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Ich werde Seemann. Oder Seehund

Von Thomas Bodmer. Aktualisiert am 29.09.2011

Nikolaus Heidelbachs neues Buch nimmt Kinderängste ernst. Darum ist es so wichtig.

Wem gehört wohl das geheimnisvolle Seehundfell?

Wem gehört wohl das geheimnisvolle Seehundfell?
Bild: Illustration: Nikolaus Heidelbach

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Gross war der Aufschrei unter Kinderfreundinnen und -freunden, als im Herbst 1963 Maurice Sendaks «Where the Wild Things Are» erschien. «Dieses Buch darf man nicht liegen lassen, wo ein empfindsames Kind im Zwielicht darauf stossen könnte», schrieb eine Bibliothekarin, und der Autismus-Spezialist Bruno Bettelheim warnte, es kombiniere zwei der grössten Kinderängste überhaupt: «ohni Znacht is Bett» und von der Mutter verlassen zu werden.

Kinder sahen das anders. Ihnen gefiel das Buch, gerade weil es diese Ängste ernst nahm und durchspielte. Irgendwann begriffen das dann auch die Erwachsenen und verliehen Sendak 1970 das Äquivalent des Nobelpreises für Kinderbuchautoren, den Hans-ChristianAndersen-Preis.

Am Schluss ist die Mama weg

Auch wenn es um Bücher des deutschen Künstlers Nikolaus Heidelbach geht, stellen Erwachsene die bange Frage: «Kann man das Kindern zumuten?» Und besonders laut ertönt sie jetzt wieder anlässlich von «Wenn ich gross bin, werde ich Seehund». Denn im Gegensatz zu Sendaks Buch ist hier am Schluss die Mama wirklich weg. Sie gehört nämlich zu jenen Wesen, die im Meer als Seehunde leben, aber ihr Fell abstreifen und an Land als Menschen leben können. «Das Fell verstecken sie und hüten es wie einen Schatz, damit sie wieder ins Meer können, wenn sie genug Mensch gewesen sind.» So hat das die Mama dem Icherzähler von «Wenn ich gross bin . . .» einmal erklärt, als Papa, ein Seemann, wieder auf dem Meer war.

Unser Icherzähler hat von seiner Mama viel geerbt: «Schwimmen habe ich nie gelernt, ich konnte es schon immer», teilt er uns gleich im ersten Satz des Buchs mit, und tatsächlich tut er nichts lieber, als im Meer zu schwimmen. Darin gibt es aber auch viel interessantere Geschöpfe als auf dem Land, wie er aus Mamas Erzählungen weiss. In der schönsten Sequenz des Buchs zieht sich über acht Seiten eine Parade von Meeresbewohnern, die von einer gewöhnlichen Makrele bis zu einem Plumeauktopus reicht, unter welchem unser Held so selig schläft, dass er nicht einmal mehr spürt, dass ein Seepony ihn auf die Nase küsst. (Diese Seiten würde man sich als Leporello wünschen, so umwerfend schön sind sie aquarelliert.)

Und wie reagieren denn jetzt Kinder auf das Buch? Einer Siebenjährigen, das sei nicht verschwiegen, fuhr es so in die Knochen, dass sie eine Zeit lang bei Mama im Bett schlafen musste. Ihre ältere Schwester hingegen findet das Buch grossartig. Das Band zwischen dem Icherzähler und seiner Mama ist nämlich nicht einfach abgerissen: Ab und zu findet er am Strand zwei frische Makrelen für sich und Papa. Und eines hat er beschlossen: «Wenn ich grösser bin, werde ich Seemann. Oder Seehund.» Es ist an der Zeit, dass Heidelbach den Hans-Christian-Andersen-Preis erhält.

Nikolaus Heidelbach: Wenn ich gross bin, werde ich Seehund. Beltz & Gelbberg, Weinheim 2011. 32 S., ca. 22 Fr. (ab 10 Jahren). (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.09.2011, 15:49 Uhr

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