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Mythos freie Liebe

Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 07.02.2012 20 Kommentare

In seinem neuen Buch «Die schwangere Witwe» rechnet Martin Amis mit den Errungenschaften der sexuellen Revolution ab.

1/3 Literarischer Provokateur: Der englische Schriftsteller Martin Amis (63).

   

Martin Amis: Die schwangere Witwe. Roman, Hanser. ISBN: 978-3-446-23848-0

Martin Amis: Die schwangere Witwe

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«Das sind jetzt erst mal meine Fickjahre. Sobald ich mich ausgetobt habe, lege ich mit Kinderkriegen los.» Die Frau aus Martin Amis' neuem Roman muss das sagen, sie befindet sich im Jahr 1970. Es ist die Zeit, als man der freien Liebe frönte, als sich der Sex von der Liebe trennte - oder zumindest sich zu trennen versuchte. Schliesslich heisst es im Manifest der sexuellen Revolution: «Auch Frauen haben ein Recht auf fleischliche Begierde.»

Man ahnt: Martin Amis, einer der profiliertesten Schriftsteller Grossbritanniens, macht sich wieder einmal unbeliebt. Bereits nach einem als muslimfeindlich empfundenen Essay hagelte es wochenlang Kritik, manche beschimpften den 63-Jährigen als Rassisten. In seinem neusten Buch, das in England zum Buch des Jahres gewählt wurde, rechnet Amis nun mit den Errungenschaften der sexuellen Revolution ab. «Für dieses Buch werden mich die Feministinnen hassen», liess er vor der Veröffentlichung in England verlauten. Das tönt eigentlich, als erhoffe er sich das. Die von Frauen taten ihm denn auch den Gefallen. Ihre Buchkritiken waren vernichtend, jene von Männern positiv.

«Literatur, warum hast du mir das nicht gesagt?»

Um was gehts? Zuerst einmal um den 20-jährigen Keith, der auf einem Schloss in Kampanien einen «erotisch entscheidenden» Sommer inmitten offenherziger Freunde erlebt. Zwar ist Keith mit seiner treuen Freundin Lily angereist, doch weil eben erst Pille und Emanzipation erfunden wurden, plant er, mit anderen Frauen ins Bett zu steigen. Allen voran die grossbusige Sheherazade hat es ihm angetan. Dumm nur, dass auch der kleinwüchsige italienische Graf Adriano ein Auge auf sie geworfen hat. Vor lauter Geilheit versäumt es der Büchernarr sogar, eine Proberezension fürs renommierte «Times Literary Supplement» zu schreiben. Auch weil er viel Zeit damit verbringt, die Klassiker der englischen Literatur auf Passagen zu scannen, wie oder ob überhaupt «gebumst» wird.

Die biografischen Parallelen sind unübersehbar. Nach seinem Studium in Oxford arbeitete Martin Amis als Kritiker beim «Times Literary Supplement», bevor ihm 24-jährig ein literarischer Coup mit seinem ersten Roman «Das Rachel-Tagebuch» gelang. Heute ist Amis 63 und er scheint die Meinung seines Helden Keiths (der im Buch in einer Rahmenhandlung als reifer Mann vorkommt) zu teilen: Man kann noch so viele Bücher lesen, die wichtigste Erfahrungen schenkt einem das Leben. Weshalb er seinen Helden am Swimmingpool seufzen lässt: «Literatur, warum hast du mir das nicht gesagt?»

Vor allem aber macht sich Amis über die freie Liebe respektive den tollpatschigen Umgang mit dieser lustig. Die freie Liebe gestaltete sich damals, wenn man kein Draufgänger war, offenbar als eine theoretische Angelegenheit. Nach und nach muss Keith merken, dass sich die Frauen zwar oben ohne am Pool räkeln, aber einfacher zu haben sind sie deswegen nicht: «Das Ich-Jahrzehnt war tatsächlich das Ich-Jahrzehnt – eine neue Intensität von Selbst-Versunkenheit, aber es war vor allem auch das Sie-Jahrzehnt…». Trotzdem - oder gerade deshalb - kommen in Amis Buch letztlich die Frauen, die sich dauernd flachlegen lassen, auch flach heraus. Etwa solche, die im Promiskuitätsrausch vergessen, Kinder zu kriegen, und einsam und unglücklich enden.

Plakative Altherrenfantasien

Wie immer bei Amis ist das Geschehen sprachlich fulminant und urkomisch geschildert. Doch während er in anderen Büchern geistvoll dem auf Geld, Macht und Sex fixierten Zeitgeist auf der Spur war, ist seine Allegorie auf die Baby-Boomer-Generation ein wenig banal. Die ganze Emanzipation und die sexuelle Revolution, so das Fazit, hätten gemündet in «Frauen, die wie Männer handeln». Feministinnen haben sich, wie von Amis vorausgesagt, trotzdem entrüstet zu Wort gemeldet. Die von ihm dargestellten Frauenfiguren seien plakative Altherrenfantasien, unpolitisiert und nur auf ihre Körper fokussiert. «Ich bin gleich alt wie Amis», schreibt etwa Katha Pollitt über eine Szene in «Die schwangere Witwe», «und glauben Sie mir: damals rasierte sich keine Frau die Schamhaare.»

Dass nicht alles an der sexuellen Revolution schlecht war, weiss natürlich auch Martin Amis. Aus seinem Buch kommt das zwar kaum hervor. Doch der seltsame Titel, der von einem Essay des russischen Denkers Alexander Herzen stammt, ist da versöhnlicher: Das Resultat einer Revolution ist wie eine schwangere Witwe; der Vater ist tot, aber das Kind ist noch nicht geboren. Und bis das Baby zur Welt kommt, dauert es. «Männer und Frauen haben immer noch kein vernünftiges Verhältnis zueinander gefunden», sagte Amis kürzlich in einem Interview. Die Witwe ist offenbar auch 40 Jahre nach der Empfängnis immer noch schwanger. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.02.2012, 11:12 Uhr

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20 Kommentare

Marc Winter

07.02.2012, 11:58 Uhr
Melden 14 Empfehlung

Das Thema scheint mir abgelutscht, der Mythos der freien Liebe hat seine Anziehungskraft längst verloren, da wir unsere Partner heute selbstbestimmt wählen können. Mann und Frau haben heute ganz andere Sorgen. Antworten


Tina Kuster

07.02.2012, 11:47 Uhr
Melden 13 Empfehlung

Typisch ältere Generation Männer. Haben immernoch das Gefühl, sie seien besser als Frauen (wir sind alle gleich gut!) und obwohl die Frauen das selbe machen wie die Männer (hemmungsloser Sex), ist es bei den Frauen verabscheuungswürdig und als Mann gilt man als Held. Eigentlich überflüssig, sich hier aufzuregen, aber ich kann es nicht verhindern, wenn ich von so einem sexistischen Mann höre. Antworten



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