestorben. Zynisch sind eher die Medien. Genau wegen der Horror- und Freakstorys wurde seine Musik in den letzten zehn Jahren kaum mehr gespielt. Viele Jugendliche hatten Jackson deshalb gar nicht gekannt und bekamen seine Musik erst durch den Todesfall zu hören. Wenn man seine Videos dann zum ersten Mal sieht und hört, so ist dies unglaublich, da seine Musik noch immer frisch wirkt und keineswegs altmodisch oder gar nostalgisch.
Ihr Leben hat sich auch verändert, Sie wurden auf einen Schlag zum Bestsellerautor und gefragten Experten.
Das erstaunt mich noch heute. Das ist einer jener Zufälle, bei denen man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Das letzte Jahr war eine sehr spannende Zeit.
Sie kommen gerade aus dem DRS3-Studio, haben noch viele andere Medientermine. Sie lernen die andere Seite des Journalismus kennen.
Das ist lustig. Plötzlich merke ich, wie faul Journalisten sind. Man kriegt all die Kritiken zugeschickt und merkt, dass Dreiviertel der Journalisten bloss eine andere Kritik, die zuvor irgendwo erschienen ist, abgeschrieben oder den Pressetext etwas umgeschrieben haben. Das ist unglaublich! Auch völlig neu war für mich, wie man in den Foren zerfetzt wird, meist von Leuten, die das Buch gar nicht gelesen haben. Und Gerüchte über einen verbreitet werden, zum Beispiel, ich sei ein Michael-Jackson-Hasser. Man wird zur öffentlichen Figur, die ein Eigenleben entwickelt.
Und anstatt dass Sie Leute interviewen, werden Sie interviewt...
Ja, das mache ich aber sehr gerne. Ein Thema, das man im Buch in hundert Seiten abgefasst hat, auf wenige Sätze zu destillieren, ist eine interessante Aufgabe. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 25.06.2010, 12:54 Uhr






