Kosmisches Comic-Comeback

Versager, Nerds, glücklose Aussenseiter – sie sind das Spezialgebiet von Daniel Clowes: Jetzt legt der US-amerikanische Autor mit «Patience» ein spektakuläres Comiccomeback vor.

Der Trailer zum Film «Ghost World», der nach Vorlage von Clowes entstand.


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Erinnert sich noch jemand an «Ghost World»? Der Comic um zwei zynische Provinzrumtreiberinnen auf der Suche nach dem Erwachsenwerden wurde 2001 mit Scarlett Johansson und Thora Birch verfilmt. Die Oscarnomination fürs beste Drehbuch teilte sich Regisseur Terry Zwigoff mit Co-Autor Daniel Clowes, der «Ghost World» konzipiert und gezeichnet hatte.

Clowes, damals 41-jährig, standen alle Wege offen, doch sein künstlerischer Output blieb in der Folge bescheiden. In knapp zwanzig Jahren publizierte er nur fünf weitere Graphic Novels.

Kaum Geld, bald tot

Umso spektakulärer fällt nun das Comeback des 55-jährigen US-Amerikaners aus. Wobei man spektakulär nicht mit reisserisch oder populär verwechseln sollte. Das Comicalbum «Patience», auf dem Buchumschlag kurz als «kosmischer Horrortrip zum Ursprung der ewigen Liebe» angepriesen, beginnt mit einer Schwangerschaft. Titelheldin Patience und ihr Mann Jack, die garstige Jugendzeiten erlebten, erkennen sich als gegenseitige Erlöser vom Bösen.

Und sie träumen vom stillen Glück zu dritt. Geld ist zwar wenig da, dafür Gewissensbisse wegen allerlei Notlügen. So weit typisch Clowes. Wobei sich einwenden liesse, dass hoffnungsvollere Skizzen von geplagten Seelen in seinem Werk schwer zu finden ist. Aber dann – zackbumm!!! – liegt Patience ei­nes Abends tot in der Stube. Ermordet. Und Jack schmort bald darauf als Hauptverdächtiger ein Jahr in Untersuchungshaft.

Als er nur zwei Comicseiten später wieder rauskommt, sinnt er auf Rache, und wir springen vom Jahr 2012 brüsk nach 2029, wo wir einem grauhaarigen Mann in einer Bar begegnen: Jack ist zum verbitterten Säufer geworden, dessen einzige Hoffnung darin besteht, mittels Zeitmaschine in die Vergangenheit zu reisen, um die Dinge richten zu können. Völlig gaga?

Mag sein, aber das ist erst der Anfang dieses Comicabenteuers, in dem es plötzlich um Teleporter, Saft und Notizen geht, die man an­geblich für die Zeitreise braucht. ­Erstaunlich immerhin: Clowes weicht dem klassischen Science-Fiction-Paradox nicht aus (wenn eine ältere Figur ihrem jüngeren Selbst begegnet), sondern lässt seinen nerdigen Helden sagen: «Dieser ganze Scifi-Schwachsinn ist einfach zu viel für mein Erbsenhirn. Aus dem Grund hab ich immer Bernies Notizbuch dabei, falls ich mal nicht weiterweiss . . .» Diese Sprechblase ist Programm, denn natürlich erfährt der Leser nie, was in besagtem Notizbuch steht (Alfred Hitchcock nannte solche scheinbar wichtigen Objekte MacGuffins). Aber wer nun zu wissen glaubt, was folgt, muss erkennen, dass auf einmal alles möglich scheint, auch auf formaler Ebene: Clowes verwendet in «Patience» extrem grelle Farben, variiert die Panelgrössen nach Belieben, legt Sprechblasen über die Gesichter, und manchmal schneidet er Dialoge am Seitenrand einfach ab.

Patience und die Geduld

Zufall? Nein, Zufall ist in diesem Comic nichts. Denn Patience ist nicht nur der Name der weiblichen Hauptfigur, der Titel spielt auch auf die Geduld an, die man sowohl als zeitreisender Jack wie als Leser haben sollte. Wer durchhält, wird reich belohnt. Und es zeigt sich, dass noch die nebensächlichste Figur von solcher Bedeutung ist, dass man am Ende des Buchs unweigerlich wieder von vorne beginnen muss.

Trailer «Wilson» Quelle: Youtube.com/FoxSearchlight

Das alles zeugt von enormer Erzählraffinesse, und man mag bedauern, dass das Werk dieses Künstlers nicht umfangreicher ist. 2017 wird dennoch zum Jahr von Daniel Clowes. Gemäss Filmbranchenblatt «Variety» arbeitet der Autor bereits an einer Drehbuchfassung von «Patience». Und «Wilson», ein früherer Comic von Clowes, ist gerade dieser Tage in den US-Kinos angelaufen.

Das Werk handelt von einem grantigen alten Eigenbrötler, verkörpert von Woody Harrelson, und auch da zeichnet Clowes (wie schon bei «Ghost World») als Drehbuchautor verantwortlich. Fragt sich nur, ob sich bald ein Schweizer Filmfestival oder ein Verleih findet, der «Wilson» hierzulande ebenfalls auf die Leinwand bringt.

Daniel Clowes: «Patience», Reprodukt. 178 S. (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.04.2017, 10:33 Uhr

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