«Ich weiss, du kommst wieder»
Von Erika Achermann. Aktualisiert am 01.10.2009
Im Gespräch über die totgeschwiegene Vergangenheit: Hertha Müller mit Oskar Pastior.
Als der 17-jährige Leo Auberg, Gymnasiast im rumänischen Hermannstadt, im Januar 1945 nachts um drei Uhr von den Soldaten abgeholt wird, verabschiedet ihn seine Grossmutter mit dem Satz: «Ich weiss, du kommst wieder.» Nach fünf Jahren Schufterei und Hungerleiden im Arbeitslager in der ukrainischen Steppe kehrt der 22-Jährige tatsächlich heim. Immer hatte er jenen magischen Satz im Kopf gehabt. Doch als er wieder zu Hause ist, gelingt es ihm nicht mehr, sich einzuleben: «Ich atmete russisch (...) und roch nach Entfernung.» Niemand will wissen, was er in der Ukraine erlebt hat. Alle schweigen. Es gab Gründe für dieses Schweigen.
Poesie des Dichterfreundes
Die 1953 in einem deutschsprachigen Dorf in Rumänien geborene Schriftstellerin Herta Müller wanderte 1987 in die Bundesrepublik Deutschland aus und hat zahlreiche Preise für ihr Werk erhalten. Die Geschichte, die sie in «Atemschaukel» erzählt, ist jene von Oskar Pastior, dem Dichter aus Hermannstadt. Er gehörte zu den 17- bis 45-jährigen Männern, die nach dem Einmarsch der Russen in Rumänien in die Sowjetunion deportiert wurden – zum Wiederaufbau, weil die Russen sie für Hitlers Verbrechen verantwortlich machten. Herta Müller erklärt im Nachwort zu «Atemschaukel»: «Ich wusste, dass auch Oskar Pastior deportiert war, und erzählte ihm, dass ich darüber schreiben möchte. Er wollte mir helfen mit seinen Erinnerungen. Wir trafen uns regelmässig, er erzählte und ich schrieb es auf. Doch bald ergab sich der Wunsch, das Buch gemeinsam zu schreiben.»
Dazu kam es nicht. Pastior starb im Herbst 2006 unerwartet. Herta Müller beschloss, den Roman allein zu schreiben. Denn sie hatte mehrere Notizbücher voller Aufzeichnungen. So hört man in «Atemschaukel» auch Pastior erzählen. Die wunderbarsten poetischen Momente, wie sie nur ein Sprach- und Phantasiekünstler vor dem Hintergrund des höllischen Lebens in einem sowjetischen Arbeitslager (er)finden konnte, müssen von Pastior inspiriert oder direkt von ihm zitiert sein. Denn Herta Müller war bisher «verbissener» und weniger verspielt im Umgang mit der Diktatur.
So entsteht eine Irritation. Was ist in «Atemschaukel» Tatsachenbericht, was Fiktion? Wer Pastior gekannt hat, möchte das genauer wissen. Der «normale» Leser jedoch hat einfach ein poetisches Werk über die Hölle auf Erden vor sich, durch die ein junger Rumäniendeutscher gegangen ist, der als 17-Jähriger zunächst so etwas wie Abenteuerlust empfand und dann eine unglaubliche Lebensenergie entwickelte, um im Lager ein – wenn auch absurd anmutendes – Alltagsleben zu finden. Das gelang ihm nur mit Witz. So zumindest wirkt es im Rückblick, in diesem hellwachen Roman, der trotz oder gerade wegen seiner poetischen Sprache die Schrecken nicht mindert.
Der Hungerengel
Man muss daraus zitieren, um anschaulich zu machen, dass Oskar Pastior vermutlich bereits im Lager zu seiner Sprachkunst fand. So beschreibt er beispielsweise das eintönige Lagerleben, reduziert auf Appell, Hunger, Kohle abladen, Kohle schaufeln, immer zu zweit oder zu dritt: «Den Hungerengel nicht mitgezählt, denn man war sich nicht sicher, ob es einen Hungerengel für uns alle gibt oder jeder seinen eigenen hat», so Leo Auberg, das Alter Ego von Pastior im Roman. «Masslos genähert hat er sich jedem.» Der Hungerengel war immer da, ohne dass man ihn sehen konnte.
Im hohen Alter erklärt die Romanfigur Leo Auberg: «Für mich ist das Essen auch 60 Jahre nach dem Lager eine Erregung. Ich esse mit allen Poren.» Seit der Heimkehr fühlt er sich jedoch «nicht mehr gebraucht», fühlt sich vernachlässigt. Das ist also die Freiheit, so seine Erkenntnis. Er ist «vom Hunger belehrt und aus Demut unerreichbar, nicht aus Stolz.» So war auch Oskar Pastior. Wie Herta Müller lebte er in Berlin. In Rumänien hatten nach der Ceausescu-Diktatur die Russlanddeportierten geschwiegen, weil dieses Kapitel der Geschichte an die faschistische Vergangenheit Rumäniens erinnerte.
Herta Müller: Atemschaukel. Hanser Verlag, 297 Seiten. (Berner Zeitung)
Erstellt: 01.10.2009, 14:15 Uhr
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