Kultur

«Liebe Frau Merkel, ich grüsse Sie aus der Ferne»

Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu hat einen offenen Brief an Angela Merkel geschrieben. Er darf nicht nach Deutschland reisen.

Bitten die Bundeskanzlerin um Hilfe: Liao Yiwu.

pd

Die deutsche Bundeskanzlerin bekommt Post aus China. «Liebe Frau Merkel, ich grüsse Sie aus der Ferne», beginnt der Brief. Absender ist der Schriftsteller Liao Yiwu, der in Deutschland immer bekannter wird, je seltener er kommt. Letztes Jahr durfte er nicht zur Frankfurter Buchmesse. Dieses Jahr darf er nicht zur lit.cologne, die vom 10. bis 20. März in Köln statt findet. Chinas Staatssicherheit verweigert ihm erneut die Ausreise. Diesmal aber will Liao bis zuletzt dagegen kämpfen. Daher sein Brief an Angela Merkel. «Ich bitte Sie inständig, machen Sie den aussenpolitischen Einfluss der von Ihnen geführten deutschen Regierung geltend, dass ich bei der lit.cologne nicht noch einmal fehle wie bei der Frankfurter Buchmesse im vergangenem Jahr!», schreibt Liao. Der Brief ist bereits auf dem Weg ins Kanzleramt. Ob Liao wirklich hofft, Intervention aus Deutschland könnte ihm helfen, oder ob er nur seinen grossen PR-Erfolg aus Frankfurt wiederholen möchte, wo er trotz Abwesenheit in aller Munde war, ist unklar. Beides wäre ihm jedoch von Herzen zu wünschen.

Erinnerungen an DDR-Zeiten

Es fällt auf, dass China seine Kritiker immer häufiger mit Aus- oder Einreiseverboten überzieht. Manche müssen daheim bleiben. Andere, wie der Bürgerrechtler Feng Zhenghu, der seit drei Monaten auf dem Flughafen Narita in Tokio festsitzt, dürfen nicht nach Hause. Diese Strategie erinnert unangenehm an alte DDR-Zeiten, als sich der Bahnhof Friedrichstrasse den Namen «Tränenpalast» erwarb. Sicherlich werden sich aber wieder einige deutsche Sinologen finden, die selbst diesen perfiden Einsatz chinesischer Grenzer noch mit guten Argumenten zu verteidigen wissen. Chinas Kommunistische Partei allerdings reagiert sehr wohl auf internationalen Druck. Weil die Schlagzeilen über den Flughafenbewohner Feng überhand nahmen, soll ihm nun doch bald die Heimreise erlaubt werden.

Sehr oft aber erfährt die Öffentlichkeit überhaupt nichts von den Reiseverboten. Dann haben die Zensoren gesiegt, wie etwa im Fall des Designers Chen Shaohua, der nicht zu dem Wettbewerb Designprozess China Deutschland 2008 nach Düsseldorf reisen durfte. Er war als Mitglied der Jury eingeladen, doch in China war er auch als kritischer Blogger aufgefallen. Er hatte den Tod Tausender von Schulkindern beim Erdbeben in Sichuan thematisiert und nach der Verantwortung seiner Regierung für die schäbig gebauten Schulen gefragt.

Offensive als einziger Ausweg

Ein drohender Anruf eines chinesischen Diplomaten in Deutschland bei den Veranstaltern genügte damals, und diese luden Chen zitternd wieder aus. «Dass mich meine eigene Regierung schikaniert, wundert mich nicht, aber warum machen die Deutschen die Arbeit der Zensoren?», fragte Chen kürzlich in einem Interview der «Süddeutschen Zeitung».

Wenn solche Entgleisungen des deutsch-chinesischen Kulturaustausches nicht Schule machen sollen, ist wohl eine offensive Strategie wie die Liao Yiwus und der Veranstalter der lit.cologne der einzige Ausweg. Die Veranstalter haben angekündigt, Lesungen von Liaos «Fräulein Hallo und der Bauernkaiser» würden nun erst recht stattfinden. Und Liao setzt geschickt die DDRVergangenheit Merkels ein, um sein Ausreiseverbot publik zu machen. «Sie sind deutsche Kanzlerin, und Sie wissen aus eigener Erfahrung, was Diktatur bedeutet – vielleicht wurden auch Sie mit Füssen getreten, vielleicht wurden auch Sie gedemütigt, vielleicht wurde auch Ihre Freiheit eingeschränkt», schreibt ihr Liao, mit einem Gruss aus der Ferne. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2010, 14:45 Uhr

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