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In den Mühlen der Skandalmaschine

Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 18.08.2011 2 Kommentare

Immer schneller dreht sich das Skandalkarussell um Politiker und andere Persönlichkeiten – wie solche Skandale funktionieren und woher der moralische Rigorismus kommt, den sie bemühen, zeigt ein neues Buch.

1/6 Christian von Boetticher gibt auf einer Pressekonferenz seinen Rücktritt bekannt, nachdem eine zurückliegende Affäre des 40-Jährigen mit einer damals 16-Jährigen Schülerin aufgeflogen war.

   

Marc Polednik, Karin Rieppel: «Aufstieg und Absturz in der Medienwelt», Klett-Cotta-Verlag, ISBN: 3-608-94623-3

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Wir haben kaum Strauss-Kahns angebliche Attacke auf das Zimmermädchen verdaut, da strauchelt schon der nächste Politiker über seine ungezügelten Leidenschaften. Nachdem die Affäre des deutschen CDU-Politikers Christian von Boetticher mit einer Sechzehnjährigen an die Öffentlichkeit gelangt war, trat der Minister tränenreich von allen Spitzenämtern zurück. Derweil wird auf allen Kanälen diskutiert, ob eine solche Beziehung moralisch verwerflich sei, ob es denn nicht doch vielleicht bloss Liebe war oder ob der eigentliche Sündenfall im Medium der Liebesbotschaft, nämlich der Benutzung von Facebook, lag.

Tragische Abstürze

Der Fall von Boetticher passt nahtlos in die Reihe tragischer Abstürze prominenter Medienpersönlichkeiten: Strauss-Kahn, Guttenberg, Kachelmann, Sarrazin, Herman, Friedman – die Liste liesse sich beliebig fortsetzen. Dabei werden angeblich moralische Vergehen um Sex, Drogen, Intrigen und Lügen medial skandalisiert. Aber geht es bei diesen Fällen wirklich um Moral?

Diese Frage stellen sich die Autoren Marc Polednik und Karin Rieppel, die in ihrem neuen Buch «Gefallene Sterne» anhand zahlreicher Beispiele die Anatomie solcher Skandale untersuchen und dabei interessante Fragen stellen. Zum Beispiel, warum private Angelegenheiten, wie etwa im obigen Beispiel die Beziehung eines CDU-Politikers zu einer deutlich jüngeren Frau, plötzlich zu einem öffentlich diskutierten moralischen Vergehen werden.

Oder woher der Rigorismus kommt, aus dem sich die Skandal-Maschinerie nährt und der moralische Massstäbe setzt, dem kaum ein normaler Mensch zu entsprechen vermag. Sie fragen, warum es eigentlich gerade die einen trifft, die anderen aber nicht, warum die einen endgültig fallen, andere aber als reuige Sünder zurückkehren, wer die Skandale konstruiert, warum und wie. Und zuletzt: ob bei all diesen Fällen nur eine Moral, diejenige des Kapitalismus, wirkt.

Als Journalisten kennen die beiden Autoren den Medienbetrieb aus dem Effeff. Somit wissen sie auch, dass solche Skandale mitnichten Naturereignisse, sondern sorgsam inszenierte Erzählungen, ja ein «neues journalistisches Genre» sind, wie die Autoren schreiben. Dabei geht es um journalistischen Jagdinstinkt und die Ausübung öffentlicher Macht, es geht um Interpretation, die Bewertung von Charakteren, Motiven, Stimmungen und Beziehungen.

Die Autoren haben auch die moralischen Watch-Dogs und prominenten Dauerkommentierer identifiziert, von Alice Schwarzer bis Henryk M. Broder, die quasi immer lauern, um beim geringsten Anlass beinahe zwanghaft einzuordnen, zu beurteilen, zu loben oder zu verdammen. Der jeweilige Anlass scheint dabei sekundär, zuweilen sogar nichtig. Entscheidend sind die Stellung und das Profil der Kommentatoren im Mediengefüge selbst.

Relevanz ist nebensächlich

Das Buch arbeitet die grössten Medienskandale der letzten Jahre akribisch auf, bietet eine distanzierte Perspektive auch auf die Nachbearbeitung der jeweiligen Fälle, und es stellt gute Fragen. Es zeigt auf, dass nicht das Vergehen einer Person entscheidend ist, sondern die Logik des Skandals. So können private und eigentlich harmlose Vorfälle nach Dienstschluss schnell zur Katastrophe dämonisiert werden, wenn sie im Widerspruch zur medialen Wahrnehmung der Person stehen.

In der Empörung werden Fragen nach Relevanz oder Schutz von Persönlichkeitsrechten der Betroffenen schnell obsolet – denn schliesslich geht es um den Geltungsanspruch sozialer Normen. Schliesslich werfen die Autoren einen Blick auf Strategien, wie die Betroffenen mit solchen Skandalen umgehen: von Margot Kässmann, die wegen eines Vorfalls mit zu viel Promille am Steuer sofort zurücktrat und ein Comeback als eigentliche Rücktritts-Ikone feiern durfte, bis zu Guttenberg, dessen stufenweises Eingeständnis seiner Fehler einen fatalen Eindruck des Strauchelns hinterliess.

Einige Überlegungen widmen die Autoren auch neuen medialen Dynamiken im Zeitalter von Twitter, Facebook und Co., und sie sehen im Fall Guttenberg eine Skandal-Zeitenwende. Heute müsse jeder, der in der Öffentlichkeit steht und sich etwas zuschulden kommen lässt, mit dem Internet als schneller, anonymer, effektiver und gnadenloser Instanz bei der Aufdeckung selbiger rechnen. Und mit schneller, organisierter Stimmungsmache.

Ob das, abgesehen vom Tempo der Anschuldigungen und Rücktritte, so anders ist als früher, darf angezweifelt werden. Sicher aber wird es für Politiker, Sportler und andere Prominente in Zukunft noch schwieriger, eine grosse Karriere skandalfrei zu beenden. Denn nichts ist so attraktiv wie ein gefallener Held. Dies zumindest ist seit der Antike unverändert geblieben. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.08.2011, 13:57 Uhr

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2 Kommentare

Christian Cortesi

18.08.2011, 13:57 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Ich finde das gut. Genug habe ich von Moralin geschwängerten Instanzen und "Vorbildern" die dann, sobald die Kamera aus ist, zu richtigen Schweinen werden. Betrügen, Vergewaltigen und Lügen. Wie sagt man uns jeweils, wer nichts verbrochen hat, hat auch nichts zu befürchten. Bumerang nennt man das. Antworten


Peter Gnann

18.08.2011, 18:41 Uhr
Melden

Warum ist eigentlich der Presidente anscheinend immun gegen solche Skandale? Er vernascht reihenweise junge Girls, ist stolz drauf, während der deutsche Minister beteuert, seine Sechzehnjährige geliebt zu haben und in aller Öffentlichkeit losheult. Lässt sich das mit unterschiedlichen Mentalitäten erklären? Antworten



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