«Man traut Tamiflu die Erlösung zu»
Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 02.08.2009 7 Kommentare
«Bei der Schweinegrippe ist viel Panikmache»: Schriftsteller Lukas Hartmann.
Der Autor
Lukas Hartmanns Roman «Die Seuche» ist seit diesem Frühling als Diogenes-Taschenbuch erhältlich. Darin schildert er das Leben während der Pest-Pandemie im Bern des 14. Jahrhunderts und bringt die damaligen Ereignisse in Verbindung mit Aids in Afrika.
Zuletzt erschien von ihm «Bis ans Ende der Meere», ein Roman über die letzte Expedition von Captain James Cook.
www.lukashartmann.ch
Sie brachten in «Die Seuche» die bisher schlimmste Pandemie der Geschichte, die Pest, in Verbindung mit Aids. Könnten Sie heute mit der Schweinegrippe den Roman anders schreiben?
Nein. Die Schweinegrippe ist von der Schwere der Symptomen her nicht mit der Pest vergleichbar. Im Gegensatz zur Pest oder dem Aids-Virus in Afrika ist die Schweinegrippe - zumindest bisher - harmlos. Greifbar wird die Aktualität bei den Reaktionen der Leute. Die Angst, die Hysterie ist sehr gross.
Die Sterberate bei der Schweinegrippe ist nicht höher als bei jeder normalen Wintergrippe, dennoch die Aufregung. Wirkt der Schrecken der Pest bis heute nach?
Es ist schon möglich, dass es so etwas wie eine kollektive, diffuse Erinnerung gibt. Die meisten Leute wissen aber nicht, dass die Pest die grösste Katastrophe war, die je über das Abendland gekommen ist, dass fast ein Drittel der Bevölkerung starb. Eine Kombination aus Angst, Neugier und Lust scheint beim Begriff «Pandemie» dennoch zu einem Reflex zu führen, der die Leute in Aufregung setzt. Die Medien tragen mit ihrer Berichterstattung auch nicht unbedingt zur Beruhigung bei.
Bei der Vogelgrippe war die Aufregung ähnlich, ohne dass etwas passiert ist. Stumpft dieser Reflex mit der Zeit ab?
Ich glaube schon. Heute verbreiten die Medien fast nur noch das Worst-Case-Szenario. Da steht dann, wir müssten in der Schweiz mit bis bis zwei Millionen Kranken und 2000 Toten rechnen. Das ist Panikmache. Aber offenbar ist das heute nötig, um Aufmerksamkeit zu erregen und dafür zu sorgen, dass die Leute Tamiflu kaufen und sich impfen lassen.
Das sagen Sie, obwohl Sie die Auswirkungen der Pest so genau studiert haben?
Die Pest war eine Krankheit von einem ganz anderen Kaliber. Am ehesten wäre sie mit der Spanischen Grippe 1918 vergleichbar, die einen ungleich schwereren Verlauf nahm. Zudem traf die Grippe auf eine erschöpfte, anfällige Bevölkerung am Ende des ersten Weltkriegs.
Kommen wir zurück zu den Reaktionen der Leute. Bei der Pest flüchteten die vermeintlich Gesunden aus den Dörfern, so auch die Hauptpersonen in Ihrem Buch. Wie zeigt sich diese Flucht jetzt bei uns?
Heute ersetzen Tamiflu und Schutzmasken den Fluchtreflex. Das Medikament gibt Hoffnung, man werde alles überstehen. Man traut solchen Mitteln die Heilung, ja die Erlösung vom «Übel» zu. Das ist eine ähnliche Reaktion wie damals, nur, dass sie sich anders kostümiert.
Faszinierend in Ihrem Buch ist der Bussgang. Dass man sich selbst geisselt, um zur Erlösung zu gelangen, erscheint einem modernen Menschen völlig abwegig.
Ja, das ist unserer Zivilisation abhanden gekommen. Etwas davon zeigt sich vielleicht im Gesundheits- und Diätwahn der reichen und satten Gesellschaften: Man rackert sich ab, man leidet im Fitnessraum, um gesund zu bleiben. Und so büsst man gleichsam für ein Leben im Überfluss. Es ist dann aber nicht mehr die christliche Moral, der man sich unterwirft, es sind ästhetische Normen, denen man entsprechen will.
Eine weitere Reaktion bei der Pest war, dass man einen Sündenbock suchte und bei den Juden fündig wurde.
Das Bedürfnis, Sündenböcke zu finden, verschwindet nie. Bei der Schweinegrippe wurden am Anfang die Mexiko-Reisenden in Quarantäne gesteckt, sogar ein ganzer Gemeinderat wurde isoliert. Das scheint uns durchaus vernünftig und angemessen zu sein; vielleicht erschien es im Mittelalter den Leuten ebenso vernünftig, dass man die Juden umbrachte, weil sie doch so eindeutig die Brunnenvergifter waren. Bei allen Massnahmen, bei allen Forschungsergebnissen bleibt ein Rest Unwissenheit, auch heute. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.08.2009, 20:11 Uhr
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7 Kommentare
Es gibt keine Angst oder Hysterie in der Bevölkerung. Ich kenne niemanden, der auf Ferien verzichtet, mit Schutzmaske rumläuft oder Veranstaltungen absagt. Alle Leute verhalten sich völlig normal. Nur die Journalisten predigen Angst und Hysterie, dies wird aber von der breiten Bevölkerung zu recht ignoriert. Antworten
Herzlichen Dank für das differenzierte Interview. Es tut gut wenn einer in grossen Zusammenhängen über ein so wichtiges Thema AFFEKTFREI/objektiv nachdenkt. Zum Glück gibt es immer wieder Menschen, die sich vom Massenterror nicht abbringen liessen. Unter Entbehrung hartnäckig ihrer Ueberzeugung folgten.. (Paracelsus, Einstein, Kopernikus, Da Vinci, Kolumbus, Luthe) sie sind heute noch wahre Helden Antworten






